Man kann es sich kaum vorstellen. Aber vielleicht hat er den Bogen diesmal wirklich überspannt. Obwohl das bisher fast nicht möglich erschien. Egal, wie absurd so mancher Gedanke war, Gianni Infantino konnte ihn durchsetzen. Die WM-Aufstockung auf 48 Mannschaften, ein Friedenspreis für Donald Trump, die nächste WM auf drei Kontinenten, die darauffolgende in Saudi-Arabien – und zuletzt eine Fußball-Weltmeisterschaft in drei Ländern mit 16 unterschiedlichen Anstoßzeiten und einer Halbzeitshow, die nicht so recht in die im Regelwerk vorgesehene 15-Minuten-Pause passte. Dazu die Begnadigung eines Rotsünders nach der Intervention des US-Präsidenten.
Gab’s irgendwo irgendein Problem? Nicht für den Präsidenten des Fußball-Weltverbands Fifa. Nun aber ist das anders. Der 56-jährige Schweizer hat seine Macht letztlich doch überschätzt und seine neueste Idee lediglich im engen Zirkel abstimmt, in den offenbar nicht mal bisherige Vertraute eingebunden waren. „Ich war an diesem Vorschlag in keiner Weise beteiligt“, sagte etwa Carlos Cordeiro, immerhin bisheriger Chefberater des Fifa-Bosses. Er trat am Freitag zurück.
Ausschlaggebend war nicht nur, dass er und wichtige Gremien nicht frühzeitig eingebunden waren. Sondern, dass Cordeiro die Idee ablehnt. Mit bemerkenswerten Argumenten. Denn plötzlich gehen Begleiter wie Cordeiro den bisher als Fifa-Konsens geltenden Weg der maximalen Gewinnsteigerung nicht mehr mit. Infantino wollte mit der Gründung eines Unternehmens zum Zweck des Verkaufs von Rechten der WM an private Investoren noch mehr Geldströme als ohnehin schon in den Verband leiten – und lockte die Landesverbände mit der Aussicht auf weitere Millionenzuwendungen. Cordeiro erklärte jedoch: „Wenn die Mitgliedsverbände der Ansicht sind, dass zusätzliche Investitionen zur Weiterentwicklung des Sports erforderlich sind, verfügt die Fifa bereits über die finanziellen Möglichkeiten, diese Unterstützung aus ihren bestehenden Ressourcen zu leisten.“
Übersetzt heißt das so viel wie: Was soll der Quatsch. Wir haben schon jetzt mehr als genug Kohle. Also kommt Cordeiro zu dem Schluss: „Es ist ein schlechtes Geschäft für die Fifa-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft dieses Sports.“ Das Erstaunliche ist in diesem Fall: In der Ablehnung der Infantino-Idee zur Gewinnmaximierung stehen weite Teile der Fußballwelt Seite an Seite.
Die europäischen Verbände brachten einen WM-Boykott ins Spiel, der Concacaf-Zusammenschluss in Nord- und Mittelamerika schloss sich an, am Freitag taten das auch die Verbände Asiens. Was überraschend kam, da hierzu auch die Golfstaaten gehören, die mit der Fifa in den vergangenen Jahren immer gute Geschäfte gemacht haben.
Wie es scheint, hat Gianni Infantino in den vergangenen Wochen und Monaten aber lieber mit den Mächtigen in den USA seine Pläne vorangetrieben. Ob er darüber nun stolpert? Am 18. März 2027 will er für eine dritte Amtszeit gewählt werden. Bisher hieß es, mehr als 200 der 211 Mitgliedsverbände würden seine Wiederwahl bis 2031 unterstützen – auch wegen der Finanzstärke der Fifa unter dem Schweizer.
Infantino muss sich nun aber das Vertrauen aus Asien (46 Stimmen), Europa (55) sowie Nord- und Mittelamerika (35) – zusammen haben diese Kontinentalverbände eine Mehrheit – neu erarbeiten. Ob es dabei hilfreich ist, dass er an seinen Investorenplänen festhält? Das ist in diesem Fall zumindest fraglich. Es mag den Fifa-Boss überraschen, aber: Ausgerechnet Geld allein könnte die Sache diesmal wohl nicht regeln. Und das ist auch gut so.
