Stuttgart - Früher, als sie noch ein kleines Kind war, mochte es Linda Roth nicht, nassgespritzt zu werden. Und sie weigerte sich, mit dem Kopf unterzutauchen. Heute ist Wasser ihr liebstes Element, Schwimmen ihre große Leidenschaft und sie selbst eines der vielversprechendsten Talente im deutschen Sport. 2028, das zumindest ist ihr Traum, will sie bei den Olympischen Spielen in Los Angeles starten. „Auf dieses Ziel“, sagt die 18-jährige Stuttgarterin, „arbeite ich seit langem hin.“ Und das ziemlich erfolgreich.
In diesem Sommer hatte Linda Roth gleich mehrere glänzende Auftritte auf europäischer Bühne. Erst spielte sie bei der Jugend-EM eine Hauptrolle, holte einen kompletten Medaillensatz, darunter Gold über ihre Paradestrecke 200 Meter Freistil. „Es war“, sagt sie, „der krönende Abschluss meiner Jugendzeit.“ Dem sofort ein bemerkenswerter Neuanfang bei den Aktiven folgte. Bei der EM in Paris schwamm sie sich erneut ins Rampenlicht. Mit einer superstarken persönlichen Bestzeit über 200 Meter Freistil (1:56,46 Minuten), mit Rang vier im Einzelrennen, mit Silber in der deutschen Mixed-Staffel. Und mit ihrer sympathischen, offenen Art. „Bis dahin hatte ich die internationalen Stars ja nur aus dem Fernsehen oder den sozialen Medien gekannt. Jetzt in der Umkleidekabine neben ihnen zu sitzen und mich mit ihnen im Becken zu messen, war unglaublich“, sagt Linda Roth, „eigentlich wollte ich nur erste Erfahrungen sammeln. Dass es dann so gut laufen würde, war nicht zu erwarten – und macht Lust auf mehr.“ Weil es motiviert, wenn sich harte Arbeit lohnt.
Begonnen hat für die Sillenbucherin alles bei einem Schnuppertermin in der Schwimmschule des SV Cannstatt. Sie blieb dabei, und ihr Talent zeigte sich schnell. Sie gehörte zu den Besten ihres Alters, holte DM-Titel und Goldmedaillen beim European Youth Olympic Festival 2023 in Maribor. Und stand nach zehn Jahren vor der entscheidenden Wende. „Viele Leute aus meiner Cannstatter Trainingsgruppe sind in die USA gegangen“, erklärt Linda Roth, „ich hatte fest vor, immer in Stuttgart zu bleiben. Doch ich war am Ende fast alleine, sodass es enorm schwierig gewesen ist, mich hier weiterzuentwickeln.“ Also machte auch sie den nächsten Schritt. Raus aus der Komfortzone – und rein in die beste Ausdauer-Trainingsgruppe der Schwimmwelt.
Im August 2025 zog die damals 17-Jährige nach Magdeburg. Dort hat Bundestrainer Bernd Berkhahn ein Team zusammen, das sich gegenseitig zu Höchstleistungen treibt. Dazu gehören unter anderem die Olympiasieger Florian Wellbrock und Lukas Märtens, der Doppel-Europameister und 1500-Meter-Weltrekordler Johannes Liebmann sowie Isabel Gose, die zuletzt in Paris im Freiwasser und im Becken fünf EM-Medaillen holte (2x Gold, 3x Silber). „Es gibt kein Geheimnis hinter den Erfolgen dieser Trainingsgruppe“, sagt Linda Roth, die nun erstmals alleine lebt, „jede Einheit ist Konkurrenzkampf auf hohem Niveau, es ist immer jemand da, mit dem man sich messen kann. Alle sind superfleißig, das Training ist sehr gut strukturiert und durchdacht, die Coaches wissen, was sie tun. Für meine Entwicklung war es der perfekte Schritt, ich bin sehr glücklich – auch weil sich hier alle toll verstehen.“ Daran ist sie nicht ganz unbeteiligt.
Wenn Linda Roth ins Wasser eintaucht, umfließt sie die Stille. Sie mag das Gefühl, mit sich selbst unterwegs zu sein, den Gedanken freien Lauf zu lassen, die andere Seite ihrer Persönlichkeit zuzulassen. Denn außerhalb des Beckens ist Linda Roth ein sehr extrovertierter Typ. Wenn sie nervös ist, textet sie alle zu, die um sie herumstehen, und auch sonst redet die Frohnatur schnell und viel. „Sie bringt positive Energie in die Gruppe“, sagt Superstar Florian Wellbrock in einem ARD-Beitrag, „ich habe sie noch nie schlecht gelaunt erlebt.“ Und Isabel Gose meint: „Linda sorgt für frischen Wind, ist supertalentiert. Sie hat eine schöne Karriere vor sich.“ Davon ist auch der Bundestrainer überzeugt. „Sie ist kein Rohdiamant mehr“, erklärt Bernd Berkhahn, „sie ist super vorbereitet für die Zukunft und eine langfristige Laufbahn.“
Solche Aussagen motivieren Linda Roth, die pro Woche bei zehn bis elf Trainingseinheiten im Schnitt zwischen 65 und 70 Kilometern abspult und zudem in eineinhalb Jahren ihr Abitur schreiben will. Ihr Tagesablauf ist streng getaktet, doch für sie keine Belastung: „Um erfolgreich zu sein, muss ich viel Zeit und Energie aufbringen. Aber ich empfinde das, was ich tue, nicht als Arbeit. Ich gehe gerne in die Schwimmhalle.“ Natürlich auch, weil die Perspektive vielversprechend ist.
Linda Roth blickt schon jetzt auf die WM 2027 in Budapest und die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Dort wird sie, wenn alles nach Plan läuft, gegen die komplette Weltelite schwimmen – Konkurrentinnen aus den USA, Australien oder China. „Das ist noch mal ein ganz anderes Niveau“, sagt sie, „da werde ich sehen, wo ich wirklich stehe.“ Und weitere Medaillen gewinnen? „Das wäre zu hoch gegriffen“, erklärt Linda Roth, „auch wenn nichts unmöglich ist.“ Wie im Erfolgssommer 2026 zu sehen war.

