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Wenn ein Windrad-Leben zu Ende geht

Die Bundesregierung will die Windkraft massiv ausbauen. Doch wohin mit ausrangierten Anlagen? Die Branche steht vor einem massiven Müllproblem – aber auch vor möglichen Lösungen.

  • Das bleibt von einem Windrad übrig:  zerkleinerte Rotorblätter. Die Fetzen sind mit Abfällen aus der Papierindustrie vermengt und werden später bei der Zementherstellung zugesetzt.Foto: Steve Przybilla

    Das bleibt von einem Windrad übrig: zerkleinerte Rotorblätter. Die Fetzen sind mit Abfällen aus der Papierindustrie vermengt und werden später bei der Zementherstellung zugesetzt.Foto: Steve Przybilla

Eine Fabrikhalle in Bremen. Auf einem Haufen stapelt sich das, was einmal ein Windrad war. Ein Bagger fährt heran, um zersägte Rotorblätter in einen containergroßen Schredder zu hieven. Es rasselt und klackert, bevor die zerkleinerte Masse über ein Förderband läuft. Danach schlagen Eisenketten so lange auf die Plastikteile ein, bis nur noch Fetzen übrig bleiben. So sieht es aus, wenn ein Windrad-Leben zu Ende geht.

Die Rohstoffe werden weiterverkauft

„Wir machen die Teile so klein, dass man sie später bei der Zementherstellung zusetzen kann“, sagt Stefan Groß, Betriebsleiter der Bremer Entsorgungsfirma Neocomp, die sich auf die Verwertung ausgedienter Windräder spezialisiert hat. Obwohl die Anlagen deutlich länger laufen könnten, landen einige von ihnen schon nach zwanzig Betriebsjahren auf dem Schrott. Dann nämlich läuft der staatlich garantierte Stromabnahmepreis (EEG-Förderung) aus und eine große Inspektion steht an. Für Betreiber lohnt es sich mitunter mehr, die Windräder abzubauen und ihre Rohstoffe zu verkaufen.

Die Kunststoffkomponenten zu trennen ist kompliziert

Ein paar Hundert Windräder landen so jedes Jahr auf dem Schrott – wie viele es genau sind, ist nicht bekannt, da keine Meldepflicht besteht. Wird eine Anlage nicht mehr gebraucht, rückt die Firma Neocomp mit schwerem Gerät an, reißt den Turm ab und sprengt den Betonsockel. Noch vor Ort werden die riesigen Flügel zersägt, bevor sie zum Schredder transportiert werden. „Danach sähen wir neuen Rasen“, sagt Groß. „Zwei Wochen sieht niemand mehr, dass da mal ein Windrad stand.“

Die Beton- und Metall-Komponenten des Turms lassen sich gut wiederverwerten – ganz im Gegensatz zu den bis zu 65 Meter langen Rotorblättern. Sie bestehen aus glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK), die miteinander verklebt sind. Dazwischen befinden sich meist Kunststoffschäume oder ein besonders leichtes Balsaholz, das auf Plantagen in Ecuador und Papua-Neuguinea wächst. Alle Komponenten voneinander zu lösen ist kompliziert und aufwendig.

In den USA landen ausrangierte Rotorblätter meist auf der Deponie. Mancherorts werden sie auch einfach vergraben oder auf Feldern liegen gelassen. Echtes Recycling – alte Flügel zu neuen machen – findet im industriellen Maßstab bislang nirgendwo statt. So enden die Flügel früher oder später in der Zerkleinerungsmaschine in Bremen. Rund 12 500 Tonnen GFK-Material fallen dort jedes Jahr an – das Gros aller ausrangierten Windräder in Deutschland.

Die Rotorblätter müssen stabil sein

Dass ausgerechnet eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Branche vor einem massiven Müllproblem steht, macht nach außen keinen guten Eindruck. Dem Bundesverband Windenergie scheint die Sache unangenehm. „In Zukunft soll Recycling schon beim Design der Anlagen mitgedacht werden“, beteuert Geschäftsführer Wolfram Axthelm. Das Problem: So einfach lassen sich die bisher verwendeten GFK-Materialien nicht ersetzen. „Diese Rotorblätter sausen mit 200 Kilometern pro Stunde durch den Regen“, sagt Peter Meinlschmidt, Diplomphysiker am Fraunhofer-Institut für Holzforschung WKI. „Sie sind ständig den Elementen ausgesetzt und müssen daher wirklich stabil sein.“ Deshalb konzentriert sich Meinlschmidt in seiner Forschung darauf, wie sich die derzeit verwendeten Baumaterialien möglichst gut trennen lassen. Siehe da: Es geht.

Ist ein Zwei-Wellen-Schredder die Lösung?

Ende 2021 wagten Meinlschmidt und andere Forschende ein Experiment. Per Hochdruckstrahler schnitten sie aus einem abmontierten Flügel ein Stück heraus und jagten es durch einen sogenannten Zwei-Wellen-Schredder. Das containergroße Gerät funktioniert wie ein riesiger Aktenvernichter. Es zieht das zu zerkleinernde Material mit zwei gegenläufigen Messern in sich hinein. „Dabei haben sich die Materialien automatisch voneinander getrennt“, sagt Meinlschmidt. „Ich hätte selbst nicht gedacht, dass es so einfach ist“ Und warum macht es niemand? „Die Entsorgungsfirmen haben Millionen in ihre aktuelle Technik investiert“, mutmaßt der Wissenschaftler. „Die stellen nicht einfach alles um.“ Manche steigen sogar komplett aus dem Geschäft aus, so etwa der französische Veolia-Konzern, der auch in Deutschland aktiv ist. Auf Nachfrage räumt ein Sprecher jedoch ein, dass die Firma diesen Service gar nicht mehr anbietet: Es habe sich schlicht nicht gelohnt.

Wiederauferstehung als Terrassendiele

Komplett tot ist die Idee trotzdem nicht. In Aschersleben (Sachsen-Anhalt) stellt die Firma Novotech seit 2021 eine Terrassendiele her, die aus recyceltem glasfaserverstärktem Kunststoff besteht. „Mit unserer Technologie können wir das Material dauerhaft in den stofflichen Kreislauf zurückführen“, so Inhaber Holger Sasse. Wie viel der verwendeten GFKs tatsächlich aus Rotorblättern stammt, verrät der Unternehmer aber nicht. Denn die Verbundstoffe stecken auch in anderen Produkten, zum Beispiel in Segelflugzeugen oder Motorbooten.

Ebenfalls eine große Unbekannte: die tatsächliche Anzahl von Windrädern, die in den kommenden Jahren auf dem Müll landen. Denn mit den zuletzt sprunghaft gestiegenen Strompreisen lohnt es sich plötzlich wieder, alte Windparks weiterlaufen zu lassen. So oder so wird in den nächsten Jahren viel Abfall anfallen. Ob die Mehrheit der Flügel im Zementwerk landet, als Terrassendielen weiterlebt oder eine ganz neue Lösung entsteht, weiß aktuell niemand. Wissenschaftler Meinlschmidt wagt dennoch eine Prognose. „Irgendwann können wir 98 Prozent aller Rotorblätter recyceln.“

Was kosten Abbau und Entsorgung?

Komplettpaket
Kran, Personal, Transport: Bei der Bremer Entsorgungsfirma Neocomp kostet das Komplettpaket für ein 100-Meter-Windrad mehr als 100 000 Euro. Für die Rohstoffe erhalten die Windparkbetreiber wiederum Geld: Das Metall eines 220-Tonnen-Turms bringe derzeit etwa 94 000 Euro an Einnahmen, so Neocomp-Betriebsleiter Stefan Groß.

Demontage
Aus rein finanzieller Sicht kann eine Demontage Vorteile haben: Ein aktives Windrad bringt zwar Stromeinnahmen, aber auch mögliche Verluste durch Wartung und Reparaturen. Ein Verkauf ins Ausland schafft hingegen zusätzliche Einnahmen.

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