Politik

Friedrich Merz versteht die Ukraine – und Russland

Vor dem Trump-Putin-Treffen machen nach einer Initiative des Bundeskanzlers europäische Staats- und Regierungschefs dem US-Präsidenten klar, was in der Ukraine ist.

  • Ukrainische Verteidigungslinie am nördlichen Stadtrand des heftig umkämpften Pokrovsk: Ausweichstellungen am Friedhof.Foto: Feyder

    Ukrainische Verteidigungslinie am nördlichen Stadtrand des heftig umkämpften Pokrovsk: Ausweichstellungen am Friedhof.Foto: Feyder

603 628 Quadratkilometer ist die Ukraine groß. Seit dem 24. August 1991, als die Ukraine ihre Unabhängigkeit von der sich auflösenden Sowjetunion erklärte. Was Wladimir Putins Ziehvater, der damalige russische Präsident Boris Jelzin, am 8. Dezember desselben Jahres im Abkommen von Beloweschje anerkannte. Und am Heiligen Abend 1991 bei der UNO die gegenseitige Unabhängigkeit und Souveränität hinterlegte. 603 628 Quadratkilometer, keinen Quadratmillimeter mehr – und erst recht keinen weniger.

Damit sind die völkerrechtlichen Voraussetzungen geklärt, wenn sich US-Präsident Donald Trump und der russische Machthaber Putin an diesem Freitag in Anchorage im US-Bundesstaat Alaska treffen. An einem Ort wohlgemerkt, der einst zum Russischen Reich gehörte, am 30. März 1867 aber für 7,2 Millionen Dollar an die USA verkauft wurde – um die Engländer zu ärgern. Im gegenseitigen Einvernehmen können Hoheitsgebiete erweitert werden.

Putin hat einen anderen Weg gewählt. Er ließ am 24. Februar 2014 die ukrainische Krim überfallen und besetzen und überzog auf den Tag genau acht Jahre später den Rest der Ukraine mit seiner Soldateska, Panzern und Raketen. An diesem Freitag leben und sterben die Menschen in der Ukraine seit 4190 Tagen im täglichen russischen Bombenhagel. Und, seien wir ehrlich, es sieht nicht gut aus für die Ukraine an der mehr als 1800 Kilometer langen Front.

Beim strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Prokovsk droht den Verteidigern die Einkesselung. Im Norden der Stadt haben russische Infanterieeinheiten eine der beiden Lebenslinien Prokovsks unterbrochen. Von einem Durchbruch sprechen nur Politiker und Journalisten, die in militärischen Dingen ahnungslos sind: Bei einem Durchbruch wird eine Lücke in die Verteidigung gerissen, durch die rasch andere Verbände in die Breite und vor allem ins Hinterland vorstoßen. Die russischen Aufklärer wurden von frischen ukrainische Verbände gestoppt – Putin ist weit von einem Durchbruch entfernt.

An Einfältigkeit nicht zu überbieten

Dass Trump den gewieften Fuchs im Kreml mit seinem alten Kumpel aus Tagen ominöser Immobiliendeals, Steve Witkoff, und nicht etwa mit geschulten Diplomaten verhandeln ließ, ist an Einfältigkeit nicht zu überbieten. Ein fragwürdiger Jurist gegen einen Jahrzehnte lang im sowjetischen Geheimdienst KGB geschulten Putin: Witkoff wusste in den Gesprächen nicht einmal, welche Regionen der Ukraine der Diktator besetzt hat. Trump spricht bereits von „Gebietstausch“, der auf die Ukraine zukäme. Das ist selten dumm: Welche Gebiete bekäme denn die Ukraine? Das gehört ihr doch! Nicht einer ihrer Soldaten steht in Russland – das wiederum mit 600 000 Soldaten in der Ukraine steht und dort etwa 114 500 Quadratkilometer und damit 18,97 Prozent des Landes besetzt hält.

Russlands Forderungen an die Ukraine haben sich seit 2022 nicht verändert: kein ukrainischer Beitritt zu Nato und EU, weitestgehende Auflösung der Streitkräfte, eine neue Verfassung für die Ukraine, die Putins Interessen dient. Sein Russland will keinen Frieden. Das zeigen die vergangenen 4190 Tage. Es will sich Zeit für seine nächsten Schritte verschaffen.

Viele europäische Staats- und Regierungschefs verstehen das. An ihrer Spitze: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der jetzt zusammen mit europäischen Kollegen und dem ukrainischen Präsidenten Wolodomir Selenskyj versuchte, diese Sicht auch Trump nahe zu bringen. Wie auch dies: Verhandelt wird, wenn die Waffen entlang der heutigen Front schweigen. Merz weiß: 603 628 Quadratkilometer ist die Ukraine groß – keinen Quadratmillimeter weniger.

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