Die Linkspartei hat im Deutschen Bundestag nach dem Austritt des Wagenknecht-Flügels mit ihren 28 verbliebenen Abgeordneten nur noch Gruppenstatus. Und diese Gruppe hat sich gestern eine neue Führung gegeben. Das ist mehr als eine protokollarische Pflichtübung, denn die Ausgangslage für die Linke ist ausgesprochen kompliziert. Seit der Bundestagswahl blieb die Partei in bundesweiten Umfragen zuallermeist unterhalb der 5-Prozent-Marke, jedenfalls nie deutlich darüber. Die neue Konkurrenz durch das Wagenknecht-Bündnis macht es zudem zusätzlich schwer, öffentlich neues Profil zu gewinnen.
Das Rednerpult des Deutschen Bundestages ist deshalb eine der letzten und damit auch wichtigsten Bühnen der Partei, um bundesweite Aufmerksamkeit zu bekommen und wenigstens gelegentlich Themen eigenständig setzen zu können.
Bekanntes Gesicht verlässt die Bühne
Umso wichtiger für die Partei ist also, die linke Stimme so profiliert zu erheben, dass die linke Position nicht untergeht. Bislang hatte Dietmar Bartsch diese Aufgabe erfüllt. Er hatte dabei auch viel Kritik auszuhalten. Manche, auch alte Weggefährten darunter, hielten ihm vor, viel zu lange am strategischen Bündnis mit der langjährigen Co-Vorsitzenden der Fraktion, Sahra Wagenknecht, festgehalten zu haben. Und unter Bartschs Fraktionsvorsitz wurde das Verhältnis zur Parteiführung frostig bis feindlich. Bartsch hatte jedoch die Gabe, linke Positionen in sendefähige Häppchen herunterzubrechen und war immerhin eines der wenigen prominenten Gesichter der Linkspartei. Nach dem Ende des Fraktionsstatus hatte der 65-jährige Bartschaber erklärt, dass er für eine weitere Amtszeit an der Spitze der linken Bundestagsgruppe nicht mehr zur Verfügung steht.
Das Aufgabenprofil für seine Nachfolger war klar umrissen. Es umfasst vor allem zwei Punkte: Die neue Führung der Linken im Bundestag muss der angeschlagenen Partei erstens Sichtbarkeit verschaffen. Und zweitens muss die Zusammenarbeit mit dem Parteivorstand so konfliktfrei möglich sein, dass die nach dem Austritt der Wagenknecht-Rebellen beschworene neue Geschlossenheit auch glaubwürdig vertreten werden kann.
Dass nun mit der 35-jährigen Heidi Reichinnek (Landesverband Niedersachsen) und dem 47-jährigen Sören Pellmann ausgerechnet als Duo seine Ambitionen auf die Führung der Gruppe kundtat, das 2022 gegen die dann gewählten Parteivorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan angetreten war, sah dann doch wieder ganz nach einer Fortsetzung der alten Grabenkämpfe in neuem Gewande aus. Vor allem in Richtung Wisslers hatte es damals von Reichinnek durchaus scharfe Attacken gegeben.
35-Jährige als Hoffnungsträgerin
Man darf also davon ausgehen, dass der Parteiführung die beiden anderen Bewerber doch näher standen. Der 39-jährige Ates Gürpinar, Ex-Landeschef in Bayern, arbeitet bereits als Bundesgeschäftsführer in der Parteizentrale. Und die vierte Bewerberin, die 37-jährige Migrationspolitikerin Clara Bünger gilt als sachorientiert und pragmatisch.
Am Wochenende war ein Einigungsversuch der Parteiführung gescheitert. Immerhin hieß es, das Gespräch sei „in angenehmer Atmosphäre“ verlaufen, was immerhin einen Traditionsbruch darstellt, wenn es um den Austausch von Partei- und Fraktionsspitze geht.
Da mit dem Verlust des Fraktionsstatus nicht alle Konflikte zwischen den beiden Machtzentren der Partei ausgeräumt sind, galt vielen eine Doppelspitze aus je einem Vertreter der beiden Lager als das Sinnvollste. Reichinnek und Pellmann rechneten sich allerdings knappe Chancen auf einen gemeinsamen Durchmarsch aus. Manche sehen in der jüngsten Bundestagsabgeordneten der Linken, Heidi Reichinnek, eine Hoffnungsträgerin. Sie hatte nicht nur mit einigen pointierten Reden im Bundestag punkten können. Sie vermag es auch, junge Menschen anzusprechen. Ihr frischer TikTok-Auftritt ist ein unerwarteter Renner. Neue Zielgruppen erschließen – das könnte mit Reichinnek tatsächlich funktionieren.

