Stuttgart - Sport wäre ohne Veränderungen undenkbar. Das gilt auch für Beachvolleyball. Erstmals seit drei Jahrzehnten finden die deutschen Meisterschaften nicht am Timmendorfer Strand statt, sondern in Dortmund. Bei dem Turnier, das lange ihr Revier war, hat an diesem Freitag auch Karla Borger (37) einen letzten großen Auftritt: Die Stuttgarterin beendet ihre Karriere und wird feierlich verabschiedet. Im Sand, in dem sie so viele Spuren hinterlassen hat.
Leicht, das ist klar, wird Karla Borger der Abschied nicht fallen. Ihre Technik, ihre Instinkte, ihre Lust aufs Spiel sind ja noch vorhanden, und die Emotionen sowieso. Trotzdem ist es an der Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen. Die Olympischen Spiele 2028 sind kein realistisches Ziel mehr, die Perspektive hat sich verändert. „Es ist ein komisches Gefühl, die Bühne zu verlassen. Das wird krass“, sagt Karla Borger, „aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man gehen muss.“ Und mit gutem Gefühl zurückblicken kann.
Extrem lange hat Karla Borger mit verschiedenen Partnerinnen Beachvolleyball auf höchstem Niveau gespielt, oft gewonnen, manchmal gelitten, viel bewegt. An der Seite von Britta Büthe wurde sie 2013 (nach einem vergebenen Matchball) Vizeweltmeisterin, drei Jahre später qualifizierte sich das Duo für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro – es waren zwei der emotionalsten Momente in ihrer Karriere. Noch heute sind die beiden eng befreundet. „Sie hat es immer wieder geschafft, durch ihren Ehrgeiz Grenzen zu verschieben“, sagt Britta Büthe über Karla Borger, „sie sprüht vor Energie und Charisma, hat stets andere mitgerissen.“ Nicht nur im Sandkasten.
Dort hat Karla Borger, die in der Saison 2008/09 als Außenangreiferin bei Aufsteiger Allianz Volley Stuttgart in der Hallen-Bundesliga spielte, mehr als 250 Turniere bestritten und 59 Medaillen auf nationaler und internationaler Ebene gewonnen. Sie bereiste weit über 50 Länder, schloss auf dem gesamten Globus Freundschaften. Zehn Jahre gehörte sie zur erweiterten Weltspitze, was umso bemerkenswerter ist, weil ihr Blick nie an der Netzkante hängen blieb. Karla Borger war immer eine Athletin mit Haltung, die viel zu sagen hatte, eine Kämpferin für sich und andere, erst im Beachvolleyball, doch schnell auch darüber hinaus. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern von „Athleten Deutschland“, ab Oktober 2021 war sie vier Jahre lang Präsidentin des Vereins. Und damit die Stimme des Sports im Land – passend zum Eintrag in ihrem Zeugnis der vierten Klasse. „Karla ist nicht zuletzt wegen ihrer Fairness und ihrer Bereitschaft, sich für eine Sache einzusetzen und zu kämpfen, bei Mitschülern und Lehrern beliebt“, steht dort zu lesen. Es sind Eigenschaften, die sie immer noch auszeichnen. „Ich habe immer versucht, den Athletinnen und Athleten Gehör zu verschaffen“, sagt Borger, „auch in der Politik.“ Künftig wird sie versuchen, beide Bereiche zu vereinen.
Die Abwehrspezialistin hat große Lust, ihre Erfahrungen im Volleyball weiterzugeben. Konkrete Projekte aber gibt es noch nicht. Anders als in der Sportpolitik. Nachdem sie 2016 in Rio und 2021 in Tokio (zusammen mit Julia Sude) selbst an Olympischen Spielen teilgenommen hat, arbeitet sie nun daran, dieses Ereignis nach Deutschland zu holen. Am 26. September fällt in Baden-Baden die Entscheidung, welche Region ins Rennen gehen wird. „Oberste Priorität hat, dass die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 in Deutschland stattfinden“, sagt Karla Borger, vieles aber würde für Nordrhein-Westfalen sprechen: die größte Zuschauerkapazität, die vorhandene Infrastruktur, das Thema Nachhaltigkeit. „Das Konzept ist hervorragend“, sagt sie, „wir brauchen bei uns in Deutschland ein derart verbindendes Großereignis. Der Zauber, den die Spiele 2012 in London und 2024 in Paris entfacht haben, wird diese Länder für immer begleiten und begeistern.“
Die deutsche Olympia-Bewerbung, die es sicher geben wird, könnte für Karla Borger eine attraktive berufliche Perspektive sein, zugleich ist sie schon jetzt eine bei Unternehmen gefragte Speakerin. Sorgen um die Zukunft ihrer Freundin müsse sich niemand machen, meint denn auch Britta Büthe. „Karla hat ein riesiges Netzwerk, nicht nur im Sport“, sagt sie, „ihr ist alles zuzutrauen.“

