Stuttgart - Das Milliardenprojekt Stuttgart 21 sorgt wieder für Schlagzeilen. Die Deutsche Bahn (DB) hat ein Video ins Netz gestellt, das für Hohn und Spott sorgt. In dem Clip erklärt das Verkehrsunternehmen, dass der Stuttgarter Tiefbahnhof ohne Klimaanlage auskommen wird. Begründet wird dies mit der Lage unter der Erde. Die Bauteile würden die Temperatur des Untergrunds annehmen, sagt Projektmanager René Krull in dem Video. „Das massige Bauwerk im Zusammenspiel mit der Einbettung in das Erdreich bewirkt, dass die Temperaturen hier im Inneren relativ konstant bleiben.“
Der Bahnhof liege am tiefsten Punkt des Stuttgarter Talkessels, alle Tunnel führten nach oben, heißt es in dem Video. Zum einen soll die Luft beim Einströmen in den Tiefbahnhof abgekühlt werden. Zum anderen sollen ein- und ausfahrende Züge durch die Luftzirkulation die Temperaturen senken. Im Video werden zwei Thermometer gezeigt: Im Außenbereich des Bahnhofs werden knapp 35 Grad gemessen, am Bahnsteig rund 23 Grad. Ob die Werte auch im Betrieb – bei gefüllten Bahnsteigen – eingehalten werden, wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Jüngst hat die Bahn die Eröffnung auf Ende 2031 verschoben.
Während es aus dem Rathaus heißt, dass Oberbürgermeister Frank Nopper erst nach eingehender Prüfung der praktischen Auswirkungen Stellung nehmen werde, äußert sich das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 kritisch. Die Projektgegner haben große Zweifel, dass mit dem bestehenden Konzept ganzjährig für ein angenehmes Klima gesorgt werden kann.
Das Aktionsbündnis verweist auf zahlreiche Kommentare aus sozialen Netzwerken. Darin werden Erfahrungen aus anderen unterirdischen Bahnhöfen geschildert. Als Beispiele für unerträgliche Hitze werden der London Underground und die Metro in Paris genannt. In Lissabon seien Klimaanlagen nachgerüstet worden. Aber auch in den Haltestellen entlang der Stuttgarter S-Bahn-Stammstrecke könne es im Sommer unerträglich stickig werden. Den Unterschied zur S-Bahn erklärt ein Bahnsprecher mit der Länge der anschließenden Tunnel. Die seien beim neuen Tiefbahnhof zwischen drei und neun Kilometer lang und lägen bis zu 220 Meter unter der Erdoberfläche – beispielsweise auf der Filderebene. „Die S-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof ist hingegen nur wenige Dutzend Meter vom Tunnelportal, das im Gleisvorfeld des alten Kopfbahnhofs liegt, entfernt, und profitiert daher nicht von in beidseitigen Tunneln abgekühlter Luft“, sagt der Sprecher.
Die Projektgegner bleiben dennoch skeptisch: „Wenn so viele Menschen fachlich begründete Einwände und Erfahrungen vorbringen, erwarte ich von der Bahn die sofortige Veröffentlichung der wissenschaftlichen Untersuchungen zu ihrem Klimakonzept“, sagt Dieter Reicherter, Sprecher des Aktionsbündnisses. Er hofft, dass er nicht wie bei dem nicht veröffentlichten S21-Revisionsbericht einen förmlichen Antrag auf Informationszugang stellen muss.
„Es stünde der Bahn gut an, mehr auf überprüfbare Sachlichkeit zu achten“, fügt Diplom-Ingenieur Wolfgang Grohe, Mitglied der Fachgruppe Ingenieure22, hinzu. Der Arbeitskreis von Ingenieuren, Eisenbahnern, Technikern und Naturwissenschaftlern sieht ein weiteres Riesenproblem auf Bahnkunden zukommen. „Angesichts der zur Normalität gewordenen Extremhitze muss die DB nachweisen, ob und inwieweit Tiefbahnhof und S21-Tunnelsystem den neuen Herausforderungen gewachsen sind.“ Der SÖS-Fraktionsvorsitzende Hannes Rockenbauch kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: Aus seiner Sicht gehe es bei Stuttgart 21 aber mehr um Kelchstützenoptik als um einen funktionierenden Bahnhof.

