Stuttgart - Ich erinnere mich, wie frustrierend die Visiten im Jahr 2020 auf unserer Isolierstation waren, dem Ort, an dem in der Pandemie die meisten Coronapatienten betreut wurden. Die Visiten sahen etwa so aus: In Zimmer eins lag Frau Maier, 90 Jahre alt, sie hatte etliche Vorerkrankungen und kam aus dem Pflegeheim. Sie hatte sich im Heim zusammen mit anderen Bewohnern angesteckt. Sie hatten alle sehr schwere Verläufe.
Die Intensivstation wurde Frau Maier erspart
Eine Verlegung auf die Intensivstation und die damit verbundene Abhängigkeit von unzähligen Apparaten ohne echte Perspektive wollte Frau Maier keiner mehr antun. So lag sie mit ihrer Corona-Lungenentzündung mit enorm hohem Sauerstoffbedarf über die Nasenbrille im Zimmer. Wir versuchten, die Symptome so gut es geht zu lindern und für sie da zu sein, bis sie schließlich verstarb.
Zimmer zwei belegte Herr Müller, Mitte 60, er hatte Bluthochdruck und war zuckerkrank. Husten, Belastungsluftnot und nach einer Weile auch der Geschmacksverlust hatten ihn dazu gebracht, sich in unserer Notaufnahme vorzustellen. Dort war der Coronatest positiv, in der Computertomografie hatte man Veränderungen passend zu einer Corona-Lungenentzündung gesehen. Zudem ergab sich – wie bei vielen Patienten – das Bild einer begleitenden Lungenembolie. Die behandelten wir dann auf der Isolierstation mit einem Gerinnungshemmer.
Remdesivir hat die Hoffnungen nicht erfüllt
Gegen die eigentliche Corona-Lungenentzündung hatten wir wenig in der Hand: In den ersten Coronawellen kam der Virushemmer Remdesivir zum Einsatz – ein Medikament, das lange vor Corona für die Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt worden war. Aus heutiger Sicht hat es nicht den Erfolg gebracht, den man sich erhofft hatte. Zudem kommt im Verlauf einer Corona-Infektion oft Cortison zum Einsatz. In der Visite bei Herrn Müller ging es täglich darum, abzuklären, ob die Abwehrmechanismen seines Körpers das Virus bezwingen oder eine Verlegung auf die Intensivstation zur künstlichen Beatmung nötig wird.
Mehr Wissen, bessere Medikamente
Heute liegen andere Patienten in den Zimmern der Isolierstation und sie haben oft positivere Aussichten – zum einen, weil wir die Erkrankung besser kennen. Natürlich ist auch die Impfung ein Meilenstein. Vor allem aber helfen uns im stationären Alltag mittlerweile Medikamente, die es jetzt explizit gegen das Coronavirus gibt. Bestes Beispiel ist die Antikörpertherapie. In der Omikron-Welle verabreichen wir den neuen Antikörper Sotrovimab – eine Art passive Immunisierung, bei der industriell hergestellte Antikörper das Virus neutralisieren sollen wie sonst die körpereigenen Antikörper, die bei einer Impfung aufgebaut werden.
Heute kommt der typische Patient in Zimmer eins, Herr Schmidt, mit milden Symptomen wie Husten und Halskratzen über die Notaufnahme auf die Isolierstation. Er bekommt die Antikörper-Infusion und kann, wenn es ihm weiter so gut geht, am nächsten Tag schon wieder nach Hause.
Oft wird die Infektion zufällig entdeckt
Zimmer zwei wird heute von der 45-jährigen Frau Schneider bezogen – aber nur für kurze Zeit. Sie kam in die Klinik, weil sie sich das Bein gebrochen hat und soll operiert werden. Atemwegsbeschwerden hat sie keine. Der Coronatest bei der Aufnahme erbrachte den Zufallsbefund einer Corona-Infektion, deswegen muss sie isoliert werden. Frau Schneider ist geimpft, es spricht alles für einen milden Verlauf. Dann kann sie in ein paar Tagen auf die chirurgische Station verlegt werden und ihre Beinoperation bekommen.
Natürlich verlaufen heute nicht alle Corona-Infektionen besser als vor zwei Jahren. Aber die Kombination aus der milderen Omikron-Variante und der Fortschritt in der Behandlung haben das Risiko schwerer Verläufe gemindert.
Johannes Mehne ist Arzt am Robert-Bosch-Krankenhaus und hat in den vergangenen zwei Jahren auf verschiedenen Stationen Patienten behandelt, die an Corona erkrankt waren. Der 35-Jährige promovierte an der Berliner Charité, schloss in Dortmund ein Journalistik-Studium ab und volontierte beim ZDF.

