University of Oxford? Ein Eldorado der Wissenschaft, Hotspot der Spitzenforschung und – neben Cambridge – Vorzeige-Hochschule Englands. Wer denkt bei so viele Geistesgröße und Gehirnschmalz an Mord und Totschlag, Gewaltorgien und brutale Schlägereien? Doch all diese kriminellen Seiten der menschlichen Natur gab es in Oxford – und das zuhauf.
Mittelalterliche Hochburg des Verbrechens
Im späten Mittelalter war die Stadt in der südenglischen Grafschaft Oxfordshire eine Hochburg des Verbrechens, wie Forscher dr University o Cambridge jetzt festgestellt haben. Im 14. Jahrhundert lag die Mordrate in Oxford pro Kopf vier- bis fünfmal höher als in anderen englischen Städten wie London oder York.
Das lag vor allem an den damaligen Studenten, wie die Wissenschaftler in einer im Fachblatt „Science Alert“ veröffentlichten Studie berichten. Neu übersetzte Gerichtsdokumente enthüllen, dass rund drei Viertel der darin aufgeführten Mörder als „clericus“ bezeichnet werden. In den Aufzeichnungen von Gerichtsmedizinern aus dem 14. Jahrhundert wurden solche Todesfälle untersucht und dokumentiert.
Studenten bekriegten sich bis aufs Blut
Der Begriff „clericus“ wurde üblicherweise für Studierende oder Mitglieder der 1096 gegründeten Universität – und damit ältesten Hochschule in der englischsprachigen Welt – verwendet. Die Studiosi mordeten offenbar mit Vorliebe Mitstudenten der eigenen Hochschule. Rund 72 Prozent der Opfer wurden der Studie zufolge ebenfalls als „clericus“ eingestuft.
Demnach lag die Mordrate in Oxford damals bei 60 bis 75 Fällen pro 100 000 Einwohner, das ist 50-Mal höher als in heutigen Großstädten Englands und fünfmal höher als im mittelalterlichen London.
„Mediavial Murder Map“: ein interaktiver Mordatlas
Herausgefunden hat diese historische Entdeckung ausgerechnet die Konkurrenz aus Cambridge. Manuel Eisner, Direktor des Instituts für Kriminologie in Cambridge, und sein Team haben ihre Daten in dem interaktiven Mordatlas „Medieval Murder Map“ zusammengetragen.
Neben Oxford („The capital of learning“) finden sich auch London („The dazzling metropolis“) und York („The northern trading capital“)als mittelalterliche Mord-Hochburgen.
Was waren die Ursachen für die Mordlust?
„In einer mittelalterlichen Universitätsstadt wie Oxford herrschte eine tödliche Mischung von Bedingungen“, erklärt Kriminologe Eisner.„Die Oxford-Studenten waren alle männlich und in der Regel zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahre alt, dem Höhepunkt der Gewalt- und Risikobereitschaft. Es waren junge Männer, die von der strengen Kontrolle der Familie, der Gemeinde oder der Zunft befreit waren und in ein Umfeld kamen, das voll von Bier, Prostituierten und Waffen war.“
Heute hat sich die kriminelle Lage in Oxford deutlich beruhigt. Die rund 150 000-Einwohner-Stadt liegt im Mittelfeld der britischen Kriminalitätsstatistik. Auf 1000 Einwohner kommen im Schnitt 104 Verbrechen. Besonders beliebt ist 912 urkundlich erstmals erwähnte Gemeinde bei Fahrraddieben: Im Oktober 2022 wurden laut „Crime Rate“ in Oxford 73 Fahrraddiebstähle gemeldet, die höchste Zahl in Oxfordshire.
Raufbolde und Mordgesellen en masse
Im Mittelalter war man bekanntlich nicht zimperlich. Bei Raufbolden und Mordgesellen denkt man gewöhnlich an Straßenräuber und Raubritter. Konflikte wurden oft mit Waffen ausgetragen, Fehden zwischen verschiedenen Gruppen endeten oft in tödlicher Gewalt. „Messer waren in der mittelalterlichen Gesellschaft allgegenwärtig“, erläutert die Historikerin Stephanie Brown von der University of Cambridge.
Fast jeder besaß ein Messer, das beim Essen und für andere alltägliche Zwecke genutzt wurde. „Viele Männer trugen zudem Stöcke und Äxte gab es in den Haushalten zum Holzhacken.“ Bei solch massenhaften Verbreitung von potenziellen Mordwerkzeugen war es kein Wunder, dass Gewalt in den Straßen des Mittelalters an der Tagesordnung war.
Wie Gerichtsverfahren im mittelalterlichen England abliefen
Auf Grundlage der rund 700 Jahre alten Gerichtsakten rekonstruierten die Forscher, wie häufig Morde und andere Gewalttaten in den drei größten Städten des mittelalterlichen Englands vorkamen. Das Ergebnis präsentieren sie in ihrer faszinierenden interaktiven „Murder Map“.
„Wenn im spätmittelalterlichen England ein mutmaßliches Mordopfer gefunden wurde, wurde der Leichenbeschauer gerufen“, erläutert Manuel Eisner. War der Verdacht auf eine Gewalttat begründet, untersuchte eine Jury den Fall. „Ihre Aufgabe war es dann, durch Anhörung von Zeugen den Hergang der Ereignisse zu rekonstruieren, Beweise zu sammeln und dann einen Verdächtigen zu benennen. Die Anklagen wurden vom Schreiber des Leichenbeschauers aufgezeichnet.“
354 mittelalterliche Morde untersucht
Insgesamt haben die Historiker aus Cambridge 354 Morde in London, Oxford und York untersucht und auf diese Datenbasis den Mord-Atlas erstellt.
In der interaktiven Darstellung kann man per Mausklick zu jedem Mordfall die entsprechende historische „Fallakte“ einsehen, die den Tathergang, die Umstände und den oder die Täter genauer beschreibt. Zusätzlich sind Mordfälle in Audiofiles nachzuverfolgen.
Doch warum ausgerechnet Oxford?
„Eine mittelalterliche Universitätsstadt wie Oxford schuf eine tödliche Mischung von Bedingungen. Denn die Studenten waren alle männlich und im Alter zwischen 14 und 21 Jahren – auf dem Höhepunkt der männlichen Gewalt- und Risikobereitschaft“, schreiben die Autoren. Als Studenten hatten die jungen Männer plötzlich weit mehr Freiheiten als zuvor: „Sie waren von der strikten Kontrolle ihrer Familien, Kirchengemeinden und Gilden befreit und gerieten nun in ein Umfeld voller Waffen und leichtem Zugang zu Wirtshäusern und Prostituierten“, erläutert Eisner.
So lief ein typisches Verbrechen unter Studenten ab
Wie ein harmloser Streit in eine blutige Fehde ausartete, lässt sich an einem Beispielfall zeigen: Es ist Dienstagnacht in einer Taverne in der Oxford High Street. Ein Streit unter Studenten, die in der Kneipe hocken, läuft aus dem Ruder und eskaliert zu einer blutigen Straßenschlacht, die mit Schwertern und Äxten ausgetragen wird. Eisner: „Neben solchen Kämpfen zwischen Studenten und Stadtbewohnern gab es auch viele Konflikte innerhalb rivalisierender Studentengruppen.“
In einem anderen von den mittelalterlichen Leichenbeschauern dokumentierten Fall kam es zu einem Konflikt rivalisierender Studentenverbindungen: Im Frühjahr 1303 wird der „clericus“ Adam de Sarum auf offener Straße von drei irischen Studenten überfallen und durch Messerstiche in Hals und Kopf getötet. Das Attentat war wohl ein Racheakt, weil kurz zuvor zwei Studenten aus Wales andere Kommilitonen attackiert hatten. Ein Unbeteiligter wurde dabei zu Tode geprügelt.
„Das Leben in den mittelalterlichen Ballungsräumen war rau, aber keineswegs gesetzlos“, resümiert Kriminologe Eisner. „Die Menschen kannten ihre Rechte und beriefen sich auf das Gesetz, wenn es Konflikte gab. Allerdings kam dies für viele zu spät.“

