Stuttgart - Der Fußball hatte seine große Bühne, sechs Wochen lang drehte sich in den USA, Kanada und Mexiko alles um die Stars in Stutzen. Nun, kurz bevor die Kicker in ihre nationalen Wettbewerbe starten, standen andere im Fokus. In vielen Sportarten fanden zuletzt Welt- und Europameisterschaften statt, bei denen zahlreiche Athletinnen und Athleten aus der Region Stuttgart nicht nur herausragende Leistungen zeigten. Sondern zudem, dass sie zur absoluten Weltspitze gehören und eine glänzende Perspektive haben – mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles.
Jürgen Scholz (65) war in den vergangenen Tagen vor allem eines: faszinierter TV-Sportler. Mit großer Begeisterung beobachtete der Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg (LSV) vor dem Fernseher die Auftritte der Athletinnen und Athleten aus der Region Stuttgart bei den diversen Events. „Es war aus baden-württembergischer Sicht eine fantastische Sportwoche“, sagt Scholz, „einfach nur sensationell.“
Natürlich lag das Hauptaugenmerk des ehemaligen Sprinters vor allem auf der Leichtathletik-EM in Birmingham – aber nicht nur. Auch bei den anderen Großereignissen hat der LSV-Präsident genau hingeschaut. Beeindruckt hat ihn vor allem Helen Kevric. Die 18-jährige Turnerin aus Stuttgart gewann nach einer schweren Knieverletzung EM-Gold am Stufenbarren. „Sie hat gezeigt, wie man wieder aufsteht, wenn man mal am Boden lag“, sagt Jürgen Scholz, „das imponiert mir ganz besonders.“
Doch Scholz, im Hauptberuf Bürgermeister der Gemeinde Sersheim, hat nicht nur die Medaillenausbeute der schwäbischen Sportlerinnen und Sportler gefallen. Sondern auch deren Haltung. „Die Atmosphäre, die sie vermittelt haben, war ganz anders, als wir es hin und wieder in der Vergangenheit erlebt haben. Sie haben sich als weltoffene, dynamische, selbstkritische Wettkampftypen präsentiert“, sagt Jürgen Scholz und ergänzt, „da wurde eine Aufbruchstimmung verbreitet, die sonst im derzeit eher depressiven und düsteren Deutschland nur noch selten zu sehen ist.“
Als ein Musterbeispiel dafür, wie man Herausforderungen positiv angeht, nennt der LSV-Boss Leo Neugebauer. Der Zehnkämpfer, der nach WM- nun auch noch EM-Gold gewonnen hat, habe eine „Grundeinstellung, die andere Athleten mitzieht“ und sei ein großes Vorbild. „Hut ab und Respekt vor dem, was er leistet“, sagt Jürgen Scholz, „er hat Dinge erreicht, die noch vor ein paar Jahren schwer vorstellbar waren. Und er zeigt, wie viele andere auch, dass derjenige, der will, Berge versetzen kann.“
Wir geben einen Überblick über die Erfolge der regionalen Sportstars aus den vergangenen Tagen:
Leichtathletik
Der VfB Stuttgart hat nicht nur Fußballer, die in der Champions League spielen. Er hat auch den König der Athleten in seinen Reihen. Leo Neugebauer (26), der amtierende Weltmeister im Zehnkampf, gewann nun auch bei der EM in Birmingham Gold. „Am Schluss war es purer Wille“, sagte er nach seinem Titelgewinn, „es war cool, auch mir selbst zu beweisen, dass ich mich, wenn es drauf ankommt, richtig, richtig durchbeißen kann.“ Das tat auch Nick Thumm (21). Der Speerwerfer vom VfB Stuttgart lag sensationell vor dem letzten Durchgang in Führung, nachdem er eine persönliche Bestleistung aufgestellt hatte (83,76 Meter), wurde dann aber noch von Julian Weber (90,40 Meter) übertroffen – was er problemlos verkraftete: „Es ist einfach nur super.“ Das dachte sich auch Yemisi Mabry (27). Die Olympiasiegerin im Kugelstoßen, die am Olympiastützpunkt in Stuttgart trainiert, gewann EM-Bronze. Den goldenen Schlusspunkt in Birmingham setzte Frederik Ruppert (29). Über 3000 Meter Hindernis holte sich der Läufer von der LAV Tübingen, der dort von Isabelle Baumann trainiert wird, am Sonntagabend nach einer taktischen Glanzleistung den EM-Titel. „Ich wusste, dass die Bedingungen hier am ehesten meine sind, deshalb war es die Chance, die ich nutzen musste“, sagte der Europarekordler, „ich bin einfach nur glücklich, dass es so ausgegangen ist.“
Rhythmische Sportgymnastik
Dass Darja Varfolomeev (19) die derzeit beste Sportgymnastin der Welt ist, daran gab es schon vor der Heim-WM in Frankfurt keine Zweifel. Und trotzdem war erstaunlich, wie die Olympiasiegerin aus Fellbach-Schmiden mit dem immens hohen Druck und der Erwartungshaltung (auch ihrer eigenen) umging. Erst wurde sie Weltmeisterin im Mehrkampf, dann holte sie sich auch noch die Titel mit dem Ball und dem Band, dazu gab es Bronze mit dem Reifen. Insgesamt hat sie in ihrer Karriere nun 14-mal WM-Gold gewonnen, die Medaillen aus Frankfurt haben für sie allerdings einen ganz speziellen Wert. „Ich bin enorm dankbar für diese besondere Atmosphäre“, sagte Darja Varfolomeev über die Stimmung bei der WM in der Frankfurter Festhalle, „diese Erfolge bedeuten mir alles!“
Reitsport
Michael Jung (44) ist nicht nur dreimaliger Einzel-Olympiasieger in der Vielseitigkeit, der Mann aus Horb-Altheim gilt auch als bester Reiter der Welt. Diesem Ruf wurde er nun bei der WM in Aachen erneut gerecht. Dort sicherte er sich zum zweiten Mal nach 2010 des Titel des Einzel-Weltmeisters, zudem gab es Silber mit der deutschen Mannschaft – und ganz besondere Emotionen. Denn Chipmunk, auf dem Michael Jung 2024 in Paris Olympiasieger wurde, ist weiterhin eines der besten Vielseitigkeits-Pferde der Welt, aber auch schon 18 Jahre alt. In Aachen bestritt der Wallach ziemlich sicher sein letztes ganz großes Turnier. „Chipmunk ist eine Legende“, sagte Michael Jung nach dem Gold-Ritt bei der WM, „wie er Dressur gehen, springen, im Gelände rennen kann, wie er zuhört und wie viele Nerven er hat, obwohl auch er aufgeregt ist – das ist einfach nur gigantisch.“
Turnen
Glanzvoller hätte ihr Comeback auf internationaler Bühne nach einer schweren Knieverletzung kaum sein können: Helen Kevric (18) gewann bei der EM in Zagreb den Titel am Stufenbarren. „Ich bin einfach nur glücklich“, sagte die Stuttgarterin, die schon in der Qualifikation die Beste an dem Gerät gewesen war, nach ihrem Gold-Coup. Und blickte anschließend voraus auf die Olympischen Spiele in Los Angeles: „Das ist mein großes Ziel. Dort will ich vorne mitkämpfen.“
Schwimmen
Die Sommerspiele in zwei Jahren in den USA hat Linda Roth (18) ebenfalls im Blick. Das Potenzial, um auch dort zu glänzen, besitzt die Schwimmerin aus Stuttgart, die in Magdeburg trainiert, auf jeden Fall. Bei der EM in Paris gab es für Linda Roth eine überraschende Silbermedaille mit der deutschen Mixed-Staffel über 4x 200 Meter Freistil, und auch sonst hat die Hochtalentierte voll überzeugt – vor allem in der Einzelkonkurrenz über 200 Meter Freistil. Die Junioren-Europameisterin wurde nicht nur Vierte, sondern schwamm im Halbfinale in 1:56,46 Minuten auch 18 Hundertstel Sekunden schneller als Franziska van Almsick 2002 bei ihrem damaligen Weltrekord. „Sie ist in Deutschland ein sehr großes Vorbild“, sagte Linda Roth, „dass ich jetzt schon mit meinen jungen Jahren schneller als sie bin, macht mich umso glücklicher.“ Hochzufrieden war auch Maike Halbisch (21). Die Klippenspringerin aus Waiblingen holte bei der EM in Paris völlig überraschend EM-Bronze. Gesprungen wurde in der französischen Hauptstadt nicht wie normal aus 27 Metern Höhe, sondern aus 20 Metern von einem auf der Pont de Bir-Hakeim aufgebauten Podest in die Seine. Mit einem überragenden letzten Versuch schaffte es Maike Halbisch vor der spektakulären Eiffelturm-Kulisse noch aufs Podest. „Ich habe gezeigt“, sagte sie anschließend, „was ich kann.“
Es ist ein Satz, der auf viele Athletinnen und Athleten aus der Region Stuttgart zutrifft. Und der Lust auf mehr macht.
