Es wird Zeit, dass wir bei Taylor Swift endlich mal wieder über das reden, worum es doch eigentlich gehen sollte: Ihre Musik. Nicht über ihre höchst öffentliche Beziehung zu Travis Kelce, nicht über ihren Einfluss, nicht über ihre Marketing-Maschinerie. Sicher, bis zu einem Grad fließt das beim größten Popstar aller Zeiten eh zusammen, bedingt sich gegenseitig. Das gigantische Interesse an ihrer Person stellte aber eben sogar das Interesse an ihrer Musik in den Schatten.
Das hat auch Taylor Swift selbst gemerkt. Das Vorgänger-Album The Tortured Poets Department ging schon in der normalen Version 65 Minuten und war eher textlastig – eine „Datenhalde von allem, was ich in zwei oder drei Jahren gedacht, gefühlt und erlebt habe“, wie sie es selbst beschrieb. Damit ist jetzt Schluss: „The Life Of A Showgirl“, ihr zwölftes Studioalbum, ist ihre Rückkehr zur geradlinigen, eingängigen Popmusik. Und nicht zufällig mit etwas über 41 Minuten die kürzeste Swift-Platte seit ihrem Debüt.
Ist eine Weile her, dass sie eine Pop-Platte veröffentlicht hat: Die letzte war „Lover“, das war 2019. Danach kamen die Indie-Folk-Alben „Folklore“ und „Evermore“ aus dem Jahr 2020 und die stimmungsvollen Soundscapes von „Midnights“ und eben „The Tortured Poets Department“. Kann sie es noch? Hat sie sich offensichtlich selbst gefragt: Swift produzierte „The Life Of A Showgirl“ daher sicherheitshalber zusammen mit den schwedischen Produzenten Max Martin und Shellback, die beide bereits an Swifts Alben „Red“ (2012), „1989“ (2014) und „Reputation“ (2017) mitgearbeitet hatten.
Genau das also, was Taylor Swift nach den schweren Themen, der Nabelschau und den brütenden Stücken der letzten Jahre gesucht hat. Bemerkenswert ist natürlich, dass sie dieses Album zwischen den europäischen Tourterminen ihrer kolossalen „Eras“-Tour geschrieben und aufgenommen hat. Richtig, das war diese Tour, die mit 149 Shows zwei Milliarden US-Dollar eingespielt, seismische Erschütterungen hervorgerufen und kleineren US-Großstädten im Alleingang einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert hat.
Diese Platte ist jetzt quasi die Backstage-Party dazu: Sie erklärte, dass sie „überschwängliche, elektrisierende und pulsierende“ Energie widerspiegele, die sie während und hinter den Kulissen der Tournee empfunden habe. Was sie uns aber vor allem mit diesem Album sagen will, ist: Es geht ihr gut. Das macht „The Life Of A Showgirl“ zum unkompliziertesten und unterhaltsamsten Album, das sie je gemacht hat. Wenn auch nicht zu ihrem besten. Natürlich ist ihr jedes Glück zu gönnen, natürlich freut sich die ganze Welt mit, wenn Travis Kelce ihr diesen fürchterlich kitschigen, medial inszenierten Antrag macht. Den Songs fehlt jedoch die schiere überlebensgroße Wirkung, die ihre früheren Pop-Hits hatten.
Ihre zwölfte ist deswegen eine Mischung aus ihrer früheren Pop-Sensibilität mit den flirrenden, wavigen, nachdenklichen Stimmungsbildern von „Midnights“. Mit „Elizabeth Taylor“ enthält sie einen ihrer besten Songs, ein Loblied auf die Hollywood-Legende, in dem sie Parallelen zu ihrer eigenen Reputation zieht. „CANCELLED!“ klingt nach dem dräuenden Pop der frühen Lorde, der Opener „The Fate Of Ophelia“ zitiert Shakespeare und die Behandlung von Frauen mit eigener Meinung und im dramatischen Titeltrack holt sie sich ihren Zögling Sabrina Carpenter als einzigen Feature-Guest. Das ist alles stark, aber weit von „Cruel Summer“ oder „Shake It Off“ entfernt. Dieses Level an Stadion-Pop erwartete man aber eben eigentlich.
Ansonsten regiert das Herz-Emoji anstelle des gebrochenen. Wo sie ihre Songs zuvor gern als Abrechnungen mit ihren zahlreichen Boyfriends wie Matty Healy, Jake Gyllenhaal, Harry Styles oder Calvin Harris inszenierte, gibt es jetzt zahlreiche Anspielungen an ihr häusliches Glück mit ihrem Sports-Bro Travis Kelce. Kein Problem natürlich, das Schöne an ihr war ja immer schon, dass sie über das singt, was sie gerade beschäftigt. Dennoch waren es ja vor allem Taylor Swifts höchst romantische, Shakespeare-würdige Leiden, die sie mit ihrem Publikum verbunden haben. Ihr ist alles Glück dieser Welt zu gönnen, aber eine Frage bleibt: Will die Welt glückliche Künstler?
Singt sie da wirklich über den Penis ihres Verlobten?
Zu weit geht sie dann eindeutig in „Wood“, in dem sie tatsächlich über den Penis ihres Verlobten zu singen scheint. Und mal ehrlich: Der Vergleich des Penis ihres Partners mit einem Zauberstab ist ein schwaches Stück Schreibkunst von jemandem, der für seine prägnanten, tiefgehenden, philosophischen textlichen Beobachtungen bekannt ist. Wie sie das sonst macht, zeigt ein effektiver kleiner Diss in „Actually Romantic“, in dem sie knackig und wirkungsvoll mit dem englischen Popstar Charli XCX abrechnet, der zuvor gegen Swift ausgeteilt hatte.
Am Ende ist „The Life Of A Showgirl“ ein gutes Pop-Album. Das ist völlig ausreichend, wirkt bei einer wie Taylor Swift, wo alles immer gewaltiger ist als bei allen anderen, aber ein wenig schal. Vielleicht lässt sich über geschundene Herzen einfach besserer Pop machen als über romantische Zufriedenheit?
„The Life Of A Showgirl“ und der kalkulierte Erfolg
Taylor Swift kennt das Showbusiness wie niemand anderes. Bei ihr wird sogar eine spezifische, für das Album-Artwork verwendete Farbe zum Trend: Die Social-Media-Plattform Pinterest meldete einen Anstieg der Suchanfragen nach „kräftigem orangefarbenem Glitzer” um 8.276 Prozent.
Schon vor seiner Veröffentlichung hat das Album einen Weltrekord geknackt: Mit über fünf Millionen Pre-Saves stellt es die vom Vorgänger aufgestellte Bestmarke in den Schatten.
Auch ihr Boyfriend profitiert davon: Seine Podcast-Folge, in der sie ihr neues Album erstmals ankündigte, ist mit 1,3 Millionen Live-Zuschauern die erfolgreichste aller Zeiten. Der Zuwachs von weiblichen Usern: 618 Prozent.

