Stuttgart - In Baden-Baden trifft der deutsche Sport an diesem Samstag die weitreichendste Entscheidung seit Langem. In der Kurstadt am Rande des Schwarzwalds wird darüber abgestimmt, mit welchem Bewerber Deutschland ins Rennen um die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele geht. München oder Köln mit der Region Rhein-Ruhr? Wie die Wahl final ausgeht, ist offen. Fest steht nur: Obwohl in Baden-Baden votiert wird, hat Baden-Württemberg kaum eine Stimme. Dafür aber eine Meinung.
Die 16 Landessportverbände (LSV) sind, wie 45 andere Mitgliedsorganisationen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), von der Entscheidung ausgeschlossen. Abstimmen dürfen neben dem DOSB-Präsidium, zu dem auch die Ex-Turnerin und heutige IOC-Athletensprecherin Kim Bui (Stuttgart) gehört, sowie acht persönlichen DOSB-Mitgliedern, darunter Fußballprofi Leon Goretzka, nur die 42 DOSB-Fachverbände, deren Disziplinen olympisch sind, egal ob im Sommer oder Winter.
Diese Beschränkung hat Jürgen Scholz, der Präsident des LSV in Baden-Württemberg, harsch kritisiert. Wie er abgestimmt hätte? Lässt der Verband offen. „Wir wünschen uns, dass der Bewerber mit dem überzeugendsten Gesamtkonzept den Zuschlag erhält“, sagt Geschäftsführer Ulrich Derad, „damit eine deutsche Bewerbung auch im internationalen Wettbewerb erfolgreich sein kann.“ Weniger diplomatische Worte sind nur inoffiziell zu hören.
Nach Informationen unserer Redaktion wird im baden-württembergischen LSV, was ziemlich naheliegt, München klar präferiert. Sollte Stuttgart 21 bis dahin tatsächlich fertiggestellt sein, wäre die bayerische Hauptstadt bei einem Zuschlag für die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 per Bahn in 100 Minuten zu erreichen. Das wäre für schwäbische Funktionäre ebenso attraktiv wie für Olympia-Zuschauer, zudem bestünde die Chance, dass viele Nationalteams die guten Trainingsmöglichkeiten in der Region Stuttgart nutzen, um sich hier auf das Großereignis vorzubereiten. „Der gesamte Sport in Deutschland kann von einer Olympia-Ausrichtung profitieren“, sagt Ulrich Derad, „auch wir wollen dann gute Gastgeber sein.“ An der Seite von München? Gut möglich!
Aus dem Bewerber-Trio ist am Mittwoch ein Duo geworden – weil Berlin sich selbst disqualifiziert hat. Erst wertete Elif Eralp, die mit der Links-Partei die Wahl zum Abgeordnetenhaus gewann, ihren Sieg auch als Votum gegen Olympische Spiele in der Hauptstadt. „Die Entscheidung“, erklärte sie, „hat sich erledigt.“ Diese Aussage frustrierte den Olympia-Beauftragten von Berlin ziemlich. „Tragisch, dass Frau Eralp in 45 Sekunden die ganze Bewerbung vom Tisch gewischt hat“, meinte Kaweeh Niroomand, im Hauptberuf Manager des Volleyball-Bundesligisten BR Volleys, „damit haben sich unsere Chancen richtig verringert.“ Oder besser ausgedrückt: Sie sind mittlerweile nicht mehr vorhanden.
Denn auch die Evaluierungskommission des DOSB, die alle drei Olympia-Konzepte prüfte und bewertete, hatte bei der Idee Berlin+ einen großen Malus gesehen: Im Gegensatz zu München und Rhein-Ruhr gab es in Berlin keinen Bürgerentscheid. Dass es wenig sinnvoll ist, die Bewerbung unter diesen Umständen aufrechtzuerhalten, spürten am Ende auch die Berliner: Am Mittwochnachmittag mehrten sich Medienberichte, die deutsche Hauptstadt würde ihre Bewerbung zurückziehen. Verkündet werden soll der Beschluss offenbar an diesem Donnerstag.
Übrig bleiben werden die beiden Städte, an welche die Evaluierungskommission in ihrem Abschlussbericht die höchsten Punktzahlen vergeben hat. Während Berlin nur auf 74,64 von 100 möglichen Zählern kam, liegen in der DOSB-Rangliste München (87,03) und Köln-Rhein-Ruhr (85,02) klar vorne. Wer diesen Zweikampf für sich entscheidet, wird nun auch davon abhängen, in welches Lager die bisherigen Berlin-Befürworter am Samstag in Baden-Baden wechseln. Gute Argumente gibt es für beide Bewerber.
Für München spricht vor allem das Konzept der kurzen Wege. Dazu kommt, dass der Olympia-Ausrichter von 1972 in der Sportwelt ein bekannter Name ist. Vor vier Jahren fanden dort die European Championships statt, 2031 organisiert München die Leichtathletik-WM. „Unser Olympia-Traum rückt näher“, sagte Oberbürgermeister Dominik Krause zur DOSB-Beurteilung, „mit München und Bayern kann Deutschland ein Angebot machen, das auf der Weltbühne die besten Chancen hat.“ Die Konkurrenz ist allerdings ähnlich optimistisch.
Köln und die Region Rhein-Ruhr könnten im Falle eines Zuschlags 17,6 Millionen Tickets verkaufen – so viele Eintrittskarten gab es bei Olympischen Spielen noch nie. Zudem bestehen exzellente sportpolitische Verbindungen: Michael Mronz ist nicht nur Chef des Aachener Reitturniers, er sitzt als IOC-Mitglied auch im DOSB-Präsidium, Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester war zuvor DOSB-Vorstandsvorsitzender, sein Nachfolger Otto Fricke kommt wie weitere DOSB-Spitzenfunktionäre aus Nordrhein-Westfalen. Das könnte auch die Erklärung dafür sein, warum das Kölner Konzept in der Kategorie „Internationale Strahlkraft Sport“ völlig überraschend weit vor München liegt. „Unsere Bewerbung hat ebenfalls die Note sehr gut erhalten“, sagte Ministerpräsident Hendrik Wüst, „die Entscheidung am Samstag wird ganz eng.“
Und für immer mit dem Kurort Baden-Baden verknüpft sein.
