Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel gibt sich oft nüchtern und wirkt gelegentlich kalt und berechnend, weshalb es umso mehr verwundert, dass bei ihr die Emotionen mitunter die Oberhand gewinnen. Es war im ARD-Talk von Caren Miosga am Sonntagabend so gegen die zehnte Sendeminute, nachdem schon über die turbulente Sitzungswoche des Bundestages gesprochen worden war und Alice Weidel mit Stolz in der Stimme behaupten konnte, die AfD habe beim Votum mit der Union für das Migrationspapier von Friedrich Merz „mitgestaltet“ in der deutschen Politik. „CDU und AfD haben 60 Prozent – damit kann man viel machen“, sagte Weidel. Dann kam aber Miosga auf die Bundestagssitzung am Freitag zu sprechen, die, wie die Moderatorin sagte, „mit einem Gedenken an die Opfer des Holocausts begann“ – und just bei diesen Worten, das zeigt die Kamera deutlich, dreht Alice Weidel beide Augäpfel in die Höhe. „Warum verdrehen Sie die Augen“, fragt Miosga den Gast, doch Alice Weidel dementiert: „Habe ich nicht gemacht.“
Geht der AfD-Vorsitzenden das Holocaust-Gedenken zu weit, ist sie eines Gespräches darüber überdrüssig? Angesichts der Tatsache, dass Zehntausende von Demonstranten derzeit in deutschen Städten „gegen Rechts“ auf die Straßen gehen und vor AfD-Versammlungen „Nazis raus“ rufen, ist die Frage offenbar berechtigt. Wie die AfD und wie sie persönlich denn der Opfer des Holocausts gedenken, will Miosga von Weidel wissen. Die antwortet, dass man den Reden im Bundestag „sehr andächtig gelauscht“ und Beifall geklatscht habe. Das Existenzrecht Israels stehe für die AfD an erster Stelle. Sie persönlich ziehe die Lehre aus dem Holocaust, dass er nie wieder passieren dürfe, er werde auch nicht wieder passieren. Aber sie sei dagegen, dass der Holocaust als „politisches Instrumentarium“ benutzt werde.
Weidel: „Die ganze Holocaust-Anheftung an die AfD ist nervtötend“
Caren Miosga legte dann nach, sie zitierte Weidel mit den Worten, dass es mit dem „Schuldkult“ auch mal ein Ende haben müsse. Ob die Aussage nun in einem Porträt oder einem Interview der „NZZ“ stand, darüber waren sich Moderatorin und Gast nicht einig. Miosga machte jedenfalls darauf aufmerksam, dass der Begriff Schuldkult von neurechten Geschichtsrevisionisten benutzt werde, worauf Weidel konterte, man dürfe ja bald gar nichts mehr sagen, „Schwachkopf“ gehe ja auch nicht mehr.
Etwas die Fassung verlor die AfD-Politikerin dann aber nachdem Miosga ein Video von Elon Musk über das Interview mit Alice Weidel eingespielt hatte, in dem der US-Milliardär den Deutschen empfahl, nicht mehr in ihre Vergangenheit als Schuldige zu schauen sondern besser in die Zukunft. Vom polnischen Präsidenten Donald Tusk waren diese Worte als irritierend so zeitnah vorm Holocaust-Gedenken empfunden worden, was Alice Weidel mit der Bemerkung abtat, der Tusk sei ja „links“ – und das sage schon alles. Und dann hob sie ihre Stimme: „Die ganze Holocaust-Anheftung an die AfD ist falsch, geschichtsvergessen und nervtötend. Sie kommen da nicht weiter, wenn Sie da rumbohren.“
Miosga aber bohrte noch etwas weiter. Sie brachte zwei Beispiele von extremen AfD-Politikern. In einem Fall seien die Angriffe auf AfD-Politiker mit der Reichspogromnacht gegen die Juden verglichen worden. Im anderen Falle habe einer gesagt, er sei „das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“. „Wollen oder können Sie solche Extremisten nicht verhindern?“ fragte Miosga, worauf Weidel antwortete, extremistisch seien doch die Regierung und der Staat, da sie gegen Recht und Gesetz verstießen und „unser Land so zugrunde gerichtet haben“. Schon zuvor hatte die AfD-Chefin gesagt, dass man in der Migration einen „Kontrollverlust“ habe und Deutschland wirtschaftspolitisch, finanzpolitisch, steuerpolitisch und migrationspolitisch „am Boden“ liege.

