Grassau - Er ist erst seit ein paar Tagen wieder da, an seiner Kernkompetenz lässt Ermedin Demirovic im Trainingslager des VfB Stuttgart aber keine Zweifel. Die Abschlüsse sitzen, die Netze zappeln, in mehreren Trainingsspielen, mal unten rechts, mal oben links. Der Mittelstürmer präsentiert sich direkt spielfreudig und energiegeladen – und ist auch mit Rückenwind angereist. Die WM-Teilnahme mit Bosnien-Herzegowina hat für nicht alltägliche Emotionen gesorgt, der Einzug ins Sechzehntelfinale die Erwartungen übertroffen. „Wir haben das Land stolz gemacht“, sagt Demirovic, der nun aber auch nach vorne blickt: „Jetzt freue ich mich riesig, wieder hier zu sein.“
Wobei: Thema war der Mittelstürmer auch schon in den vergangenen Wochen während seines Urlaubs: Berichte über Wechselgedanken machten die Runde, insbesondere Trainer Sebastian Hoeneß sei offen für einen Verkauf. Der wies diese Spekulationen zwar umgehend und einigermaßen verärgert zurück („Mein Ziel ist es immer, die besten Spieler beim VfB zu haben und Medo ist einer unserer besten Spieler“), in der Welt war das Thema aber doch.
Auch er habe es im Urlaub mitbekommen, so Demirovic – um dann mit Gedankenspielen über einen etwaigen Abschied aus Stuttgart aufzuräumen: „Es war für mich kein Thema. Ich habe oft gesagt, dass ich hierbleiben möchte.“ Und auch mit Hoeneß sei alles im Reinen: „Ich glaube auch, dass ich mit dem Trainer sehr gut harmoniere. Für mich gibt es nichts Neues im Kopf, es ist alles gleich geblieben wie vor der WM.“
Und so geht der Blick schon voraus auf die Saison 2026/27, die für Demirovic keine wie jede andere wird. Aus mehreren Gründen. Zum einen kommt es in den Duellen mit Bundesliga-Aufsteiger Schalke 04 zu einer speziellen Begegnung: Demirovic trifft auf sein Idol. Mit Edin Dzeko (40) hatte er bei der WM noch gemeinsam gestürmt, nun spielen beide gegeneinander: „Ich habe es so oft betont, was Dzeko für mich bedeutet. Jetzt in der Bundesliga nochmals gegen ihn zu spielen, ist etwas Besonderes.“
Und dann ist da ja noch die Champions League, die der kommenden Saison einen besonderen Reiz verleiht. Demirovic drückt sich nicht bei der gängigen Frage nach dem Wunschlos: „Ich hoffe, dass wir mal ein englisches Team bekommen.“ Und das am liebsten bei einem Auswärtsspiel: „Es wäre cool, mal in England zu spielen. Ich würde gerne gegen Arsenal spielen. Zu Liverpool würde ich auch nicht nein sagen.“
Ob es so kommt, klärt sich bei der Auslosung der Ligaphase am 27. August. Sicher ist schon jetzt, dass die Aufgaben viel Qualität erfordern – weshalb der VfB weiter am Kader arbeitet und sich mit dem Wolfsburger Dzenan Pejcinovic im Angriff noch breiter aufstellen will. Für Demirovic stellt das kein Problem oder gar ein Misstrauensbeweis dar: „Er kann gerne kommen. Er ist herzlich willkommen, er ist ein guter Spieler. Wir wollen schlagkräftig in die Saison gehen, deswegen ist jeder Spieler, der Qualität mitbringt, wichtig für uns.“
Demirovics persönliche Ansprüche sind davon unabhängig ohnehin groß. Drei Spielzeiten in Folge gelang ihm zuletzt eine zweistellige Zahl an Toren in der Bundesliga: 2023/24 für den FC Augsburg (15), dann zweimal für den VfB (12, 15) – wo der bullige Angreifer in seinem zweiten Jahr auch stärker ins Kombinationsspiel eingebunden war, nachdem ihm die Umstellung vom Augsburger Konterfußball zum Stuttgarter Ballbesitzfußball anfangs doch einige Mühen bereitet hatte. „Ich möchte weiter vorangehen, so viele Tore wie möglich machen, die letzten Jahre einfach bestätigen“, sagt der Stürmer.
Dafür sollen nun in Grassau die Grundlagen gelegt werden – wobei eine Sache Demirovic schon ein wenig zu schaffen macht: die sengende Hitze mit Temperaturen von mehr als 30 Grad. „Ich hasse es. Ich habe lieber Regen, 17 Grad, leiser Nieselregen. Dieses Wetter gefällt mir eher für den Urlaub.“ Der aber ist nun vorbei – und Demirovic im Glutofen von Grassau mittendrin in der Vorbereitung auf seine dritte Saison mit dem VfB.

