Stuttgart - Es ist eine heiße Tour de France, die Radprofis leiden unter den extrem hohen Temperaturen. Entsprechend froh waren sie nach neun feurigen Etappen über den ersten Ruhetag – an dem wie immer eine erste Bilanz gezogen wurde. Cool gelaufen ist es bisher für den großen Favoriten Tadej Pogacar, hitzig ging es vor allem im Team von Red Bull-Bora-hansgrohe zu. Ein bisschen hat das eine mit dem anderen zu tun.
Der große Traum von Ralph Denk ist es, einmal die Tour zu gewinnen. Der Chef von Red Bull-Bora-hansgrohe glaubt, dass es die Chancen erhöht, eine Doppelspitze ins Rennen zu schicken. Vor einem Jahr bestand sie aus Primoz Roglic und Florian Lipowitz, diesmal setzt das Team auf Remco Evenepoel und den Mann aus Laichingen. Mit Blick auf den Gesamtsieg lässt sich sagen: Die Taktik wird nicht aufgehen. Denn Tadej Pogacar, der viermalige Gewinner, ist so überlegen, dass es völlig egal ist, welche Strategie die Konkurrenz wählt. Bleibt der Slowene gesund, ist er erneut nicht zu schlagen. Und der zweitstärkste Kapitän ist eindeutig der Däne Jonas Vingegaard. Folglich geht es, realistisch betrachtet, nur noch um den dritten Platz auf dem Podium. Und im Kampf um Rang drei könnte die Doppelspitze eher ein Problem als die Lösung sein.
Schon 2025 hat Roglic mehr gegen Lipowitz als für ihn gearbeitet. Dass der frühere Biathlet bei seiner Tour-Premiere trotzdem Dritter wurde und das Weiße Trikot des besten Jungprofis nach Paris trug, lag vor allem an seiner eigenen Stärke und auch an der seinerzeit nicht ganz so überzeugenden Konkurrenz. Diesmal sind die Gegner besser.
Hinter Pogacar (UAE) und Vingegaard (Visma), die von ihren Teams bedingungslos unterstützt werden, gibt es gleich sechs Podiumsanwärter: Dritter ist aktuell Pogacar-Edelhelfer Isaac del Toro (Mexiko), der bisher trotz der Arbeit für seinen Chef genug Körner hatte, um sich selbst vorne zu halten. Drei Sekunden hinter dem Mexikaner liegt Remco Evenepoel, danach folgen Juan Ayuso (Spanien/Lidl-Trek), der französische Jungstar Paul Seixas (Decathlon), Lipowitz und Lenny Martinez (Frankreich/Bahrain-Victorious). Dieses Sextett trennt nicht mal eine Minute. Stabile Machtverhältnisse im eigenen Team sind eigentlich Voraussetzung, um im Kampf um Rang drei bestehen zu können. Doch nirgendwo ist die Lage so fragil wie bei Red Bull-Bora-hansgrohe.
Die Maxime, dass es beim Umschiffen von Klippen und Untiefen nur einen Kapitän geben kann, versucht der deutsch-österreichische Rennstall außer Kraft zu setzen. Das zehrt vor allem an den Nerven von Remco Evenepoel (26). Nach der bisher schwierigsten Bergetappe über den Col du Tourmalet, auf der er in der Schlussphase von Florian Lipowitz (25) Unterstützung eingefordert und nicht erhalten hatte, schimpfte der belgische Doppel-Olympiasieger öffentlich über seinen Teamkollegen: „Ich war wütend – und das zu Recht. Das muss gründlich besprochen werden.“ Was auch geschehen ist.
Anschließend verkündeten Sportchef Zak Dempster („Alles gut“) und Ralph Denk („Alle haben sich lieb“), dass das Thema von den Medien aufgebauscht worden sei. Doch auch das hinterher vom Team verbreitete Video, in dem Evenepoel und Lipowitz in trauter Harmonie präsentiert wurden und das in den sozialen Medien großen Spott hervorrief, ändert nichts an dem enormen Konfliktpotenzial, das in der ungeklärten Konstellation steckt. Vor allem wegen des impulsiven und schwer zu kontrollierenden Superstars. „Remco Evenepoel ist eine tickende Zeitbombe“, sagte TV-Experte Rolf Aldag, vor einem Jahr bei der Tour noch Sportlicher Leiter im Lipowitz-Team. Und Patrick Lefevere, bis zu seinem Abgang am Ende der vergangenen Saison sieben Jahre lang Chef von Evenepoel bei Quick-Step erklärte: „Er ist das Alphatier unter den Alphatieren. Ich, ich und ich – eine geteilte Kapitänsrolle existiert in seinem Kopf nicht.“
Das Problem: Weil Evenepoel und Lipowitz bisher vor allem neben- oder hintereinander, aber nicht füreinander fahren, sinken die Chancen auf Rang drei. Beim Teamzeitfahren zum Auftakt ließ Evenepoel seinen Kollegen am letzten Anstieg hinter sich. Am Gipfel des Tourmalet lag Lipowitz 20 Sekunden vor dem Belgier, der in der Abfahrt auch einige direkte Konkurrenten wieder heranführte. Und am Sonntag, auf der ersten Etappe im Zentralmassiv, waren die beiden, die ohnehin vom Rest des Teams weniger Hilfe erhalten als andere Kapitäne, schon nach der Hälfte der Distanz im Peloton auf sich alleine gestellt. Zwei Kapitäne, aber keine Matrosen – das verdeutlichte die Krux mit der Doppelspitze noch einmal. Denn wenn es zwei Führungsfiguren gibt, achten diese vor allem auf sich selbst. Wäre die Hierarchiefrage dagegen beantwortet, hätte Red Bull-Bora hansgrohe einen Top-Anwärter auf Rang drei, der den neben Isaac del Toro stärksten Edelhelfer an seiner Seite hätte.
Trotzdem halten die Verantwortlichen an ihrer Strategie fest – noch. Dabei liegt eines auf der Hand: Obwohl Red Bull-Bora-hansgrohe zwei Superrundfahrer in seinen Reihen hat, ist die Gefahr, am Ende leer auszugehen, riesengroß. Sollte es tatsächlich so kommen? Werden die Diskussionen erst richtig hitzig.
