Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
die moderne Welt macht es möglich, dass man allerlei Lustiges auf das Handy geschickt bekommt. So bedachte Kollege Michael Banholzer mich kürzlich mit einem Foto samt Text, welcher besagt, dass manche Männchen ohne Gehirn zum Weibchen werden.

Bei mir löste das zunächst Erheiterung aus, aber nur – wie ich gerade mit Entsetzen feststelle – weil ich’s nicht kapiert hatte. Borstenwürmer, ist in der Nachricht (siehe Foto) zu lesen, seien im Meerwasseraquarium eine richtige Plage. Es gebe vermutlich keinen Aquarianer, der sie nicht hasst. Bei Futtermangel würden sie selbst kleine Fische angreifen. Biologen seien jedoch begeistert, weil sie ausnehmend strapazierfähig seien, und – Achtung, jetzt kommt’s: „Entfernt man dem Männchen des Borstenwurms das Gehirn, wird es zum Weibchen.“ Diese Einlassung kursiert schon Jahre im Internet, wurde bestimmt schon mehrfach um den Globus herumgeschickt, erreichte aber eben erst jetzt mich in Aurich.

Und beim Lesen drehte mein hoffentlich noch vorhandenes Gehirn die Bedeutung dieser Aussage um, weshalb ich mich zu einer etwas hämischen Antwort hinreißen ließ. Aber, bevor sich jetzt irgendwelche Männchen zu früh freuen, die Sache sieht wohl doch anders aus.

Zuerst gilt es jedoch abzuklären, ob: 1. Diese Tiere überhaupt ein Gehirn haben und 2. es in dieser Tiergruppe Männchen und Weibchen gibt.

Zunächst einmal sollten wir uns deshalb damit befassen, um was für eine Tiergruppe es überhaupt geht, denn es gibt Borstenwürmer mit vielen und solche mit wenigen Borsten. Aufgrund des beiliegenden Fotos und der Tatsache, dass sich die besagten Borstenwürmer im Meerwasser aufhalten, kann davon ausgegangen werden, dass es sich um Vertreter der früheren Gruppe der Vielborster, wissenschaftlich Polychaeta, handelt. Sie sind verwandt mit unserem Regenwurm, der zu den Wenigborster, Oligochaeta, zählt. Gemeinsam mit den Egeln bildeten diese zwei Tiergruppen bis vor Kurzem im zoologischen System den Stamm der Ringelwürmer, Annelida.

Die Vertreter dieser Gruppe heißen Ringelwurm, weil ihr Körperaufbau in erster Linie auf gleichförmigen Segmenten basiert. Das gibt dem „Wurm“ ein geringeltes Aussehen. Des Weiteren haben Ringelwürmer einen Kopf, was schon mal eine wichtige Erkenntnis sein könnte. Denn der Sitz eines Gehirns ist nicht selten im Kopf. In der Tat verfügen Vertreter der Anneliden über ein sogenanntes Oberschlundganglion, das bei diesen Vertretern des Tierreichs die zentrale Zusammenballung von Nerven ist und als Gehirn gelten kann. Eine Anforderung für die Entfernung eines Gehirns ist also schon mal vorhanden: Es gibt ein Gehirn. Das ist ja auch keine Selbstverständlichkeit. Bei den Geschlechtern könnte einem schwanen, dass es hier schwieriger werden könnte, denn bekanntlich ist unser Regenwurm ein Zwitter. Das wird bei der Paarung deutlich, bei der sich zwei Individuen Vorderteil an Vorderteil zusammenlegen und gegenseitig ihre Eier befruchten. Jetzt wenden wir den Blick den Vielborstern zu, um die es zu Beginn ja ging. Bei diesen Borstenwürmern gibt es tatsächlich vornehmlich getrennte Geschlechter, also Männchen und Weibchen. Die zweite Voraussetzung zur Erfüllung des vermeintlichen Geschlechterwechsels ist erfüllt.

Zu unserem Ausgangsproblem lässt sich nun überraschenderweise gar nicht so leicht etwas Sinnvolles finden. Ich mache es ja ungern, aber die Zeitung mit den großen Buchstaben namens „Bild“ zitiert zu oben genannter Aussage einen Meeresbiologen mit den Worten, dass Weibchen ohne Gehirn immer Männchen werden, umgekehrt sei das ausgeschlossen. Sag ich doch, und was dort steht, stimmt immer.

Im Buch „Zoologie“ von Rüdiger Wehner und Walter Gehring und bei spektrum.de wird ebenfalls diese Variante unterstützt. In beiden Beiträgen geht es um einen nur etwa einen Zentimeter langen Vielborster namens Ophryotrocha puerilis.

Dieser lebt die Vormännlichkeit, wissenschaftlich als Proterandrie bezeichnet. Das bedeutet, dass er in jungen Jahren als kleines Würmchen männlich ist und Samen produziert. Bekommt er genug zu fressen und nach Erreichen einer gewissen Körpergröße wird er weiblich und legt Eier. Ausgewachsen hat der Wurm als Weibchen rund 30 Segmente. Bis zur Ausbildung des 20. Segmentes ist er Mann, danach Frau.

Die Weibchen können durch Hungern oder Amputation auf zwei bis zehn Segmente wieder zu Männchen verwandelt werden. Das Gehirn der großen Tiere, sprich der Weibchen, produziert ein Hormon, welches die Oogenese stimuliert – also die Bildung von Eiern. Folglich liegt es nahe, dass der weibliche Borstenwurm dieser Tierart – falls er die Entfernung seines Gehirns überlebt – danach mangels jener Eibildungs-Hormone wieder zum Männchen wird.

Besonders anschaulich schildert Prof. Dr. Max Hartmann im Buch „Geschlecht und Geschlechtsbestimmung im Tier- und Pflanzenreich“ den Vorgang der Geschlechtsumwandlung: „Auch alte erwachsene Weibchen werden nach Zurückschneiden auf fünf bis zehn Segmente innerhalb 48 Stunden zu Männchen umgewandelt, wobei der breite plumpe Vorderkörper in einen schmalen jugendlichen umgebaut wird.“ Das klingt alles gar nicht schön.

Aber das Gehirn der Ringelwürmer kann noch ganz andere Sachen. „Wohl bei allen Anneliden ist das Oberschlundganglion Hemmungszentrum“, ist in Dr. Konrad Herters Buch „Vergleichende Physiologie der Tiere“ aus dem Jahr 1950 zu lesen. Ein Blutegel ohne Oberschlundganglion schwimme beispielsweise viel häufiger und länger als normal. Das Schwimmen werde durch Impulse aus dem Bauchmark hervorgerufen und im normalen Wurm durch das Oberschlundganglion unterdrückt. Diese Hemmung werde zum Teil vom Analganglion aufgehoben. Das Analganglion ist eine Art kleines Denkzentrum am A.... sozusagen. Ein Tier ohne Analganglion schwimmt folglich nicht.

Es wird gar beschrieben, dass Versuche unternommen wurden, bei denen Regenwürmern mit Stromschlägen antrainiert wurde, eine gewisse Wegstrecke zu meiden. Selbst, wenn man das Oberschlundganglion entferne, bleibe dieser Trainingserfolg bestehen. Der Regenwurm habe gewissermaßen ein segmentales Gedächtnis. Es hat also auch Vorteile, wenn der Körper auch aus gleichförmigen Segmenten besteht.

Da könnte man schon ein wenig neidisch werden. Und auch die Fähigkeit der Anneliden zur Regeneration ist etwas, von dem unsereiner nur träumen kann. Mit Regeneration ist nicht das erholsame Mittagsschläfchen gemeint, sondern dass mitunter die Bildung fast des gesamten Körpers aus einem kläglichen Rest gelingen kann.

Doch auch die tollen Ringelwürmer sind von zivilisatorischen Einflüssen nicht gefeit. Ende Januar erschien in „Science Advances“ ein Beitrag niederländischer Forscher, die feststellten, dass sich Arten- und Mengengefüge der am Grund von Gewässern lebenden Ringelwürmer ändert, wenn sich im Sediment winzige Kunststoff-Teilchen anreichern. Bestimmte Wenigborster, die als Fischfutter bekannten Tubifex-Würmer, wurden bei hohen Plastikonzentrationen deutlich weniger. Dies könne enorme Bedeutung haben, da die sedimentbewohnenden Ringelwürmer in der Natur eine sehr wichtige Rolle spielen. Zum einen sorgen sie für die Durchmischung der Substanzen im Boden, zum anderen seien sie ein wichtiges Nahrungsmittel für andere Tiergruppen, so die Forscher.

Auch unsere Regenwürmer in der Erde haben es durch diverse Einträge unserer Zivilisation recht schwer, zum Beispiel bauen sie ihre Höhlen anders, wenn sich Mikoplastikteile im Boden befinden, ist bei „Springer Professional“ zu lesen. Und wissenschaft.de schreibt, dass Studien zu dem Schluss kommen, dass sich durch die Aufnahme der Plastikteilchen die Fruchtbarkeit von Bodenorganismen wie Regenwürmern verringere. Für manche zählen Regenwürmer zu den ziemlich unterschätzten Lebewesen dieser Erde. Nächsten Samstag ist Tag des Regenwurmes, da kann man ihn ja mal hochleben lassen – also bildlich gesprochen. Was ist nun die Quintessenz aus diesem Wust an Informationen? Glaube nicht alles, was geschrieben steht und achte auch die niederen Wesen, sie haben womöglich mehr Gehirne im Körper als Du selbst.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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