Fasten gehört inzwischen beinahe zum guten Ton. Kein Essen statt Völlerei. Doch der Nahrungsverzicht ist viel mehr als eine Modeerscheinung in Zeiten der Kalorienflut: Zwar ist die Studienlage dünn, doch es gibt Hinweise, dass periodisches Fasten den Stoffwechsel in Schwung bringt und sich positiv auf chronische Erkrankungen auswirken kann. Für wen sich der Nahrungsverzicht anbietet und wie nachhaltig die Effekte sind, erklären wir in dieser Übersicht.
Wie oft sollte man heilfasten?
Der Mediziner Andreas Michalsen, Professor für Naturheilkunde an der Berliner Charité, empfiehlt: Lieber kurz und dafür öfter. „Ich rate dazu, fünf bis sieben Tage zu fasten, und das drei- oder viermal im Jahr.“ Welche Fastenkur man dabei wählt, ist nach Meinung des Mediziners nicht so wichtig. „Es kommt in erster Linie darauf an, wenig zu essen.“ Die Wegmarke sind etwa 600 Kilokalorien am Tag. Auch eine ärztliche Begleitung brauche es bei an sich gesunden Menschen nicht unbedingt. Sie sei aber dennoch ratsam, ergänzt Françoise Wilhemi de Toledo, wissenschaftliche Leiterin der Klinik Buchinger Wilhelmi am Bodensee. Nach Erfahrung der Medizinerin wird beim Langzeitfasten die gesamte Physiologie des Menschen umgestellt, weshalb eine ärztliche Betreuung insbesondere beim ersten Fasten sinnvoll sei.
Wie gesund ist Fasten?
„Wir setzen die Fastentherapie vorrangig bei folgenden Krankheitsbildern ein: rheumatische Erkrankungen, Reizdarm, Übergewicht verbunden mit Bluthochdruck und hohen Blutzuckerwerten sowie chronische Schmerzsyndrome“, sagt Michalsen. Hier seien die Effekte am besten wissenschaftlich belegt und publiziert. Positive Ergebnisse gebe es auch bei Asthma, Neurodermitis, Allergien und Diabetes Typ 2. Françoise Wilhemi de Toledo bestätigt: „Insbesondere bei entzündlichen Gelenkerkrankungen sind die Ergebnisse erstaunlich: Bei Patienten, die zu Beginn des Fastens ihre Finger kaum schließen konnten, gehen die Schwellungen an den Gelenken nach wenigen Tagen nahezu vollständig zurück.“ Physiotherapien und Massagen, die in der Klinik begleitend angeboten werden, fördern diesen Effekt.
Was passiert beim Fasten?
„Wir haben das Fastenprogramm in den Genen“, sagt Françoise Wilhemi de Toledo. Schon in der Steinzeit hätten die Menschen in den Wintermonaten Perioden des Nahrungsmangels überstehen müssen. Dennoch ist das Heilfasten für den Körper erst einmal mit Stress verbunden: Bleibt die Nahrung aus, muss der Organismus seinen Stoffwechsel komplett umstellen. Der Abbau von Fetten und deren Umwandlung in der Leber beginnt. Dabei entstehen Ketone, energiereiche Verbindungen, die in der Lage sein sollen, das Gehirn vor Entzündungszellen zu schützen, die bei degenerativen Hirnerkrankungen eine wichtige Rolle spielen. Der Ketonstoffwechsel und die damit verbundene Freisetzung des Glückshormons Serotonin können auch das sogenannte Fasten-High auslösen, einen euphorisierten Zustand, der in gewisser Weise antidepressiv wirkt, weshalb Françoise Wilhelmi de Toledo Langzeitfasten auch Menschen mit leichten Depressionen oder einem Burn-out empfiehlt. Auch auf Schmerzpatienten habe dieses Fasten-High einen positiven Effekt, zumal neben Serotonin auch körpereigene Opioide freigesetzt werden. Gleichzeitig würden die Ketonverbindungen chronische Entzündungsherde im Körper hemmen, was bei Rheuma, Hauterkrankungen und Allergien helfe.
Was hat es mit dem Entschlacken auf sich?
Eine wirkliche Entgiftung findet nicht statt, sagt Michalsen. Dennoch fördere das Fasten eine Art Entmüllung der Zellen. Mit der sogenannten Autophagie ist ein komplexes Selbstverdauungsprogramm gemeint, das Zellen von geschädigten Mikrostrukturen reinigt. „Wird dann nach dem Fasten die Nahrungszufuhr wieder hochgefahren, kommt es zu einem regelrechten Neubau an Zellen, weshalb man auch von einer Zellverjüngung spricht“, sagt Françoise Wilhelmi de Toledo. Diese „Körperfrische“, die man nach dem Fasten spüre, erklärt die Ärztin, sei auch dem Umstand geschuldet, dass die Fettschichten, die die inneren Organe einhüllen, durch die Prozedur weniger werden.
Hilft Fasten gegen Krebs?
Es gibt Hinweise, dass Heilfasten auch bei Krebspatienten vor und während einer Chemotherapie eingesetzt werden kann – weil sich dadurch die Verträglichkeit verbessert. Ob Fasten aber auch die Krebstherapie erleichtert, wie es manche Experten vermuten, muss in Langzeitstudien noch geklärt werden. Die Theorie dahinter: Während die gesunden Körperzellen beim Fasten in einen Schutzmodus umschalten, ignoriert die Krebszelle den Mangelzustand und teilt sich ungehemmt weiter – was sie für die Chemotherapie angreifbarer macht.
Wie nachhaltig ist der Fasteneffekt?
„Fasten ist kein Allheilmittel“, sagt Michalsen. Um von den positiven Effekten zu profitieren, müsse man nach dem Fasten seinen Lebensstil umstellen, betont der Experte der Charité. Beispielsweise verändert sich durch den Nahrungsstopp das Mikrobiom im Darm – „es geht sozusagen auf seine Werkseinstellung zurück“, sagt Michalsen. Daher sei es entscheidend, dass man nach dem Fasten sich dauerhaft gesund ernährt. Nach Erfahrungen der Klinik Buchinger Wilhelmi schafft ein Drittel der Patienten diesen positiven Wechsel, einem weiteren Drittel gelingt es immerhin, dass sich der Gesundheitszustand nicht verschlechtere.

