„Superman“ Jürgen Klopp empfängt die Bittsteller aus „good old Germany“ in bester Laune. Der Bundestrainer in spe herzt Kylian Mbappé, er kumpelt als „deutsche Maschine“ mit Zlatan Ibrahimovic und genießt sein „Büro mit Aussicht“ im WM-Stadion von Foxborough. Doch während sich der Traumkandidat in freudiger Erwartung der DFB-Spitze lässig-jovial durchs Turnier plaudert, mehren sich in der Heimat plötzlich die Zweifel.
Ist es wirklich so klug, dass sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf und sein Vize Hans-Joachim Watzke dem 59-Jährigen schon lange vor ihrer Ankunft am Freitagnachmittag (Ortszeit) in New York mit Haut und Haaren verschrieben haben? Ist Klopp tatsächlich der Heilsbringer, den viele hoffend in ihm sehen? Und würde ein Bundestrainer mit Bullen-Logo auf der Kappe nicht das hohe Amt, nun ja, besudeln?
Theo Zwanziger beantwortet die letzte Frage mit einem klaren Ja. Ein Brause-Bundestrainer wäre „ein völliges No-Go“, sagte der frühere DFB-Präsident der FAS. Red Bull würde via Klopp die Nationalelf aufstellen. Das Dosen-Imperium wolle „Macht gewinnen in den Sport hinein“ - und Klopp hätte „zwei Loyalitäten“. Die Lösung? Wenn Klopp der Job so wichtig sei, „dann muss er alles andere sein lassen. Der Bundestrainer kann nicht zwei Hüte tragen.“
Schweinsteiger warnt vor Klopp-Hype
Aber: „Hat der DFB Alternativen?“, fragte Bastian Schweinsteiger in seiner Funktion als Experte der ARD, die am Donnerstagabend einen satirisch-spöttischen Beitrag zur Personalie Klopp sendete. Da flog „Super-Jürgen“ im blauen Helden-Kostüm mit rotem Umhang und erhobenen Fäusten einer goldenen Zukunft entgegen – als „Retter, der alles kann“. Für die „super Lösung“, die „super teuer“ werde ("super egal!"), mache sich der große DFB „ziemlich klein“, hieß es da spitz, die omnipräsente Werbefigur Klopp ("super Altersversorgung!") wurde regelrecht veräppelt.
Schweinsteiger bemängelte, ihm fehle bei der Suche nach dem Nachfolger von Julian Nagelsmann „ein bisschen die Souveränität“ beim Verband. Brauche Klopp nicht auch „einen Gegenpol“? Jemanden wie, räusper, Lothar Matthäus oder Matthias Sammer, die Schweinsteiger da „ganz weit vorne“ sieht? Klopp alleine jedenfalls könne „kein Hexenwerk“ vollbringen und den am Boden liegenden viermaligen Weltmeister per Zauberspruch aufrichten.
Das hat Klopp allerdings auch nie behauptet, im Gegenteil. Und der DFB fahndet ja nach einem weiteren Mann neben ihm zu Sportchef Rudi Völler, den Schweinsteiger selbst vor wenigen Tagen noch in einem „Dreamteam“ mit Klopp sah. Dieser dritte Mann soll Per Mertesacker sein – und nicht Schweinsteiger, der seine Bereitschaft zu helfen vergeblich formuliert hatte.
Nicht alle von Klopp überzeugt
Philipp Lahm, mit Schweinsteiger 2014 als Kapitän Weltmeister, steht für den Neuaufbau nicht zur Verfügung. Er hat aber Zweifel, dass dieser mit Klopp gelingen kann. „Ob er die Ideallösung ist, wird man sehen“, schrieb er in seiner kicker-Kolumne scharf und betonte: „Viel wichtiger wäre mir vorab eine Analyse zu den Fragen: An was scheitern wir seit vielen Turnieren schon? Woran hakt es?“
Bei Klopp hakt es aus Sicht auch der organisierten Fans an dessen Nähe zu Red Bull. Dass der DFB den „Head of Global Soccer“ offenbar kostenfrei ablösen könnte, Klopp dann aber Brause-Botschafter bliebe, schmeckt ihnen ebenso wenig wie Zwanziger. Der Deal wäre „ein weiterer Kniefall vor dem Kapital“, sagte Sprecher Thomas Kessen vom Bündnis „Unsere Kurve“ dem SID. Der DFB würde „mit viel Geld und Integrität“ bezahlen. Bevor Klopp „als vermeintlicher Heilsbringer aufs Podest“ gehoben werde, möge man sich bitte daran erinnern, wie viel Kredit er mit seiner RB-Unterschrift verspielt habe.
Klopp präsentierte sich von all dem unbeeindruckt. In Foxborough schickte er Kusshändchen auf die Tribüne zur Familie Mbappé, erzählte lachend die Anekdote, auf welch kuriose Art er den Wunderstürmer einst im Privatjet umgarnte, und badete im Lob von Ibrahimovic: „Er ist der Beste.“ Das sieht auch die DFB-Spitze so.

