Kultur

Die Lüge vom guten Alten

Warum suchen wir auf der Alb die Idylle oder pilgern auf Burg Lichtenstein? Die Ausstellung „Stadt – Land – Sehnsucht“ in Kornwestheim gibt verblüffende Antworten.

  • Das Image, das Städte vermitteln wollen, wird auf vielerlei Weise verbreitet.Foto: Kornwestheim

    Das Image, das Städte vermitteln wollen, wird auf vielerlei Weise verbreitet.Foto: Kornwestheim

Hand aufs Herz: da sieht man auf einem Plakat eine historische Schlossanlage. „Prachtvolle Anlagen“ werden angepriesen, „Heilquellen für Bad- und Trinkkuren“ und sogar ein „Stadtbad mit Schwimmhalle“. An welche Stadt denkt man da in Süddeutschland spontan? Baden-Baden? Bad Wildbad? Nein, es war Ludwigsburg, das um 1900 versuchte, sich touristisch als Kurbad mit Niveau zu positionieren. Ohne Erfolg, aus dem Traum von Bad Ludwigsburg wurde letztlich doch nichts.

Motive und ihr Geschichtskontext

Zurzeit ist die Sorge groß vor digital verfremdeten Fotos und Videos – Stichwort Deep Fakes. Dabei waren Bilder zu allen Zeiten höchst manipulativ und mitunter auch ideologisch aufgeladen. Das zeigt allein jede Postkarte, die in die Welt geschickt wird und ein bestimmtes Image transportieren soll, ein Image, das Menschen dann wiederum erleben wollen, wenn sie zum Beispiel in den Schwarzwald fahren. Dann wollen (und sollen) sie dort Kuckucksuhren und Bollenhüte sehen können.

Und so ist die beiläufig daherkommende neue Ausstellung im Museum im Kleihues-Bau in Kornwestheim in Wahrheit hochpolitisch. Denn es geht um „Stadt – Land – Sehnsucht“ – und dabei um Bilder, die seit Ende des 19. Jahrhunderts von Stuttgart und Tübingen, Kornwestheim und Heidelberg, der Alb oder eben dem Schwarzwald kursierten. Und ob es Gemälde sind, Briefmarken oder die kleinen Plastikfernseher, bei denen man sich durch Bildchen klicken kann – stets wird der Fokus dabei gezielt auf bestimmte Aspekte gelenkt. Als Kornwestheim zum Beispiel einen rosa-weißen Zierteller produzierte, der rauchende Schlote zeigt, war das mit einer klaren Botschaft verbunden: Wir sind ein topmoderner Industriestandort.

Die Ausstellung, die auf den ersten Blick den Lokalpatriotismus zu kitzeln scheint, ist höchst interessant. Denn im Kontext der Geschichte liest man Motive anders.

1871 wurde Deutschland zu einem einheitlichen Nationalstaat – und wirbelte die Vorstellung von Heimat und Zugehörigkeit gehörig durcheinander. Hier kamen die Bilder ins Spiel, die die lokale Identität festigen und den Eindruck vermitteln wollten, dass es das gute Alte noch gibt – einerlei, ob es je so existierte. Und so wird das Schloss Lichtenstein plötzlich zum Märchenschloss Württemberg stilisiert, dabei ist es eigentlich der Inbegriff für Fake und altertümelnden Kitsch, der später auch als Puzzle oder Zuckergussform in die Welt getragen werden sollte. 1888 wurde in Plochingen, also im Neckartal, der Schwäbische Albverein gegründet. Er begann, die Alb für Wanderer zugänglich zu machen, Wanderwege und Aussichtstürme entstanden, aber auch Wanderführer.

Zwei Seiten von Stuttgart in der Kunst

Man muss es sich auch nochmal vergegenwärtigen: Erst um 1900 kommen sogenannte Stocknägel auf, also jene Andenken, die Wanderer auf ihre Stöcke nagelten – und dabei die lokale Identität selbst kleinster Örtchen bestärkten. Dabei war die Stadt in dieser Zeit längst zum prägenden Lebensraum für die meisten Menschen geworden. Die Bevölkerung wuchs genauso wie der Verkehr, die Industrie nahm zu – und auch die einstige Residenzstadt Stuttgart wurde zur Großstadt. 1904 zeigen Gemälde den Schlossplatz entsprechend als lebendigen Stadtkern. Straßenbahnen und Kutschen sind unterwegs, Damen in langen Kleidern, Kinder, Arbeiter – gelebter Alltag in einem sauber und aufgeräumt wirkenden Städtchen. Dass das nur die eine Seite ist, lassen die Gemälde von Oskar Schlemmer und Bernhard Pankok vermuten: Hier stehen die Häuser dicht gedrängt und vermitteln eher den Eindruck einer zugebauten Stadt, in der Wohnraum ein hehres Gut ist.

Und so kann man sich schon wundern, wie Richard Kiwit 1975 die ehemalige Schmiede von Kornwestheim malte. Man meint, weit zurück in die Vergangenheit versetzt zu werden. Fachwerk und Kopfsteinpflaster, kein Auto weit und breit, grad so, als seien die Menschen noch mit der Pferdekutsche unterwegs. Wie gezielt hier die Idylle des guten Alten konstruiert wurde, verrät eine Postkarte, die eine völlig andere Seite Kornwestheims zeigen wollte – mit moderner Architektur und einem Musikpavillon im Park wie in einer Kurstadt. Auf der Postkarte ist zwar auch ein Fachwerkhaus abgebildet – die aber will nicht die Vergangenheit idealisieren, sondern nur dokumentieren, dass Kornwestheim eine gewachsene Stadt ist und bei aller Modernität nicht schnell aus dem Boden gestampft wurde.

So vermittelt die Ausstellung, dass Bilder immer nur sehr beschränkte Ausschnitte wiedergeben – und trotzdem wurde auf Stuttgarter Keksdosen, Porzellantellern und Postkarten wieder und wieder das Alte und das Neue Schloss abgebildet und zum „Wahrzeichen“ der Stadt stilisiert, wobei am Schluss des Rundgangs nicht mehr sicher ist, welche Wahrheit sie eigentlich verkünden.

Wie Bilder in die Köpfe kommen

Schulwandbilder
Lange Zeit lernten Kinder ihre Heimat über Schulwandbilder kennen, gemalte Ansichten vom Hohenstaufen oder den Uracher Wasserfällen. Kaum ausgerollt und an den Kartenständer gehängt, schon wurden en passant Stereotype an die nächste Generation weitergegeben.

Ausstellung
bis 26. September, geöffnet Freitag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. adr

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