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Neue Kräfteverhältnisse im Mittelfeld

In der Schaltzentrale des VfB ist das Gerangel um die Plätze in der ersten Elf so intensiv wie lange nicht – und die Perspektive von Atakan Karazor ungewiss.

  • Gegen Everton starteten Grischa Prömel (li.) und Angelo Stiller auf der Doppelsechs. Das ist auch in den ersten Pflichtspielen der Saison ein realistisches Szenario.Foto: imago/Sportfoto Rudel

    Gegen Everton starteten Grischa Prömel (li.) und Angelo Stiller auf der Doppelsechs. Das ist auch in den ersten Pflichtspielen der Saison ein realistisches Szenario.Foto: imago/Sportfoto Rudel

Stuttgart - Deniz Undav schmunzelte, als er unlängst auf das Rennen um die Startelf-Plätze beim VfB Stuttgart blickte. Jeder im Kader, so der Stürmer, habe Konkurrenz: „Außer Ange vielleicht.“ Besagter Angelo Stiller verfügt zwar selbstredend über kein verbrieftes Einsatzrecht, er muss sich zeigen und beweisen wie alle anderen auch. Aber: Die Bedeutung des 25-Jährigen für das Gesamtgebilde ist seit Jahren derart immens, dass man seine Position im zentralen Mittelfeld weiterhin als unantastbar verbuchen darf. Für die Rolle seines Nebenmanns gilt das mitnichten. Die Konkurrenz um den zweiten Platz in der Schaltzentrale ist in diesem Sommer groß wie nie unter Trainer Sebastian Hoeneß – wobei sich Verschiebungen der Kräfteverhältnisse abzeichnen.

Die Gemengelage: In den vergangenen Jahren war Atakan Karazor (29) weitgehend gesetzt. Er sicherte Ballverteiler Stiller ab, stopfte Löcher, gab den unauffälligen und zugleich wichtigen Gegenpart. Nach zwei Spielzeiten ohne Konkurrenten auf Augenhöhe – weder Mamoud Dahoud noch Yannik Keitel wuchsen in diese Rolle – änderte sich die Konstellation zur Saison 2025/26 erstmals, als Chema (21) mit Vehemenz und spielerischer Eleganz ins Team drängte und Karazor vor allem in der Hinrunde schwächelte. Vermeidbare Ballverluste und fehlende Leichtigkeit prägten in dieser Phase sein Spiel. Er kämpfte sich zurück und kam letztlich auf 36 Startelf-Einsätze in Pflichtspielen, 15 mehr als Chema. Der Nimbus der Unantastbarkeit aber war dahin.

Und jetzt? Hat sich die Konkurrenz im Mittelfeld nochmals verschärft durch die Verpflichtung von Grischa Prömel (31) von der TSG Hoffenheim, die einem klaren Plan folgt: noch mehr Konkurrenz, noch höheres Trainingsniveau, noch mehr Möglichkeiten zur Rotation. „Wir wollten dort den Konkurrenzkampf erhöhen“, sagt Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „das war schon immer ein Ziel. Das ist uns letzte Saison schon mit Chema gelungen. Wie wir es häufig auch auf anderen Positionen hatten, haben wir es jetzt auch auf der Sechs.“ Und: Es zeichnet sich ab, dass Prömel nicht nur im Gerangel um die Plätze in der Anfangself mitmischt – sondern zumindest zu Saisonbeginn die Nase vorne haben wird. Aus mehreren Gründen.

Zunächst: Der Routinier war vom ersten Tag der Vorbereitung an mit dabei. Im Gegensatz zu Karazor, der die WM-Vorbereitung mit der Türkei absolvierte, es dann zwar nicht in den finalen Kader schaffte – aber aufgrund der Zusatz-Wochen beim Nationalteam später beim VfB wieder einstieg und nun sukzessive aufgebaut wird. „Es gibt Spieler“, so Hoeneß, „die von Anfang an dabei waren und da gefühlt einen Schritt vorne sind aufgrund der körperlichen und mentalen Frische.“ Bei Prömel kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu: Er hat diese Zeit gut zur Eigenwerbung genutzt.

Sein Profil mit einem Mix aus defensivem Verantwortungsbewusstsein und offensiver Wirksamkeit prägt das Stuttgarter Spiel in den Tests schon jetzt, auch der Trainer schätzt es. „Er ist ein Modellathlet, der unglaubliche Laufumfänge auf den Platz bringt“, sagt Hoeneß, „er stößt aber auch immer wieder mit Zug nach vorne rein.“ Kurzum: Prömel sei in der Lage, der Gruppe nochmals richtig Energie zu geben: „Er wird uns absolut bereichern.“

Zugleich ist klar, dass die Stuttgarter nicht immer mit demselben Personal im zentralen Mittelfeld auflaufen werden. Dafür ist die Qualität im Kader in der Breite mittlerweile zu groß, zumal die Spiele im Drei-Tages-Rhythmus Rotation erfordern werden und die Gegner unterschiedliche Anforderungen stellen. Mal kann Chemas Passpräzision und Kopfballstärke gefragt sein, mal Karazors Defensivqualität und Kommunikation. Aber: Dass sich die Spielzeit gleichmäßig verteilt, heißt das eben auch nicht. Gerade mit Blick auf Prömels starke Form.

Sollten Karazors Einsatzzeiten tatsächlich markant sinken, schließt sich eine Frage unweigerlich an. Was wird aus seinem Kapitänsamt? Kann er das auch behalten, wenn sein sportliches Standing nicht mehr unumstritten ist? Hoeneß hat sich bislang ausdrücklich nicht festgelegt. „Ata hat das Amt aus meiner Sicht in den zwei Jahren sehr gut ausgeübt“, betont der Trainer – und ergänzt zugleich: „Jetzt müssen wir mal schauen, wie sich die Dinge entwickeln.“ Vor dem Pflichtspiel-Auftakt am kommenden Freitag in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Hansa Rostock soll die Entscheidung fallen.

Auch ein vorzeitiger Abschied Karazors vor Ablauf seines bis 2028 gültigen Vertrages ist angesichts der neuen Kräfteverhältnisse nicht ausgeschlossen – derzeit liegt aber weder ein konkretes Angebot noch ein hinterlegter Wechselwunsch der Spielerseite vor. Zuletzt befasste sich der Erstligist Trabzonspor mehreren türkischen Medienberichten zufolge zumindest lose mit einer Verpflichtung des Stuttgarter Spielführers.

Losgelöst von der Zukunftsfrage rückt derweil als potenzieller neuer Kapitän Karazors bisheriger Stellvertreter Deniz Undav in den Fokus, der teamintern ebenfalls hohes Ansehen genießt und im Sturm bessere Aussichten auf regelmäßige Einsatzzeiten hat. Wenige Tage noch, dann wird in dieser Frage Klarheit herrschen. Und fest steht schon jetzt: Selten gab es im Stuttgarter Mittelfeld in den vergangenen Jahren so viel personelle Dynamik wie derzeit.

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