Ein Spaziergang durch Brüssel ist nicht immer eine Augenweide. Der Grund: die Stadt hat in einigen Vierteln ein massives Problem mit dem Hausmüll. Manche Straßen wirken wie ein Testfeld für die legendäre Broken-Windows-Theorie. Die besagt, dass ein zerbrochenes Fenster genügt, um ein Haus und dann ein ganzes Viertel in eine Abwärtsspirale in Richtung Verwahrlosung zu ziehen. Übersetzt auf Brüssel heißt das: ein Haushalt stellt seinen Müllsack vor die Tür, kurz darauf türmen sich in der ganzen Straße regelrechte Abfallberge die dort bisweilen tagelang vor sich hin rotten.
Das Problem stinkt im Sommer zum Himmel
Stoisch verweist die Stadt auf die vorgegebenen Abholzeiten der Müllsäcke. Das Problem aber ist, dass sich in einigen eher problematischen Stadtvierteln zu viele Einwohner nicht um die zeitlichen Vorgaben kümmern. Sie stellen ihre Abfallbeutel auf den Gehsteig, auch wenn kurz zuvor der Müll eingesammelt wurde. Die Stadtverwaltung sucht seit Jahren nach einer Lösung des Problems, das im Sommer nicht nur optisch, sondern auch geruchstechnisch eine große Herausforderung darstellt. Diese Bemühungen sind allerdings nicht von Erfolg gekrönt.
Etwas entschärft wurde die Situation durch die eingeführte Mülltrennung. Inzwischen gibt es drei verschiedenfarbige Säcke für recyclebare Verpackungen, Restmüll und Essensreste, die an verschiedenen Wochentagen eingesammelt werden. Allerdings hat das die Müllmenge nicht reduziert und offensichtlich können auch Möwen sehr gut Farben erkennen. Denn die orangenen Säcke mit Essensresten werden von den Tieren gezielt angesteuert, aufgepickt und der Inhalt großzügig auf dem Gehweg verteilt.
Die Stadt Brüssel ist völlig pleite
Nun droht die angespannte Situation weiter zu eskalieren, was nicht mit den häufigen Streiks bei der Müllabfuhr zu tun hat. Grund ist, dass die Stadt, die Region und das Land völlig pleite sind. Um den Haushalt zu entspannen, wurde in Brüssel ein Einstellungstopp für städtische Angestellte verfügt. Auf den ersten Blick erscheint das als eine gute Idee, denn der Wasserkopf im Verwaltungsapparat ist beachtlich. Das heißt etwa, dass freigewordene Stellen nicht neu besetzt werden dürfen. Bei der Müllabfuhr kann von einem Personalüberangebot allerdings keine Rede sein. Und da die Fluktuation in diesem Bereich extrem hoch ist, fehlen schon nach wenigen Wochen die Leute, die den Müll von der Straße räumen.
Die Verantwortlichen versuchen nun, durch Umschichtungen in den Dienstplänen, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Tatsache ist aber, räumt die Verwaltung ein, dass in manchen Stadtvierteln der Müll weniger häufig abgeholt wird. Inzwischen hat sich auch die Staatssekretärin Audrey Henry eingeschaltet und versprochen, die Situation zu lösen, indem sie den Einstellungsstopp zumindest für die betroffenen Müllwerker aufhebt und einige Mitarbeiter wieder einstellt, deren Verträge zunächst nicht verlängert wurden.
Die Stadt plant härtere Sanktionen
Da sich die Klagen über die mangelnde Sauberkeit in der Stadt häufen, wurde zuletzt auch verkündet, die Einhaltung der Regeln stärker zu überwachen und Sanktionen konsequent umzusetzen. Geplant ist, sogenannte „Sauberkeitsbrigaden“ einzurichten, die bei Verstößen Bußgelder verhängen können. Ob diese Pläne tatsächlich umgesetzt werden, ist angesichts der klammen öffentlichen Kassen allerdings sehr unwahrscheinlich.
Aus demselben Grund dürfte auch die Ankündigung der Stadtregierung verpuffen, die gesamte Abfallentsorgung zu reformieren. Geplant ist ein System von unter- und oberirdischen Sammelstellen. Eine dafür in Auftrag gegebene Studie rechnet vor, dass rund 3000 solcher Punkte notwendig wären um eine sinnvolle Abdeckung zu erreichen. Geschätzte Kosten: rund 150 Millionen Euro. Außerdem müssten die Müllwagen umgebaut werden, wofür noch einmal ein hoher fünfstelliger Millionenbetrag investiert werden müsste. Spötter witzeln, bei einem Schuldenstand der Brüsseler Kommune von aktuell über 15 Milliarden Euro, fielen die paar Millionen Euro auch nicht mehr ins Gewicht.

