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Europas erster Krieg

Mord und Totschlag gibt es, seit es Menschen gibt. Doch wann datiert der erste „echte“ Krieg in Europa? Forscher haben ein steinzeitliches Massengrab mit mehr als 330 Toten in Nordspanien neu untersucht. Das Ergebnis: Hier führten verfeindete Gruppen einen monatelangen Krieg gegeneinander. Es war der erste Krieg auf europäischem Boden.

  • In diesem jungsteinzeitlichen Massengrab in der nordspanischen Region Rioja-Alavesa liegen die Gebeine von mindestens 338 Toten.Foto: © Fernández-Crespo et al./Scientific Reports, CC-/4.0

    In diesem jungsteinzeitlichen Massengrab in der nordspanischen Region Rioja-Alavesa liegen die Gebeine von mindestens 338 Toten.Foto: © Fernández-Crespo et al./Scientific Reports, CC-/4.0

Wann kam der Krieg in die Welt? Wann war das erste Gemetzel in der Geschichte des Homo sapiens – des angeblich so weisen Menschen –, in dem sich Exemplare dieser Spezies gegenseitig abschlachteten, meuchelten, mordeten?

Mord und Totschlag gibt es, seit es Menschen gibt. Davon zeugen fossile Relikte gewaltsam getöteter Neandertaler genauso wie die berühmte Gletschermumie „Ötzi“. Doch das waren Kämpfe zwischen Individuen und noch keine "echten" Kriege – also länger anhaltende, organisierte Konflikte von ganzen Gruppen in größerem Maßstab.

„Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“

Wenn es zutrifft, was der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz in seinem 1832 posthum erschienenen Hauptwerk „Vom Kriege“ schrieb, dass „Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ ist, dann muss es schon in der Steinzeit Regelungen unter Clans gegeben haben, die verbindliche und auf Gewalt und Macht beruhende Entscheidungen beschlossen - und zu Kriegen führten.

8000 v. Chr.: Das Massaker vom Turkana-See

Die weltweit ältesten Spuren eines kriegerischen Dramas haben Archäologen am Westufer des Turkana-Sees im heutigen Kenia und Tansania gefunden, einer Wiege der menschlichen Evolution.

27 Männer, Frauen und Kinder starben hier vor rund 10 000 Jahren. Die Spuren des Massakers gelten als bisher älteste Indizien für eine Gewalttat, die auf einen Kampf zwischen zwei Gruppen einander fremder Menschen hinweisen. Die prähistorische Bluttat ist zugleich der erste sichere Beleg für die äußerst gewalttätige Vergangenheit des Homo sapiens. Und sie beweist: Schon die frühen Jäger-und-Sammler-Kulturen fochten Konflikte aus, welche die Kriterien eines Krieges erfüllten.

Was macht Konflikte zum Krieg?

Der Schweizer Ethnologe Jürg Helbling von der Universität Luzern definiert Krieg als „geplante und organisierte bewaffnete Auseinandersetzung zwischen autonomen Gruppen“. Damit sind auch Konflikte aus jenen Zeiten gemeint, als es noch keine organisierten Staaten gab. Also bereits jene in der Jungsteinzeit, lange bevor komplexe, hierarchische Gesellschaften entstanden.

Der Grund, warum ausgerechnet vor rund 10 000 Jahren erstmals Werkzeuge zum Töten verwendet wurden, liegt nahe: Vor rund 11 000 Jahren veränderte die Neolithische Revolution zunächst in Afrika und im Nahen Osten die Gesellschaft grundlegend.

Rund drei Jahrtausende später erreichte diese revolutionäre Veränderung der Jäger- und Sammlergesellschaft auch Mitteleuropa. Die Menschen wurden sesshaft und betrieben Ackerbau und Viehhaltung. Sie begannen, Vorräte und Besitz anzuhäufen. Dinge, auf die Konkurrenten neidvoll ein Auge warfen.

1250 v. Chr.: Die Schlacht im Tollensetal

Als erste nachgewiesene Schlacht in Europa galt bis dato das Gemetzel im Tal des Flusses Tollense um 1250 v. Chr. nahe dem Ort Altentreptow in Mecklenburg-Vorpommern. Dort fanden Spatenforscher insgesamt 12 000 Knochen von 144 Menschen. In ihren Schädeln klafften Löcher wohl von Keulen verursacht, in einem der Köpfe steckte noch eine Pfeilspitze.

Die Tollense war in der frühen Bronzezeit eine wichtige Handelsroute. Den Angreifern ging es offenbar um ihre Kontrolle oder sie griffen Händler an, raubten sie aus und töteten sie anschließend. Möglicherweise waren bis zu 2000 Männer an dem Konflikt beteiligt.

3300 v. Chr: Der Krieg von Rioja-Alavesa

Doch bereits 2000 Jahre vor Tollense kam der Krieg nach Europa. Es war ein Krieg mit steinzeitlichen Waffen, ein Steinzeitkrieg. Nicht kurze Scharmützel zwischen kleineren Gruppen, sondern über Monate, vielleicht sogar Jahre andauernde gewalttätige Auseinandersetzungen.

Dies belegen Analysen eines steinzeitlichen Massengrabs in Spanien, in dem mindestens 338 Tote liegen. Die meisten von ihnen weisen Spuren schwerer Verletzungen auf, wie die Archäologin Teresa Fernández-Crespo von der Universität Valladolid und ihr Team im aktuellen Fachmagazin „Scientific Reports“ berichten.

Im Jahr 1985 hatte ein Baggerfahrer bei Bauarbeiten die Begräbnisstätte von San Juan ante Portam Latinam, rund 30 Kilometer nordwestlich der Kleinstadt Laguardia in der baskischen Provinz Rioja-Alavesa, geöffnet. Radiokarbon-Datierungen ergaben, dass die Toten zwischen 3380 und 3000 v. Chr. dort beerdigt worden waren.

Erster Krieg auf europäischem Boden

An der Rückwand eines Felsunterstands fanden Archäologen eine große Zahl menschlicher Knochen und Schädel vergraben. „Mindestens 338 Personen, davon rund 70 Prozent männlich, waren dort zufällig durcheinandergeworfen und teils in atypischen Positionen begraben“, berichten die Forscher.

In dem Massengrab lagen dutzende komplette und rund 200 unvollständige Skelette, zusammen mit tausenden losen Knochen. Neben den menschlichen Überresten fanden sich zahlreiche Waffen wie Steinäxte und steinerne Speerspitzen. Ursprünglich galten die Toten als Opfer eines einzelnen Massakers, doch die jüngst durchgeführte neue Analyse kommt zu einem ganz anderen Schluss.

„Gängiger Ansicht nach verfügten die frühen agrarischen Gesellschaften noch nicht über die nötigen ökonomischen und logistischen Fähigkeiten für einen anhaltenden großskaligen Konflikt“, erklären Teresa Fernández-Crespo und ihre Kollegen. Die bisher aufgefundenen Massengräber aus der Steinzeit enthalten maximal 30 bis 40 Tote. Ihren größtenteils unverheilten Wunden zufolge sind diese meist im Rahmen eines Überfalls gestorben. „Art und Ausmaß der Kriegsführung in der europäischen Jungsteinzeit blieben daher unklar“, schreiben die Archäologen.

Eingeschlagene Schädel, gesplitterte Knochen

Doch woran waren die jungsteinzeitlichen Menschen gestorben? Die Schädel und Knochen wiesen zahlreiche schwere Verletzungen auf, wie beispielsweise eingedrückte oder gebrochene Schädel sowie Kerben in Knochen. Bei den Skeletten wurden 52 Pfeilspitzen aus Feuerstein, 64 Steinklingen und zwei Steinäxten gefunden – Waffen, die von der Anwendung extremer Gewalt zeugen. „Doch die Art der Gewalt und ihr Ausmaß blieben umstritten“, erklärt Teresa Fernández-Cresp.

Ihr Team untersuchte die Relikte erneut und diesmal sehr viel gründlicher als bei der ersten Sichtung im Jahr 1985. Dabei berücksichtigten sie  die Position und Art der Schädelfrakturen - und stellten insgesamt 107 Kopfverletzungen fest.

„Die meisten dieser Läsionen – nämlich 96 – waren Dellen oder Brüche, die auf stumpfe Gewalteinwirkung zurückgehen, wie sie durch Schläge mit Steinkeulen, Äxten, Holz- und Knochenkeulen oder geschleuderte Steine entstehen.“ Fast alle Schädelwunden lagen zudem auf der Vorder- oder Oberseite des Kopfes.

„Echter“ Krieg: Männer mordeten Männer

Eine weitere Erkenntnis war, dass 59 der 107 Schädelwunden Anzeichen verheilter Knochen aufwiesen. „Die relativ hohe Zahl von geheilten Verletzungen deutet auf frühere gewaltsame Konflikte hin, die nicht tödlich endeten und sich über eine Zeit von Monaten oder wahrscheinlich sogar Jahren verteilten“, erläutert Teresa Fernández-Crespo.

Etwas Weiteres kommt hinzu: 70 Prozent der Toten waren männlich und nur 30 Prozent Frauen und Kinder. „97,6 Prozent der unverheilten und 81,7 Prozent der verheilten Verletzungen wurden bei den männlichen Toten gefunden“, berichten die Wissenschaftler. Das unterscheide dieses Massengrab von vielen anderen aus dieser Zeit und spreche gegen ein Massaker beispielsweise einer kompletten Siedlung. All dies deute darauf hin, dass überwiegend Männer an Kämpfen beteiligt waren.

Frühestes Zeugnis systematischen Mordens in Europa

Das Massengrab von Rioja-Alavesa ist damit das früheste historische Zeugnis dafür, dass es schon vor mehr als 5000 Jahren monate- oder jahrelange organisierte und systematische Kriege mit wiederholten Kämpfen zwischen größeren Gruppen gab. Steinzeitliche Vorläufer der Schlachten und Feldzüge während Kriegen, wie sie seit der Antike ausgetragen werden.

„Die potenzielle Dauer von mindestens Monaten bis Jahren, die Zahl der direkten Opfer, die männlich dominierte Demografie und die in der Rioja-Alavesa-Region identifizierten möglichen sozialen und ökonomischen Folgen deuten darauf hin, dass dieser gewaltsame Konflikt weitreichendere Folgen hatte als zuvor für diese Zeit bekannt“, resümieren die Wissenschaftler.

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