stuttgart - Der VfB Stuttgart startet an diesem Freitag (20.30 Uhr/Sat.1) beim FC Bayern München in die Bundesliga-Saison. Eine Herausforderung – und zuvor hat sich der Trainer Sebastian Hoeneß Zeit genommen, um auf seine Mannschaft zu blicken.
Herr Hoeneß, bisher hat kein Schlüsselspieler den VfB verlassen. Somit müssten Sie im Moment ein rundum glücklicher Trainer sein.
Ich bin mit Blick auf den Kader sehr zufrieden. Wir haben auf der Zugangsseite das getan, was wir uns vorgenommen haben, um die Qualität in der Mannschaft zu erhöhen. Sie haben in Ihrer Frage aber auch die Worte „im Moment“ genannt. Die Transferperiode läuft noch und wir kommen jetzt in die Phase, in der noch viel passieren kann.
Wie schätzen Sie die vier Neuzugänge ein?
Beginnen wir mit Dennis Seimen. Es ist sicher ein mutiger Schritt, ihn mit 20 Jahren ins Tor zu stellen. Wir sind aber absolut überzeugt von ihm. Er hat in der zweiten Liga eine überragende Saison gespielt und dabei gezeigt, dass er sich schnell an ein höheres Leistungsniveau anpassen kann. Auch Marius Funk als nächster Neuzugang macht es bei uns sehr gut im Torwartteam. Er ist ein Schlussmann, der sicher bei vielen Zweitliga-Mannschaften eine gute Rolle spielen würde. Grischa Prömel kennt die Bundesliga bestens und bringt Komponenten ein, die uns weiterbringen: Er ist extrem laufstark, torgefährlich und ein positiv energetischer Mensch. Er identifiziert sich zudem stark mit dem VfB und der Region. Leo Sauer ist ein spannender Spieler, der mit seinem starken Eins-gegen-ein-Verhalten auf internationalem Niveau bereits gezeigt hat, was in ihm steckt. Gleichzeitig ist er ein Spieler, der seine beste Zeit noch vor sich hat. Gleiches gilt für Dzenan Pejcinovic. Er verfügt sicher über eines der interessantesten Mittelstürmer-Profile in Deutschland, vielleicht sogar in Europa.
Sie hatten mit Deniz Undav und Ermedin Demirovic in der Vorsaison eines der treffsichersten Stürmerduos in Ihren Reihen. Wieso fließt das meiste Geld dennoch in einen dritten Mittelstürmer?
Wir bestreiten wieder drei Wettbewerbe, da wird es wichtig sein, mehrere starke Stürmer zu haben, die nachgewiesen haben, dass sie treffen können. So lassen sich die Belastungen gut steuern. Zudem verfügt Dzenan Pejcinovic wie schon gesagt über ein sehr interessantes Profil. Er ist Linksfuß, 1,90 Meter groß und hat beim VfL Wolfsburg seine Abschlussqualitäten gezeigt. Und wir bekommen mit ihm einen Spieler, der aufgrund seines Alters auch eine Investition in die Zukunft des VfB ist.
Welches Potenzial in ihm steckt, hat Pejcinovic mit drei Toren beim 4:0-Sieg im DFB-Pokal in Rostock gleich gezeigt. Dürfen sich die Fans auf den nächsten Überflieger im VfB-Trikot freuen?
Es war ein super Start für Dzenan, alle haben sich sehr für ihn gefreut. Wir trauen ihm viel zu, deshalb haben wir uns auch so intensiv um seine Verpflichtung bemüht. Gleichzeitig sind wir alle gut beraten, auf dem Boden zu bleiben. Wir haben – bei allem Respekt vor Hansa Rostock – bei einem Drittligisten gespielt.
Wer wird dann der nächste deutsche Nationalspieler – Dzenan Pejcinovic oder Finn Jeltsch?
Beide Spieler haben das Zeug dazu, es zu schaffen. Sie verfügen über große fußballerische Anlagen und sind dazu sehr offen und lernwillig, um sich weiterzuentwickeln. Wenn sie gesund bleiben, kann ihr Weg definitiv in die Nationalelf führen.
Gilt das auf Sicht auch für Dennis Seimen?
Grundsätzlich ja, wobei man bei ihm einen Schritt zurückgehen sollte. Er steht zunächst vor der Herausforderung, sich in der Bundesliga zu beweisen.
Wäre Seimens Sprung in die Bundesliga das Ende der ewigen Diskussionen, dass beim VfB kein Eigengewächs mehr nach oben durchkommt?
Wir alle wünschen uns, dass ein Eigengewächs dauerhaft den Sprung zu den Profis schafft. Ich stamme ja selbst aus dem VfB-Nachwuchs und weiß, welche Bedeutung die Durchlässigkeit aus dem NLZ für den VfB hat. Wir sind zuletzt jedoch sportlich sehr schnell gewachsen und die Kaderqualität hat deutlich zugenommen. Das macht es nicht einfach für den Nachwuchs, den Sprung nach oben hinzubekommen.
Zurück zum gesamten Kader: Ist dieser mit den Verstärkungen nicht nur breit aufgestellt, sondern in der Spitze besser geworden?
Mit den neuen Spielern verbindet sich natürlich die Hoffnung, dass wir uns in der Spitze des Kaders verbessern werden. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Dennis Seimen noch kein Bundesligaspiel aufzuweisen hat und dass sowohl Dzenan Pejcinovic als auch Leo Sauer erst eine Saison auf sich aufmerksam gemacht haben. Es ist unsere Aufgabe, ihr Potenzial weiter auszuschöpfen. Von den Neuzugängen hat nur Grischa Prömel über mehrere Jahre seine Klasse in der Bundesliga unter Beweis gestellt.
Wo ordnen Sie Ihre Mannschaft nun in der Bundesliga ein?
Wir sind noch nicht in der Lage, um wie selbstverständlich internationale Ansprüche zu erheben. Zwar haben wir uns jetzt dreimal hintereinander für den Europapokal qualifiziert, aber nicht dreimal über die Platzierung in der Bundesliga. Andere Clubs haben nach wie vor bessere wirtschaftliche Voraussetzungen und können sich deshalb höhere Ziele stecken.
Dennoch haben Sie den VfB zweimal in die Champions League geführt.
Ja, aber wir sollten realistisch bleiben. In der vergangenen Saison hat man bei Eintracht Frankfurt gesehen, wie problematisch eine Spielzeit verlaufen kann. Dabei hatte die Eintracht eine gut besetzte Mannschaft, die zuvor regelmäßig international dabei war. Auch Union Berlin geriet während der Champions-League-Teilnahme in Schwierigkeiten. Ich möchte kein Negativ-Szenario malen, aber wir sind sicher keine alten Hasen, wenn es darum geht, die Bundesliga und die Champions League unter einen Hut zu bringen. Deshalb warne ich davor, positive Entwicklungen und Erfolge als selbstverständlich anzusehen.
Sehen Sie eine Gefahr darin, dass viele den VfB schon für besser halten, als er ist?
Es ist sicherlich so, dass die Erwartungshaltung steigt und damit der Druck zunimmt. Davon wird eine Mannschaft allerdings nicht besser. Deshalb ist es wichtig, dass wir realistisch bleiben, und keine Tabellenplatzierung als Ziel ausgeben. Wir reden lieber darüber, welche Eigenschaften wir auch in der kommenden Saison verkörpern wollen.
Was hat sich der VfB vorgenommen?
Wir wollen eine Mannschaft sein, die für einen bestimmten Fußball steht: Mut, Intensität, Entschlossenheit, darum geht es. Und natürlich gehört es zur VfB-DNA, attraktiv und erfolgreich zu spielen. Außerdem wollen wir ein Team sein, das nie aufgibt.
Und worum geht es für den VfB in der Champions League – um das Weiterkommen?
Auch hier wollen wir vorerst nicht über Platzierungen reden. Worüber wir sprechen, sind Lerneffekte nach zwei Jahren auf internationaler Bühne. Zwei Beispiele dazu: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Spiele in den Strafräumen entschieden werden. Wir hatten zwar oft viele Chancen, doch es hat an der Effektivität gemangelt. Nun versuchen wir das Bewusstsein dafür zu schärfen, konsequenter und entschlossener im Abschluss zu sein. Der zweite Punkt ist das Game-Managing. Wann ist es wichtig, auch mal auf Zeit zu spielen, wann sollten wir uns zurückziehen, wann muss man eine Schippe drauflegen? Solche Dinge müssen auch aus der Mannschaft herauskommen und diesbezüglich wollen wir den nächsten Schritt machen.
Gibt es eine Mannschaft und einen Trainer, die Sie inspirieren?
Natürlich betreiben wir Weltstand-Analysen und orientieren uns an den international besten Teams, weil sich der Fußball ständig weiterentwickelt. Da lassen wir dann Elemente aus verschiedenen Mannschaften einfließen. Es gehört ja auch zu unserem Job, die eigenen Ideen mit anderen anzureichern. Dabei spielt etwa Paris Saint-Germain mit seiner Spielweise eine Rolle. Die Mannschaft von Luis Enrique verfügt über eine außergewöhnliche Qualität in der Offensive und dennoch bekennt sich jeder Spieler auch konsequent zum Spiel gegen den Ball.
