Panorama

Wenn der Mann seine Partnerin am Berg alleine zurücklässt

Warum lassen Männer ihre Partnerin im Gebirge allein zurück? Was verbirgt sich hinter dem Socual-Media-Trend „Alpine Divorce“? Und was hat der Begriff mit dem Erfrierungstod einer 33-Jährigen am Großglockner im Januar 2025 zu tun. Rekonstruktion eines unfassbaren Kriminalfalls.

  • "Alpine Divorce": Dass ein Mann seine (Berg-)Partnerin in der Wildnis alleine zurücklässt, kommt offenbar häufiger vor, als man denkt (Symbolfoto).Foto: Imago/Zoonar

    "Alpine Divorce": Dass ein Mann seine (Berg-)Partnerin in der Wildnis alleine zurücklässt, kommt offenbar häufiger vor, als man denkt (Symbolfoto).Foto: Imago/Zoonar

Niemals solo unterwegs! Diese eiserne Regel gilt fürs Wandern, Bergsteigen und Ski-Touren im Hochgebirge. Egal, wo. Egal, wann. IMMER!

Eine Dreiergruppe ist Pflicht. Einer kann beim Verletzten oder Verschütteten bleiben, der Dritte holt Hilfe. Denn: Über Leben und Tod entscheiden oft nur wenige Minuten.

Der Tag, an dem Kerstin G. starb

Rückblick: Im Januar 2025 will ein Paar gemeinsam den 3798 Meter hohen Gipfel des Großglockners, Östrerreichs höchsten Berg, besteigen. Und das mitten im Winter. Eine an sich schon tollkühne und halsbrecherische Idee.

Dann passiert das Unfassbare: Der 37-jährige Thomas P. lässt seine 33-jährige Partnerin bei der anspruchsvollen Tour über den Stüdlgrat zurück. Er geht einfach alleine weiter. Kerstin G. erfriert in der Nacht bei eisigen Temperaturen.

Im Februar 2026 verurteilt das Landgericht Innsbruck Thomas P. wegen grob fahrlässiger Tötung zu fünf Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe. Inzwischen hat sein Anwalt Berufung gegen den Richterspruch eingereicht.

Der Fall sorgt weltweit für Aufsehen und löst eine breite Debatte über Verantwortung, Geschlechterrollen und Sicherheit im Bergsport aus. Das Unfassbare: Kerstin G. war nicht die erste Partnerin, die Thomas P. bei einer Wanderung zurückgelassen hatte.

„Der schlimmste Samstag meines Lebens“

Besonders in den sozialen Netzwerken werden der Fall und das Urteil emotional diskutiert. Unter dem Begriff „Alpine Divorce“ berichten Nutzer auf TikTok, Reddit, Instagram und X von ähnlichen Erfahrungen. Beim Wandern oder auf Bergtouren waren auch sie von ihren Partnern oder Begleitern zurückgelassen worden. Der Ausdruck "Alpine Divorce" ist dabei metaphorisch gemeint – im Sinne von „alpiner Scheidung“ oder Trennung am Berg.

Ein Video der TikTokerin @EverAfterIya ging im Februar 2026 viral - mit inzwischen mehr als 21 Millionen Aufrufen und über 231.000 Kommentaren. In dem Clip sieht ist nur ein Schatten von ihr zu sehen, sie weint und sagt: „Der schlimmste Samstag meines Lebens.“

Netz-Welle von „Alpine-Divorce“-Erfahrungsberichten

Der Beitrag löste eine Welle ähnlicher Erfahrungsberichte aus. Viele Netznutzer schildern Situationen, in denen sie auf einer Wanderung plötzlich alleine weitergehen oder den Rückweg antreten mussten – mitunter ohne Orientierung und ausreichende Versorgung:

„An Alpine Divorce“: Short Story von Robert Barr

Der Begriff an sich ist nicht neu. Neu ist nur seine Verwendung auf Social Media. Im Zuge des tragischen Todes von Kerstin G. ist der aus der Literatur entlehnte Ausdruck „Alpine Divorce“ wiederbelebt worden.

Der Terminus stammt aus einer Kurzgeschichte von Robert Barr (1949-1912) aus dem Jahr 1893. Der in Schottland geborene kanadisch-britischer Schriftsteller ist für seine Detektivgeschichten bekannt. In der kurzen Story „An Alpine Divorce“ erzählt er von einem Mann, der plant, seine Frau während einer gemeinsamen Reise in den Schweizer Alpen durch das Hinabstoßen in einen Abgrund zu töten.

Tipps vom Berg-Experten

In den sozialen Medien wird der Begriff nun in einem übertragenen Sinne für maskuline Egomanie und Rücksichtlosigkeit verwendet. Der Mann stellt die Bedürfnisse der Partnerin in Outdoor-Situationen hintenan.

Auf Instagram erklärte DAV-Experte Stefan Winter, was das Urteil im Großglockner-Fall für die Bergsport-Community bedeutet:

Fünf zentrale Aspekte sind Winter dabei besonders wichtig:

Kein harmloser „Schlussmach-Trend“

Nicht alle User*innen sind mit dem Begriff glücklich. Denn, so argumentieren sie, bei „Alpine Divorce“ handle es sich nicht um einen harmlosen „Schlussmach-Trend“, sondern um grobe Fahrlässigkeit, die mit dem Tod enden könne und entsprechend strafbar sei – wie der Fall am Großglockner beweisene hat.

Das Erstaunen und die Anteilnahme darüber, wie unfassbar viele Frauen so eine (lebens(gefährliche) Demütigung bereits am eigene Leib erfahren haben, sind groß. Auch über das richtige Verhalten bei Wanderungen wird viel diskutiert. Dazu gehören: regelmäßig Pausen einlegen, rechtzeitig umkehren, genügend Energie zuführen, auf offiziellen Wanderwegen bleiben. Und das Wichtigste: den richtigen (Berg-)Partner wählen.

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