Kultur

Zwischen den Welten am Feuersee

Das Ensemble Le Concert de l’Hostel Dieu verbindet in der Johanneskirche Bach und Minimal Music. Und wie hat das geklungen?

  • In der Johanneskirche am Stuttgarter Feuersee ist mehrfach das Bachfest zu Gast.Foto: Holger Schneider

    In der Johanneskirche am Stuttgarter Feuersee ist mehrfach das Bachfest zu Gast.Foto: Holger Schneider

War Bach ein Minimalist? Oder, anders gefragt: Was hat die dichte Struktur von Bachs Musik mit dem nach 1960 in den USA erfundenen Kompositionsstil zu tun, der das Komplexe durch das Einfache, den Kopf durch den Bauch ersetzte? „From Bach to Minimalism“ war am Freitagabend der Titel des Programms, mit dem sich das Ensemble Le Concert de l’Hostel Dieu aus Lyon in der Stuttgarter Johanneskirche vorstellte. Brücken zwischen Bachs Kontrapunktik und den Wiederholungsstrukturen wie auch den subtilen Verschiebungen der Minimal Music sollten hier geschlagen werden. Der Versuch war ehrenwert, doch erfolgreich war er nicht: Zwischen den unterschiedlichen Zeiten, Stilen und Klangwelten gab es weniger Verbindungen als Kontraste.

Wie eine Insel zwischen den Welten

„Aus wenig mach viel“ wäre ein treffenderes Motto für die Breite des Gebotenen gewesen – von den beiden Kontrapunkten aus Bachs „Kunst der Fuge“ bis hin zu der pathetisch-repetitiven Flächigkeit in der Musik von Max Richter und Karl Jenkins. Obendrein wirkte das Werk im Zentrum des Programms, Bachs d-Moll-Cembalokonzert BWV 1052 in der Fassung für Solovioline, wie eine Insel zwischen den Welten. Das Stück ist hoch-, nein, eher hypervirtuos, was manchen intonatorischen Unfällen des Solisten Patrick Cohën-Akenine im Eingangssatz auch anzuhören war. Nach und nach entfaltete sich dann aber ein dichter, auch klangfarblich fein abgestimmter Dialog zwischen dem Geiger und dem temperamentvoll agierenden Ensemble, das Franck-Emmanuel Comte vom Cembalo aus leitete.

Wie breit die Musikerinnen und Musiker aufgestellt sind, bewiesen sie gleich zu Beginn, als sie sich in zwei Gruppen hochkonzentriert durch Steve Reichs „Clapping Music“ klatschten und dabei so lange immer wieder wirkungsvoll die Phasen um je eine Achtelnote verschoben, bis am Ende die Rhythmen wieder exakt übereinanderlagen. Die Struktur des 1972 entstandenen Stücks ist simpel. Dennoch macht es uns, wenn es so präzise präsentiert wird wie hier, noch heute staunen, und sein tiefes Verständnis für Reich bewies das Orchester danach auch beim dritten Satz aus dessen ursprünglich für E-Gitarre und Zuspielband komponiertem „Electric Counterpoint“.

Zu erleben war ein musikalisches Spiegelkabinett voller aberwitzig schneller, oft geradezu jazzig wirkender Figuren. Wie das zu Arvo Pärts meditativem „Da pacem domine“ passte? Gar nicht. Als verbindendes Element ist das Wenige eben doch zu wenig. Spaß gemacht hat’s trotzdem.

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