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Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin - warum Stärke nichts mit Härte zu tun hat

Einst zum schlechtesten Schiedsrichter der Bundesliga gewählt, hat Deniz Aytekin seinen Umgang mit Menschen grundlegend verändert. Beim Forum der VR-Bank Ludwigsburg in Bietigheim-Bissingen erzählt er, warum Empathie, Selbstkritik und offene Kommunikation entscheidend sind.

  • Deniz Aytekin.  Foto: Bürkle

    Deniz Aytekin. Foto: Bürkle

Bietigheim-Bissingen. Es gibt kaum einen deutschen Fußball-Schiedsrichter, der in der Fußballwelt einerseits, in der breiten Öffentlichkeit andererseits so sehr respektiert wird wie Deniz Aytekin. Deutlich wurde das auch diese Woche, als der vierfache Schiedsrichter des Jahres beim Business-Forum der VR-Bank Ludwigsburg auftrat. Nicht erst seit dem Karriereende im Sommer ist der 48-jährige Unternehmer auch als Keynote Speaker in der Republik unterwegs. Den Fußball verwende er dabei lediglich als Analogie, eigentlich gehe es ihm um das Vermitteln von Leadership-Inhalten. Im voll besetzten Kronenzentrum in Bietigheim-Bissingen wurde Aytekin mit Applaus empfangen. Selbstverständlich sei das nicht, sagte er. Normalerweise seien Schiedsrichter es gewöhnt, bereits bei der Ankunft im Stadion ausgepfiffen zu werden.

Eine gute Vorbereitung ist alles

Essenziell für gute Leistungen im Schiedsrichterwesen sei eine gute Vorbereitung, das habe ihm der Chef der Fifa-Schiedsrichterkommission, Pierluigi Collina, stets mitgegeben. „Die meisten Fehler macht man, wenn man die Demut vor der Aufgabe verliert.“ Und trotzdem könne ein Mensch nicht alles, was auf dem Platz geschieht, wahrnehmen. Deshalb benötige es Strategien, um eine Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Als Schiedsrichter befinde man sich in einem permanenten Zustand des Antizipierens, permanent stelle er sich die Frage: „Wo ist mein nächstes Problem?“ Seiner Erfahrung nach würde diese Frage bei Unternehmern aber gerne vergessen.

Pro Partie gibt es bis zu 250 spielentscheidende Situationen

Im nächsten Schritt gehe es darum, Automatismen zu entwickeln, um eine möglichst schnelle Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Die erwartete Reaktionszeit eines Schiedsrichters, so Aytekin, liege demnach bei 0,7 bis 0,8 Sekunden. Alles darüber hinaus wirke zögerlich. Bei 220 bis 250 spielentscheidenden Situationen pro Partie sei die enorme kognitive Belastung nur durch Automatismen zu umgehen. Strategie Nummer drei beziehe sich auf die bewusste Wahrnehmung von Details. Schließlich sei auf dem Platz nicht immer eindeutig erkennbar, ob ein Foulspiel vorliege. Ähnlich sei es auch in Unternehmen wichtig, den Fokus korrekt zu setzen, sagte Aytekin. Details gebe es schließlich überall.

Im Fußball seien auch die Spielerreaktionen aufschlussreich, wenn sie etwa nach einem vermeintlichen Foul sofort zum Schiedsrichter blicken. Auch in der Wirtschaft und im Privatleben sei es wichtig, zuerst zwischenmenschliche Probleme zu lösen, ehe man versuche, auf einer Sachebene zu diskutieren.

„Wenn ich den emotionalen Zustand meines Gegenübers kenne, kann ich auch angemessen reagieren.“ Aytekin betonte, dass auch innerhalb des Teams eine psychologische Sicherheit herrschen müsse. Dazu müsse jeder wissen, was seine Aufgabe ist – Aytekin als Schiedsrichter achte bei Zweikämpfen auf den Ball, sein Assistent auf die Oberkörper der Spieler.

Der Ex-Schiedsrichter fühlt sich auf der Bühne wohl

Aytekin fühlte sich auf der Bühne sichtlich wohl und ließ Anekdoten und Scherze in seinen Vortrag einfließen Er übte sich aber auch in Selbstkritik: „Ich habe in meiner Karriere kein einziges fehlerfreies Spiel gehabt.“ Wichtig sei ihm immer gewesen, damit offen umzugehen, gleichzeitig aber auch seine Assistenten bei Fehlentscheidungen zu schützen. Man müsse als Vorbild vorangehen, Offenheit im Team ermöglichen und eine gesunde Fehlerkultur entwickeln, in der gemeinsam nach Lösungen gesucht werde. Auf der anderen Seite beschäftige er sich auch mit der Frage, wie man Akzeptanz für Entscheidungen schaffe. Seine Beobachtung: Menschen akzeptieren nicht die Entscheidung, sondern den Entscheider.

Spieler wählen ihn zum schlechtesten Schiedsrichter

Aytekin wurde in seinem zweiten Bundesliga-Jahr von den Spielern zum schlechtesten Schiedsrichter gewählt – weil er trotz fachlicher Kompetenz nicht gut mit den Menschen umgegangen sei. „ Ich habe Härte mit Stärke verwechselt, hatte ein zu großes Ego, habe jede Rückfrage eines Spielers als Angriff gewertet.“ Er habe daraufhin angefangen, seine Entscheidungen zu erklären und die Spieler ernstzunehmen. „Es gibt Firmen, die schließen einen Standort und das wird akzeptiert, weil eine offene Kommunikation herrscht.“ Anderswo könne bereits der Austausch einer Kaffeemaschine zu Aufständen führen. Am Ende des Tages gehe es um Empathie. „Ich kann doch objektiv und trotzdem herzlich zu den Menschen sein.“

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