Politik

Kleinkrieg bei Hart aber Fair

Zwei Kriege und ein lächerlicher Kleinkrieg. Moderator Louis Klamroth misslingt der Abschied der Zuschaueranwältin Brigitte Büscher – eine Peinlichkeit.

  • Louis Klamroth verabschiedete am Abend Zuschaueranwältin Brigitte Büscher – aber ohne Blumen.Foto: IMAGO/Future Image/IMAGO/Dwi Anoraganingrum

    Louis Klamroth verabschiedete am Abend Zuschaueranwältin Brigitte Büscher – aber ohne Blumen.Foto: IMAGO/Future Image/IMAGO/Dwi Anoraganingrum

Natürlich gab es kein einziges Wort von Louis Klamroth über den Zwist mit seinem Vorgänger Frank Plasberg, der die Sendung „Hart aber fair“ erfunden hat und dessen Produktionsfirma theoretisch auch noch für die letzte Ausgabe in diesem Jahr zuständig war, und der sich kritisch und enttäuscht geäußert hatte darüber, dass Klamroth sich von 2024 an abnabelt und mit einer eigenen Firma weiter produziert. Aber am Ende der Sendung am Montagabend – es ging um das „fürchterliche Jahr 2023“ – stand dann noch ein Abschied vom Plasberg‘schen Personalinventar an und damit eine Peinlichkeit, die Klamroth beging.

Er verabschiedete mit einem Dank für ihre „tollen Reportagen“ und einen Hinweis auf ihre letzte Umfrage aber ohne Blumenstrauß die Zuschaueranwältin Brigitte Büscher und bemerkte, „vielleicht sehen wir Dich im nächsten Jahr mal wieder“. Die nächste Sendung wird nach der Winterpause am 29. Januar sein, und das „vielleicht ein Wiedersehen“ hätte sich Klamroth so sparen können wie er es mit den Blumen tat.

Umarmung statt Blumen

„Du hast es ein bisschen verpackt und angedeutet. Heute ist mein letzter Tag in dieser Sendung“, sagte Brigitte Büscher dezidiert, nach 23 Jahren wolle sie etwas Neues anfangen. Da gab es Applaus vom Publikum und Klamroth ließ sich zu einer Umarmung hinreißen. Die Journalistin Büscher hatte das Gästebuch geführt und die Reaktionen auf der Straße oder in den sozialen Medien eingefangen, zuletzt sei da „viel Hass und Hetze“ im Netz gewesen, aber sie sei immer gerne als Reporterin unterwegs gewesen und habe „die Wirklichkeit in die Sendung geholt“, sagte sie. Die Reaktionen der Zuschauer im Rückblick auf 2023 fasste Büscher letztmalig so zusammen: Es sei als „mieses Jahr“ wahrgenommen worden und der Ausblick auf 2024 sei auch eher düster.

„ Weicheier der Kriegsgeschichte“

Das war auch der Tenor in der Studiorunde, die zunächst den am 7. Oktober von der Hamas entfesselten Terror in Israel beleuchtete. Die erfahrene Kriegsberichterstatterin Katrin Eigendorf sagte, dass die Berichte und Bilder von den Gräueltaten vom „Abgrund der Menschlichkeit“ zeugten, die Betrachter traumatisierten und die israelische Gesellschaft tief erschüttert hätten. Von den Fehlern und der überzogenen Militärstrategie Israels sollte später noch die Rede sein, aber zunächst einmal äußerte auch der Journalist Markus Feldenkirchen seinen Abscheu über die Hamas. Manche behaupteten, die seien Krieger und Kämpfer, dabei seien es nur „ekelhafte Terroristen“. Wolle man sie als Krieger bezeichnen, dann seien es „die größten Weicheier der Kriegsgeschichte“, die junge Festivalbesucher niedermetzelten, wehrlose alte Menschen in Kibbuzen ermordeten und sich im Gaza „hinter Kinder und Kranken verstecken“: „Das ist das Ehr- und Eierloseste, was ich je gesehen habe.“

Der Hass wächst noch

So klar sie den Hamas-Terror verurteilten, so eindeutig aber waren Eigendorf und Feldkirchen der Ansicht, dass das militärische Vorgehen der israelischen Armee im Gaza - wo vielfach kein Stein über dem anderen bleibe – nicht durch die Verhältnismäßigkeit der Mittel gedeckt sei. Eigendorf meinte, Israel breche internationales Recht, da es den Zivilisten unzureichend Zugang zu Wasser, Nahrung und Schutz gewähre, im übrigen werde das Vorgehen als „Vernichtungskrieg“ wahrgenommen, weil Israel keine Perspektive aufzeige, wie es nach der Militäroperation mit dem Gaza eigentlich weitergehen solle. Viele Gespräche in Israel hätten ihr aber gezeigt, dass auch die Israelis eine „Sicherheitsstruktur“ für die Zukunft haben wollten. Feldenkirchen sagte, dass Israel langfristig das Problem haben werde, „dass der Hass in den umliegenden Ländern noch wächst“.

Druck auf Israel wirkt

Natürlich reagieren auch Israels Verbündete in aller Welt längst auf das umstrittene militärische Vorgehen und der Druck und die Mahnungen beispielsweise aus Washington und Paris zeigten durchaus Wirkung, bemerkte der Politikprofessor Carlo Masala: So habe Israels Premier Benjamin Netanjahu sein Ziel der vollständigen Vernichtung der Hamas schon herunter gedimmt auf die Eliminierung von vielen Terroristen. Die Warnung der USA, dass der Krieg im Gaza nicht monatelang dauern dürfe habe auch schon Folgen gezeitigt: Statt den Norden schon voll unter Kontrolle zu haben, reagiere die Armee jetzt „hastiger und schneller“ auch im Süden. Schließlich hätten die USA Einreisebeschränkungen für extremistische jüdische Siedler aus dem Westjordanland erlassen – auch das zeigte Wirkung, die Regierung Israels wolle diese Leute jetzt auch bei Straftaten verhaften lassen.

Wie es weitergeht im Nahen Osten, das ließ die Runde offen. Eine optimistische Frage des Ex-Bundesinnenministers Gerhart Baum (FDP), ob der Schock nicht beiderseits so tief sitze, „dass Hass jetzt in Vernunft umgewandelt werden kann“ und der Frieden eine Chance erhalte, fand keinen großen Resonanzboden.

Kriegsmüdigkeit wegen Ukraine?

Der Krieg in der Ukraine scheint angesichts der Nahostkrise in den Hintergrund getreten zu sein und Moderator Klamroth wies allerorten auf eine gewisse Kriegsmüdigkeit hin, die sich unter anderem im T-Shirt eines jungen Mannes spiegele, den er jüngst auf der Straße gesehen habe: „Was geht mich der Krieg in der Ukraine an? Nix“ habe da drauf gestanden. An die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann richtete Klamroth die Frage, wie sie auf eine Begegnung mit solch einem T-Shirt-Träger wohl reagiert hätte: „So einer geht mir aus dem Weg, wenn er mich sieht“, entgegnete die FDP-Frau. Sie konstatierte erneut massive Angriffe Russlands auf die Ukraine, und wenn ein Krieg ein Jahr dauere, dann könne er auch zehn Jahre dauern. Deutschland dürfe nicht nur Waffen liefern, damit die Ukraine „knapp überlebt“, sondern müsse mehr tun im Verein mit den Verbündeten. Man müsse nicht nur Defensivwaffen liefern, sondern auch Waffen, „mit denen die Ukraine die Angriffe Russlands unterdrücken kann“.

Die Journalistin Eigendorf bemerkte bereits Spannungen und Risse auch in der ukrainischen Gesellschaft, „das Einstehen für eine militärische Lösung ist am Sinken“, meinte sie. Präsident Wolodymyr Selenskyi regiere „mit fünf oder sechs Leuten“ im Alleingang und musste sich kürzlich Kritik von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko anhören. Unterdessen wachse in der Ukraine der Ärger, dass einige ihr Leben für die Heimat opfern und andere das Land verlassen. Aber allgemein empfahl Eigendorf, mehr auf Russland als auf die Ukraine zu achten: Präsident Putin stehe jetzt stabiler da als zum Anfang des Krieges, er habe selbst die Hardliner ausgeschaltet. Er könne seine Macht und seine drakonischen Maßnahmen rechtfertigen mit dem Krieg: „Russland unter Putin ist eine Bedrohung für Europas Sicherheit.“

Bewegungen an der Front

Dabei ist der Krieg ja noch nicht verloren. Carlo Masala hält die militärische Option für die Ukraine nicht für aussichtslos. Es gebe kein Patt, sagte er, die Gegenoffensive der Ukraine sei vielleicht nicht so erfolgreich gewesen, aber es gebe bemerkenswerte Bewegungen an der 2400 Kilometer langen Front, die Ukraine setze die Krim militärisch unter Druck und habe den Dnjepr überquert. Wenn Kiew genug „Material gesammelt“ habe, dann rechne er mit einer erneuten Offensive am Ende von 2024.

Angesichts der beiden Kriege sollten die Sorgen der Deutschen um ihren Haushalt eigentlich verblassen, aber Bemerkungen wie die von Finanzminister Christian Lindner (FDP), der Staat sei „vollkommen handlungsfähig“ sorgten auch in der Studiorunde eher für Erstaunen und Unruhe: Hatte das jemand bezweifelt? Von allen vom Tisch gefegt wurde die aus Reihen der AfD, CSU und von Sahra Wagenknecht stammende Forderung nach Neuwahlen. Gerhart Baum bemerkte, es sei „lächerlich“ zu glauben, dass Deutschland an einer Finanzlücke von 17 Milliarden Euro scheitern könne, so etwas lasse sich füllen, man müsse nur handeln: „Wir müssen doch in die Welt schauen, da brennt es an allen Ecken und Enden, wir sind von Gefahren umgeben.“ Wie man da um eine Finanzlücke streiten könne, das begreife er nicht.

Katrin Eigendorf sah das ähnlich. Sie sei gerade auf dem Klimagipfel in Dubai gewesen, auch dort erwarte man von Deutschland eine Vorreiterrolle: Wie man hierzulande einen Kleinkrieg um den Etat führe und sich im Klein-Klein verhakele, das wirke in der internationalen Gemeinschaft „kleinlich und wenig visionär“.

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