„Wenn du morgens aufstehst, denke daran, welch ein Privileg es ist, zu leben, zu atmen, zu denken, zu genießen und zu lieben.“
Dieser Satz stammt aus den berühmten „Selbstbetrachtungen“ (altgriechisch: Ta eis heautón) des römischen Kaisers Mark Aurel (121-180 n. Chr., lateinisch: Marcus Aurelius). Die in Dialogform verfassten Aphorismen sind die bedeutendsten Hinterlassenschaft dieses Philosophen-Kaisers und Anhängers der Stoa., der von 161 bis 180 n. Chr. auf dem Cäsarenthron saß.
Marc Aurels Markomannen-Kriege
Vielleicht schrieb Marcus Aurelius diesen Satz am Vorabend einer der vielen Gefechte und Schlachten, die seine Soldaten gegen germanische Stammeskrieger führten. Der Kaiser weilte meist selbst vor Ort in einem der befestigten Legionslager wie Pohronie oder Želiezovce.
Zwischen 166 und 180 n. Chr. führte das Römische Reich fast ununterbrochen Krieg mit germanischen und sarmatischen Stämmen, hauptsächlich entlang der mittleren Donau im heutigen Mähren, in der Slowakei, in Ungarn und Rumänien. Bei den Hauptgegnern Roms handelte es sich um die Markomannen, Quaden, Jazygen und Vandalen.
Die Hauptquartiere der römischen Armeeführung befanden sich in den großen Legionslagern Carnutum im heutigen Bundesland Niederösterreich, in Vindbona auf dem heutigen Stadtgebiet von Wien und in Sirmium nahe der heutigen Stadt Sremska Mitrovica, die zur serbischen Vojvodina gehört.
Der amerikanische Monumentalfilm „Gladiator“ aus dem Jahr 2000 thematisiert in den Anfangssequenzen ein Schlacht aus den Markomannen-Kriegen um 180 n. Chr., dem Todesjahr von Kaiser Marcus Aurelius.
Früheres römisches Militärlager im slowakischen Šurany
Das Archäologische Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften (vvi) führt gemeinsam mit der Firma MH Invest seit einiger Zeit eine der umfangreichsten archäologischen Ausgrabungen in der Geschichte der Slowakei durch.
Im Bereich des geplanten Industriepark Šurany (Schuran), einer Stadt in der Südslowakei, haben die Spatenforscher bisher über 150 Hektar untersucht. Die Ausgrabungen werden derzeit auf weiteren rund fünf Hektar fortgesetzt.
Die bedeutendste Entdeckung im Rahmen dieser großangelegten Ausgrabungen ist die Freilegung eines römischen Feld- und Marschlagers aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts, wahrscheinlich aus der Zeit der Markomannen-Kriege (166–180 n. Chr.). Das römische Lager wurde im südlichen Teil des zukünftigen Industrieparks entdeckt und umfasst eine Fläche von rund 7,4 Hektar.
Das Lager verschwand unmittelbar nach Ende des Krieges
„Die Entdeckung hat weitreichende Bedeutung, die über die Grenzen der heutigen Slowakei hinausreicht. Sie ist die erste ihrer Art in der Region und schließt eine wichtige Lücke im Wissen über die römischen Aktivitäten nördlich der Donau im letzten Drittel des 2. Jahrhunderts“, erklärt Matej Ruttkay, Direktor des Archäologischen Instituts der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra (auch Neutra).
Auch die Umstände der Entdeckung sind einzigartig. Untersucht wird ein Ort, der unmittelbar nach dem Krieg zwischen Römern und Germanen vollständig verschwand. Zahlreiche Funde belegen dies. Die Anlage ergänzt weitere Belege für die Anwesenheit römischer Truppen im heutigen Staatsgebiet der Slowakei. Dazu zählen die berühmte Legionärsinschrift von Trenčín aus dem Jahr 179 n. Chr. sowie das zuvor bekannte römische Lager von Želiezovce.
Eine besonderes Art von Militärlager
Anders als die meisten bekannten römischen Lager weist das jüngst gefundene Lager keinen regelmäßigen rechteckigen Grundriss auf. Dennoch enthält es alle charakteristischen Verteidigungselemente, darunter fünf Eingangstore, Befestigungsanlagen und die sogenannte Clavicula. Es handelt sich dabei um einen speziell gestalteten Eingang mit einem halbkreisförmigen Graben und einem Wall. Dieser Typus Tor wurde erstmals in der Slowakei nachgewiesen.
Dem Fund in Šurany ging die Entdeckung des ersten römischen Lagers in Pohronie und in Želiezovce, voraus. Man vermutet, dass der Marcus Aurelius dort sein philosophisches Hauptwerk „Selbstbetrachtungen“ verfasste.
Gräber mit Skeletten von römischen Legionären
Die Fundstätte bei Šurany überrascht mit einer Fülle an Skelettresten. Ganze Skelette sowie Skelettteile waren in Gräben, zwischen Alltagsgegenständen oder in hastig ausgehobenen flachen Gräbern beigesetzt. „Unsere ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass es sich in den meisten Fällen um römische Soldaten handelt“, erläutert Marek Vojteček, Leiter des Forscherteams.
Zahlreiche Teile römischer Militärausrüstung und Bewaffnung wurden zusammen mit den Skelettresten ausgegraben, darunter Speere, Pfeilspitzen, Helmteile, segmentierte und Schuppenrüstungen, Legionärsschnallen, Münzen oder typische Caligae-Militärsandalen, an deren Sohlen noch Eisennägel erhalten sind.
„Wir haben nun viele Fragen“, so der Archäologe Michal Cheben: „Wer waren die Bestatteten? Woran starben sie? Warum wurden die Leichen oft in tiefe Gruben oder Brunnen geworfen? Welche Rolle spielten Krankheiten und welche Rolle spielten Kampfverletzungen? Warum fanden wir so viele für die damalige Zeit seltene Objekte? Warum wurden sie damals nicht geplündert?“
Detaillierter Einblick in Leben und Sterben der Soldaten
Wie das Fachmagazin Archaeology News Online Magazine berichtet, fanden die Forscher zudem Alltagsgegenstände wie Würfel und Werkzeuge. Diese Funde geben einen detaillierten Einblick in das Leben und Sterben der Legionäre während der Feldzüge gegen die Markomannen.
Ein Team aus Spezialisten führt parallel genetische und Isotopenanalysen an den Funden durch. Diese Untersuchungen sollen klären, warum wertvolle Ausrüstung bei den Toten zurückgelassen wurde und ob Krankheiten eine Rolle spielten.
Weitere Fundstellen aus verschiedenen Epochen
Neben dem römischen Feldlager haben die Untersuchungen weitere bedeutende Fundstellen unterschiedlicher Epochen ans Licht gebracht. Dazu gehören eine frühmittelalterliche Siedlung des 7. und 8. Jahrhunderts n. Chr., eine umfangreiche bronzezeitliche Siedlung mit dichter Bebauung sowie zwei bedeutende Gräberfelder.
Eines der Gräberfelder datiert in die Zeit des Awaren Khaganats. Das zweite dokumentiert Bestattungen aus mehreren Epochen – von der Bronzezeit über die keltische Besiedlung und das Frühmittelalter bis in das 10. Jahrhundert.
Gemeinsam liefern diese Funde ein außergewöhnlich dichtes Bild der Besiedlungsgeschichte der Region Ponitrie über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrtausenden.

