Falls es noch des Belegs bedarf, dass übermäßiger Rotweingenuss auch zu etwas Gutem führen kann, hier wäre er: Im Jahr 2009 trafen sich in einem Kölner Lokal Liane Jessen und Jörg Himstedt vom Hessischen Rundfunk mit dem Schauspieler Ulrich Tukur. Der Plan des Duos war es, Tukur für die Rolle eines „Tatort“-Ermittlers zu gewinnen. Es schien eine kurze Begegnung zu werden, denn die Frage, ob er sich das vorstellen könne, beantwortete Tukur kategorisch mit Nein. Auf gar keinen Fall wolle er als Schauspieler verbrennen und am Ende nur noch als Polizist wahrgenommen werden. Doch die beiden gaben nicht auf. In der Erinnerung von Ulrich Tukur liest sich das in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ so: „Wir haben entsetzlich viel Rotwein getrunken, und mit jeder Flasche wurden die beiden überzeugender. Irgendwann hatten sich mich sturmreif geschossen.“
Tukur will einen „Tatort“-Ermittler mit Notausgang
Doch Ulrich Tukur war noch nicht so blau, um die Rolle nicht an ein paar Bedingungen zu knüpfen. Er drängte auf ein Engagement mit Notausgang. Die Figur müsse eine potenziell tödliche Krankheit in sich tragen, sodass er, Tukur, auch jederzeit schnell und elegant wieder aussteigen könne. Dies war, wenn man so will, die Geburtsstunde des Kriminalhauptkommissars Felix Murot, ein LKA-Ermittler, aus dessen Nachnamen man durch Umstellung von Buchstaben nicht zufällig das Wort Tumor bilden kann.
Womöglich gibt es Leserinnen und Leser, die der Meinung sind, das Treffen im Jahr 2009 belege auf gerade exemplarische Art und Weise, welche üblen Folgen der übermäßige Genuss von Rotwein haben kann. Schließlich wurde hier der Grundstock gelegt für einen „Tatort“-Ermittler, der wie kaum ein anderer das Publikum in zwei Lager spalten sollte. Da wären jene, die eine recht genaue Vorstellung davon haben, was sie von ihren Gebührengeldern am Sonntagabend zur besten Sendezeit erwarten: Eine Story, die einigermaßen spannend, halbwegs plausibel und keinesfalls zu herausforderend ist. Und da wären jene, die es in Kauf nehmen, ein Mal im Jahr in die Irre geführt oder gar gefoppt zu werden, wie das sonst um 20.15 Uhr in der ersten Reihe selten bis nie der Fall ist.
Dass sich das TV-Volk über einen „Tatort“-Ermittler in die Wolle kriegt, ist so neu nicht, das gab es auch schon zu einer Zeit, als die Glotze noch den Stellenwert eines Lagerfeuers besaß, um das sich die ganze Familie versammelt. Am heftigsten trat dies von 1981 an in jenen 29 Folgen zu Tage, in denen Götz George als Ruhrpott-Bulle Schimanski zu sehen war. Die einen bemängelten, das habe so gar nichts mit realer Polizeiarbeit zu tun. So einen Haudrauf würde man nicht mal zum Aufschreiben von Parksündern losschicken. Andere ergötzten sich gerade an der rustikale Art des Parkaträgers, der sich einen Dreck um Dienstvorschriften kümmerte. Aus heutiger Warte könnte man sagen, Schimanski war so was wie gelebter Bürokratieabbau.
Es ist weniger die Figur, als die Handlung, die provoziert
Bei Tukur/Murot liegt die Sache anders. Da ist es nicht so sehr die Figur, die provoziert, sondern die Handlung. Denn die hat – und da sind sich Freund und Feind einig – nichts mit dem gemein, was einem sonst so sonntagabends als „Tatort“ vorgesetzt wird. Da artet das Ganze in „Im Schmerz geboren“ zu einem bluttriefenden Spektakel aus, das man irgendwo zwischen Shakespeare, Italowestern oder Quentin Tarantino verorten kann. In einer begeisternden Kritik auf „Spiegel Online“ findet sich der Satz: „Gut möglich, dass nach diesem Gewaltakt von Kunstkrimi wieder mal Morddrohungen beim Hessischen Rundfunk eingehen“. In „Murot und das Murmeltier“ gerät der Polizist nicht nur in eine Geiselnahme, sondern auch in eine Zeitschleife. Zuletzt, in „Murot und das 1000-jährige Reich“, ist der Fahnder nur Träger der Rahmenhandlung – in der Hauptsache gibt Tukur einen Kommissar in der Endphaser des Dritten Reichs.
So schräg, abgedreht oder raffiniert die Storys gestickt sein mögen, sie funktionieren nur mit erstklassigen Darstellern wie Ulrich Tukur oder Barbara Philipp in der Rolle der Kollegin Magda Wächter.
Nun also, Fall 14, „Murot und der Elefant im Raum“. Murot findet sich auf der Couch eines Psychiaters (Robert Gwisdek) wider, welcher an dem Patienten eine neuartige Maschine auszuprobieren scheint, die es dem Polizisten erlaubt, gewissermaßen in seiner Psyche herum zu wandeln. Ob’s was bringt? Auf alle Fälle ist Murot von der Erfindung schwer beeindruckt.
Ausflüge in Unterbewusstsein
Währenddessen kämpft eine wohl nicht in allen Belangen zuverlässige Mutter (Nadine Dubois) vor Gericht darum, nicht das Sorgerecht ihres Kindes (Lio Vonnemann) zu verlieren. Als dies zu scheitern droht, entführt sie ihren Sohn aus dem Gerichtssaal. Trotz eingeleiteter Ringfahndung und unter mithilfe eines schusseligen Beamten, der es mit dem Erkennen von Automodellen nicht so hat, gelingt die Flucht. In einer Hütte im Wald scheinen Mutter und Kind vor der Verfolgern sicher. Doch dummerweise verunglückt die Mutter bei einer Besorgungsfahrt ohne Kind und fällt ins Koma. Wie jetzt den Buben finden? Da verfällt Murot auf eine Idee: Vielleicht kann er mit dem Apparat, der Ausflüge in sein Gehirn erlaubt, auch in die Gedankenwelt der Mutter eindringen. Dies ist der Beginn einer Fahndung mit sowohl tragischen wie auch komischen Zügen.
Man muss nicht in die Hirne von Menschen blicken können, um zu erraten, dass auch dieser Fall wieder das hoch verehrte Publikum entzweien dürfte.
Murot und der Elefant im Raum. Sonntag, ARD, 20.15 Uhr.
Bühnenreif und mit Stuttgart verbunden
Wurzeln
Der Schauspieler, Autor und Musiker Ulrich Tukur wurde 1957 als Ulrich Gerhard Scheurlen im hessischen Viernheim geboren. Sein Vater stammt aus Stuttgart. Nach dem Wehrdienst studierte Tukur Germanistik, Anglistik und Geschichte an der Universität Tübingen und jobbte als Straßenmusiker.
Theater
Nach eigenem Bekunden ging er im Alter von 21 Jahren erstmals freiwillig in ein Theater und sah die „Dreigroschenoper“. 1980 begann Tukur an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart eine Schauspielausbildung.














