Stuttgart - Entschieden, das ist die vorherrschende Prognose, wird die Tour de France in der dritten Woche – vermutlich auf den letzten beiden Etappen in den Alpen. Dann geht es zweimal hinauf in den legendären Wintersport-Ort L’Alpe d’Huez. Erst über die bestens bekannten 21 Serpentinen. Und am Tag danach von der anderen Seite über den wilden Col de Sarenne. Ein doppeltes Spektakel ist garantiert. Der Auftakt in Barcelona? Wird anders. Aber ebenfalls atemberaubend. Und neu.
In der 123-jährigen Tour-Geschichte gab es insgesamt 35 Mannschaftszeitfahren – doch nie nach dem Modus, der an diesem Samstag (Start um 17.05 Uhr) in Barcelona gilt. Denn erstmals kommt es nicht auf die Zeit des Teams an. Sondern gestoppt wird die Uhr separat für jeden einzelnen Fahrer, wenn er das Ziel erreicht. Das macht eine Sache, die an sich schon sehr komplex ist, noch komplizierter. „Jede Mannschaft hat mehrere strategische Optionen, und gleichzeitig wird ihre wahre Stärke offenbart“, sagt Thierry Gouvenou, der Streckenchef der Tour de France, „die Abstände werden eher gering sein, aber trotzdem sehr aufschlussreich.“
Taktisch gilt das Mannschaftszeitfahren schon immer als Königsdisziplin des Radsports. Vor dem Start gibt es stets eine große Hektik und Aufregung, weil es viel Organisationstalent erfordert, um acht Profis, die voller Adrenalin sind und von denen jeder seine eigenen Vorbereitungsrituale hat, mit ihrem Spezialmaterial (Helme, Trikots, Räder) zeitgleich an die Linie zu bringen. Und erst dort beginnt die eigentliche Feinarbeit.
Wer in der Formation schnell sein will, muss optimal harmonieren. Zumindest für die Anfangsphase ist abgesprochen, wer wann wie lange die Führungsarbeit erledigt. Oft gehen die Fahrer übers Limit hinaus, um sich danach zurückfallen zu lassen und hinten wieder anzuschließen, in der Hoffnung, sich im Windschatten der Kollegen etwas erholen zu können. Gefahren wird Reifen an Reifen, je geringer die Abstände sind, umso effektiver ist der gesamte Zug. Neben der Aerodynamik sind perfekte Ablösungen und eine gute Kurventechnik wichtig. „Mannschaftszeitfahren sind cool und spannend“, sagt Ralph Denk, der Chef von Red Bull-Bora-hansgrohe, „sie erfordern aber auch sehr viel Vorbereitungsarbeit.“ Erst recht in diesem Jahr.
In der Vergangenheit zählte bei der Tour meist der vierte Fahrer eines Teams, der ins Ziel kam. Mit seiner Zeit wurden auch die drei Kollegen vor ihm gewertet. Das bedeutete, dass die Kapitäne und guten Zeitfahrer einer Mannschaft auf der Strecke die Hauptarbeit verrichteten, das Tempo hochhielten und die etwas Schwächeren mitzogen, um das Rennen möglichst rasch (zumindest) als Quartett zu beenden. Diesmal ist es anders – weil es zwar weiterhin ein Teamwettbewerb bleibt, aber das Ergebnis jedes Einzelnen wichtig ist. Auf den 19,6 Kilometern in Barcelona kommt es darauf an, dass die Profis, die sich auf die Tour-Gesamtwertung fokussieren, schnellstmöglich das Ziel erreichen. Das liegt, was die Sache noch einmal erschwert, am Olympiastadion auf dem Berg Montjuic. Auf dem Weg hinauf sind auf den letzten vier Kilometern zwei kurze Rampen zu bewältigen. Offen ist, welche Taktik die Teams wählen werden.
Ist es am erfolgversprechendsten, die Stars auf den ersten 15 Kilometern zu schonen, um sie dann loszuschicken? Oder ist es sinnvoller, sie von Beginn an Tempo bolzen zu lassen und zu hoffen, dass am Ende die Kräfte reichen? Wie viele Helfer müssen an den beiden Anstiegen (1,1 Kilometer und 800 Meter lang) noch an ihrer Seite sein? Was macht Red Bull-Bora-hansgrohe, das in Remco Evenepoel den besten Zeitfahrer der Welt im Team hat, der ins Gelbe Trikot fahren will, zugleich aber mit Florian Lipowitz eine Doppelspitze bildet? Klar ist schon jetzt: Dieses Mannschaftszeitfahren wird nicht die Tour entscheiden – für die Favoriten aber ist es ein wichtiger Formtest. „Außerdem geht es um einen enorm prestigeträchtigen Sieg. Deshalb nehmen wir dieses Spektakel ernst“, sagt Ralph Denk, der sehr optimistisch ist: „Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt. Unsere Mannschaft ist bestens vorbereitet.“
Das passierte schon früh in der Saison in den ersten Trainingslagern, weshalb Red Bull-Bora-hansgrohe im Gegensatz zu einigen Konkurrenten in dieser Woche nicht noch einmal zum Feintuning auf dem Formel-1-Kurs Circuit de Barcelona-Catalunya fahren wird. Während viele Experten den neuen Wertungsmodus begrüßen, weil sie ihn für fairer halten, da ein Kapitän nicht gezwungen ist, auf den Viertbesten seines Teams Rücksicht zu nehmen (unabhängig von der Frage, ob dies nicht der eigentliche Sinn eines Mannschaftszeitfahrens ist), sieht Ralph Denk die Individualisierung des Wettbewerbs eher skeptisch. Dazu passt, dass der Boss der deutsch-österreichischen Equipe auch nicht zu denen gehört, die sicher sind, dass es bei der Frankreich-Rundfahrt auf die beiden Etappen nach L’Alpe d’Huez ankommen wird. „Ich erwarte eine absolute Dominanz von Tadej Pogacar“, sagt er mit Blick auf den slowenischen Superstar und Topfavoriten, „wann die Tour entschieden wird, liegt allein an ihm.“
