Kultur

Neuer Roman des Bestsellerautors

Im neuen Roman von Ken Follett „Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit“ errichtet ein jungsteinzeitliches Hirtenvolk eines der größten Monumente der Weltgeschichte.

  • Stonehenge, Weltkulturerbestätte bei Amesbury, im Südwesten Englands, ist der Dreh- und Angelpunkt für Folletts neuen Roman.Foto: AFP

    Stonehenge, Weltkulturerbestätte bei Amesbury, im Südwesten Englands, ist der Dreh- und Angelpunkt für Folletts neuen Roman.Foto: AFP

Ken Follett ist ein unverbesserlicher Optimist. Inzwischen 76 Jahre alt, schreibt der walisische Bestsellerautor immer noch am liebsten historische Romane, in denen sich Menschen einer großen Sache widmen (einem Bauprojekt, wie einer Kathedrale zum Beispiel, oder, im jüngsten Buch, einem neolithischen Steinkreis). Nach viel Mühsal, Abenteuern und ein paar Toten geht die ganze Sache gut aus – die Menschheit ist am Ende um ein Monument reicher und die Welt ein Stück besser.

Der Autor liefert, was die Lesenden von ihm erwarten

Follett-Leser wissen: Seine Bösewichte sind zuverlässig stets abgrundtief böse; die Guten meistens gut, wenngleich hin und wieder von Anfechtungen und Zweifeln geplagt. Die Handlung folgt dem klassischen Muster der Heldenreise, wie sie der Mythenforscher Joseph Campbell schon 1949 beschrieben hat. So auch in seinem jüngsten Roman „Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit“. Wobei das Wort „Kathedrale“ vom Verlag in den deutschen Titel hineingeschmuggelt wurde, vermutlich weil sich ein Buch des Autors mit einer Anspielung an seinen größten Erfolg („Die Säulen der Erde“) besser verkauft. Im Original heißt der Roman „Circle of Days“ (Tagekreis).

Typisch Heldenreise, werden zu Beginn gleich zwei Menschen aus ihrem Alltag herausgerissen: Zum einen ist da Seft, ein junger talentierter Feuersteinhauer, der von seinem Vater und seinen beiden Brüdern terrorisiert wird. Zum anderen Joia, die Schwester von Sefts Geliebter Neen. Joia fühlt sich als Außenseiterin in ihrer neolithischen Hirtengemeinschaft, denn sie hat so gar keine Lust auf das, was den anderen Spaß macht. Zum Beispiel zufälligen Sex mit Festbesuchern bei der großen Mittsommer-Orgie. Vielmehr interessiert sie sich für die mathematischen und astronomischen Kenntnisse der Priesterinnen, die mithilfe eines hölzernen Steinkreises die Jahreszeiten und den Lauf der Natur voraussagen.

Alles nicht so friedlich in der Steinzeit

Doch die egalitäre Welt der Hirten ist nicht so friedlich, wie sich das manche Steinzeit-Optimisten vorstellen. Die Menschen streiten und intrigieren untereinander – und es gibt da die Ackerbauern, die sich in der nahe gelegenen Ebene angesiedelt haben, gierig auf mehr Land, in einer autoritären Gesellschaftsordnung lebend.

Der Leser kann sich wie immer bei Ken Follett sicher sein, dass die Fakten zum Leben in der Salisbury-Ebene zur Zeit des Neolithikums historisch verbürgt sind. Natürlich gibt es keine schriftlichen Zeugnisse; die Erkenntnisse fußen auf archäologischer Forschung. Für alle seine Bücher beschäftigt Follett renommierte Historiker, in diesem Falle unter anderen den Stonehenge-Experten Mike Pitts und den Archäologen Mike Parker Pearson. Stundenlang könnte der Bestsellerautor über die Baupläne der Lehmhütten, die Speisen und Getränke der Hirten, der Jäger und Sammler und der Bauern referieren, über die Geografie der Umgebung um Stonehenge, die steinzeitliche Kleidung und Nähmethoden, die Spekulationen darüber, wie Menschen im Neolithikum die riesigen Steine von Stonehenge über viele Kilometer transportiert haben könnten. Alles ist auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. „Auf dieser Grundlage von Fakten baue ich meine Geschichte auf“, sagt Follett. „Es ist also derselbe Prozess wie in anderen historischen Romanen – nur mit dem Unterschied, dass es hier weniger Fakten gibt und mehr erfunden werden muss.“ Erfunden werden mussten vor allem die Gesellschaftsordnungen: Welche Rolle spielten Priester und Priesterinnen? Gab es Anführer? Wie viel Mitspracherecht hatten Frauen? Welche gesellschaftlichen Normen galten? Gab es Ehe? Freie Liebe? Wie lief die Kindererziehung ab?

Fakten und Fiktion verschnürt Follett zu einer durchaus spannenden Erzählung, wenngleich sie nicht die erzählerische Dichte seiner Romane aus einer quellenreicheren Zeit des Mittelalters erreicht. Aber der Mann versteht sein Handwerk als Geschichtenerzähler – und natürlich endet jedes Kapitel mit einem Cliffhanger.

Kampf gegen den Widerstand wird am Ende belohnt

Seft und Joia stellen sich also einer großen Aufgabe: Der hölzerne Steinkreis wurde niedergebrannt. Sie wollen ihn neu und herrlicher wieder aufrichten – mit gewaltigen Steinen, die den Göttern zur Ehre dienen, aber auch ganz pragmatisch tauschkräftige Pilger zum großen Mittsommer-Markt ins Hirtendorf locken.

Doch kein Steinkreis entsteht, wenn der böse Nachbar es nicht will. Und so muss erst der Widerstand des rach- und gewaltsüchtigen Bauernführers Troon gebrochen werden, bis hin zur großen Schlacht in der Flussebene, ehe das Monument für Jahrtausende errichtet werden kann. Denn natürlich – wie gesagt, Ken Follett ist ein Anhänger der Aufklärung – setzen sich am Ende die Guten durch. Wobei selbst den großen Optimisten inzwischen Zweifel beschleichen – der Zeitgeist lässt grüßen. Irgendwann seufzt da die genervte Priesterin Joia: „Warum rede ich eigentlich von den Menschen, als wären sie vernünftig? Ich habe mich wahrscheinlich zu viel mit Sonne und Mond beschäftigt.“

Über den Autor

Ken Follett
(*1949, Cardiff) ist ein walisischer Bestsellerautor. Er studierte Philosophie am University College London, arbeitete als Reporter („South Wales Echo“, „Evening News“) und in der Verlagsbranche. 1978 gelang ihm mit „Die Nadel“ der Durchbruch; berühmt wurde er mit „Die Säulen der Erde“ (1989) und den folgenden Bänden der Kingsbridge-Reihe. Seine 38 Bücher verkauften sich über 198 Millionen Mal. Zuletzt erschien „Die Waffen des Lichts“ (2023). Er lebt in Stevenage bei London.

Das Buch
„Stonehenge. Die Kathedrale der Zeit“ befasst sich mit einem der großen Mysterien der europäischen Geschichte: dem Bau des gewaltigen Steinkreises Stonehenge in Südengland in der Jungsteinzeit. Das Buch ist bei Lübbe erschienen, hat 672 Seiten und kostet 36 Euro.

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