Soziale Medien wie TikTok, Instagram und Co. sind voll mit Videos, in denen Menschen ihre Gemüseabfälle wiederverwerten und daraus Pflanzen ziehen. Oder aber gleich ganze Tomatenscheiben oder Ähnliches in die Erde stecken und dann in einer Zeitraffer-Aufnahme zeigen, wie daraus eine Pflanze wächst.
Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Kann man wirklich aus Supermarktgemüse eigene Pflanzen ziehen, die wiederum verzehrbare Früchte tragen? Wenn ja, welche biologischen Prozesse stecken dahinter?
Gemüsepflanzen auf TikTok und Co.
Dass durch die Aussaat von Samen Pflanzen wachsen, ist vermutlich jedem bekannt. Naheliegend wäre es also, aus beispielsweise einer Supermarkt-Paprika Samen zu entnehmen und diese anzupflanzen. Allerdings kommen hier die ersten Schwierigkeiten auf.
Damit die Samen keimfähig sind, muss die Frucht reif geerntet worden sein. Das ist bei Supermarktgemüse aufgrund langer Transportwege oft nicht der Fall. Wenn man Gemüse saisonal und regional kauft, stehen die Chancen für reife Früchte besser.
Viele Gemüsesorten aus dem Supermarkt sind ungeeignet
Das nächste Problem ist etwas gravierender: Viele Gemüsesorten aus dem Supermarkt sind Hybridsorten. Das seien Pflanzen, die besonders ausgewählte Eltern hatten, sagt Michael Kruse, Leiter des Fachgebietes Saatgutwissenschaft und -technologie an der Universität Hohenheim. „Diese Eltern werden so entwickelt, dass sie von der Genetik her sehr verschieden und selbst aber sehr einheitlich sind. Sie sind auf ihre besondere Kreuzungseignung selektiert, also ausgewählt“, erklärt er.
Die Hybride hätten dadurch besonders wertvolle Eigenschaften. Diese sogenannte Heterosis funktioniert aber nur einmalig, bei den Nachkommen der Hybridpflanze geht der Effekt verloren. Im Klartext heißt das: „Wenn ich jetzt eine Hybridtomate nehme und daraus Samen nehme, wird die Tomate, die daraus entsteht, nicht mehr die Qualität der Tomate aus dem Supermarkt haben“, führt Kruse aus.
Dieser Hybrideffekt, der durch die besondere Auswahl der Eltern zustande komme, sei bei der nächsten Generation nicht mehr oder nur noch begrenzt wirksam, erklärt er. Die Tomate schmeckt also nicht mehr so gut, ist kleiner und die Tomatenpflanze trägt weniger Früchte.
Hybridsorten nicht von außen erkennbar
Für den Verbraucher sei es nicht erkennbar, ob die Tomate aus dem Supermarkt eine Hybridsorte sei, wenn dies nicht deklariert würde, so Kruse. Beim Kauf von Samen im Baumarkt sei dagegen meist klar, wann es sich um eine solche handele. Die Samen von Hybriden seien meist teurer, da man bei diesen eine höhere Produktqualität und mehr Ertrag erwarten könne. Damit der Kunde bereit sei, diesen höheren Preis zu zahlen, würden Hersteller das auf der Packung deklarieren. „Da steht dann „F1-Hybride“ oder „F3-Hybride“ oder sowas drauf, weil das unnatürlich teuer ist“, sagt Kruse.
Wer im Baumarkt also zu Samenpackungen greift, die nicht als Hybride ausgeschrieben sind, kann laut dem Experten davon ausgehen, dass es sich um „normale“, samenfeste Sorten handelt. Das heißt, Hobbygärtner können sich einmal Samen kaufen, daraus Pflanzen ziehen und aus den Früchten neue Samen für das nächste Jahre gewinnen.
Vorsicht ist allerdings bei Kürbisgewächsen wie Zucchini, Kürbis oder Gurken geboten. Denn diese können giftig sein. Sollte das geerntete Gemüse bitter schmecken, ist es nicht zum Verzehr geeignet.
Gemüse ohne Samen vermehren?
Tatsächlich gibt es noch andere Möglichkeiten, Pflanzen zu vermehren, ohne dass dafür Samen notwendig sind. Das geht auch problemlos mit Gemüse aus dem Supermarkt: Hobbygärtner können aus Pflanzenteilen neue Pflanzen ziehen – und zwar durch die sogenannte vegetative Vermehrung.
Einige kennen das vielleicht von Zierpflanzen, bei denen man einfach Blätter in die Erde stecken kann und daraus eine neue Pflanze wächst. Nach demselben Prinzip funktioniert das ebenfalls bei vielen Kräuter-, Obst- und Gemüsesorten. So kann man beispielsweise aus einem Zweig Rosmarin eine neue Rosmarinpflanze ziehen.
Hier kommen dann auch die zahlreichen Videos und Tutorials aus den Sozialen Medien ins Spiel, die zeigen, wie man aus Küchenabfällen neue Gemüsepflanzen ziehen kann. Beliebt sind auf TikTok, Instagram und Co. etwa Frühlingszwiebeln, Sellerie, Salat, Karotten oder Knoblauch.
Man nehme einfach den Strunk des besagten Gemüses – beziehungsweise bei Zwiebeln oder Knoblauch den Teil, an dem die Wurzeln sitzen – lege ihn ein paar Tage in Wasser und pflanze ihn dann in Erde. Daraus wächst eine neue Pflanze. Aus einem großen Strunk können Heimgärtner sogar mehrere Pflanzen machen, wenn sie diesen in Stücke schneiden.
„Dafür ist eine Sellerieknolle gemacht“
Doch was passiert da eigentlich genau? Saatgut-Experte Kruse verdeutlicht das am Beispiel einer Sellerieknolle: Diese sei ein Speicherorgan, welches die Pflanze im ersten Jahr anlege, damit sie die Nährstoffe des ersten Jahres speichern könne, um dann im zweiten Jahr mit diesen Nährstoffen den Blütenstand zu bilden. „Dafür ist eine Sellerieknolle gemacht und deswegen kann die sich auch wieder bewurzeln, wenn man sie in feuchte Erde legt“, sagt Kruse. Analog funktioniere das bei allen zweijährigen Pflanzen, bei Kartoffeln, Karotten, rote Beete und Co.
Deshalb können Hobbygärtner auch einfach gekeimte Kartoffeln oder Zwiebeln ins Gemüsebeet setzen – und davon neue Knollen und Zwiebeln ernten. Wer von diesen im nächste Jahr wieder welche vergräbt, kann wiederum neue gewinnen. Der Vorteil dabei: es handelt sich um Klone, die genetisch identisch mit der Mutter sind. Dabei entstehe keine genetische Veränderung der Sorte, so Kruse. Hier stellt sich das Problem der Hybridsorten also nicht.
Saatgutbibliotheken bieten Samen als Leihgut an
Wer es dennoch mit Samen versuchen möchte, kann sich entweder selbst samenfestes Saatgut besorgen oder an eine Saatgutbibliothek wenden. Denn diese sprießen seit ein paar Jahren nur so aus dem Boden. Eine Saatgutbibliothek funktioniert ähnlich wie eine Bücherei, nur dass man sich statt Büchern, CDs oder Spielen Samen ausleihen kann. Auch die Stadtbibliothek Stuttgart hat eine Saatgutbibliothek.
In den Bibliotheken läuft das dann so: Im Frühjahr können sich Hobbygärtner Samen ausleihen und diese aussähen. Aus einem Teil der Ernte gewinnen sie dann neue Samen, die sie im Herbst in die Bibliothek bringen, damit diese wiederum im nächsten Frühjahr ausgegeben werden können.
Dabei handelt es sich um Sorten, die keine Hybride sind. Oftmals sind es auch alte Gemüsesorten, wie beispielsweise die Gartenmelde in der Stadtbücherei Hechingen, die man ähnlich wie Spinat zubereiten kann. In den nächsten Tagen und Wochen startet in vielen Saatgutbibliotheken die Ausleihe.
Ausleihe in Saatgutbibliotheken in Stuttgart und der Region
ab 9. März
Saatgutbibliothek der Stadtbibliothek Stuttgart an mehreren Standorten
ab 12. März
Saatgutbibliothek der Stadtbibliothek Filderstadt
ab sofort
Saatgutbibliothek der Stadtbücherei Schorndorf
seit 2. März
Saatgutbibliothek der Stadtbibliothek Heimsheim









