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Die Klopp-Idee: organisiertes Chaos

Das mit Spannung erwartete Debüt des neuen Bundestrainers steht bevor. An diesem Donnerstag geht es für Jürgen Klopp und die DFB-Elf gegen die Niederlande – mit dieser Ausrichtung.

Amsterdam - Als die ersten Lasten zu tragen waren, zog sich Jürgen Klopp in die Beobachterrolle zurück. Seine Spieler dagegen spürten hohes Zusatzgewicht und im übertragenen Sinn schwere Verantwortung. Denn beim ersten Training unter dem neuen Bundestrainer in Herzogenaurach mussten sie während eines Aufwärmspielchens jeweils einen Kollegen Huckepack nehmen. Beim Innenverteidiger Jonathan Tah etwa fällt das besonders ins Gewicht. Das Gelächter unter den Nationalspielern beim munteren Tragen war groß – ebenso bei Klopp.

Nach einer kurzen Ansprache hatte sich der Coach wie ein Feldherr ein paar Meter entfernt platziert. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, mit gerader Haltung. Die ersten Klopp-Kommandos waren freilich schon vorher im Teamquartier beim Noch-Ausrüster Adidas erfolgt. Und die nächsten sicher bei jenem (geheimen) Teil des Trainings, der für die geballte Journalistenschar dann nicht mehr zu verfolgen war.

Denn es ist ja klar: Klopp trägt nicht nur die übergeordnete Verantwortung für das große Ganze - er hat dafür auch einen taktischen Plan, den er der DFB-Elf schnell vermitteln will.

An diesem Donnerstag geht es mit dem Nations-League-Spiel gegen die Niederlande in Amsterdam los (20.45 Uhr/RTL), drei weitere Partien steigen dann noch bis zum 4. Oktober.

Bereits im August bat Klopp sein Trainerteam zu einer Klausurtagung nach Blankenhain in Thüringen. In dem dortigen Spa- und Golfresort, das vom neuen Jahr an das neue DFB-Trainingsquartier wird, zog sich Klopp für mehrere Tage mit seinen Assistenten Peter Krawietz, Pepijn Lijnders und Sven Bender zurück. Dabei besprach der neue Führungszirkel neben organisatorischen Fragen insbesondere die künftige Spielidee und Ausrichtung der DFB-Elf.

„Ich habe seit 25 Jahren Mannschaften entwickelt, in denen alle immer verantwortlich sind für die Defensive“, sagt Klopp über sein Mantra: „Das hilft dem Einzelnen.“ Der Bundestrainer will Raum- statt Manndeckung im Defensiv-Verhalten – und lässt damit anders spielen als etwa der FC Bayern und manchmal auch der VfB Stuttgart.

Denn Klopp, das ließ er bei seiner ersten Kadernominierungs-Pressekonferenz vor einer Woche recht unverblümt durchblicken, kann mit der Manndeckung nichts anfangen. Er spielt anders: ballorientiert. Wie bei seinen früheren Vereinen FSV Mainz, Borussia Dortmund und FC Liverpool setzt er auf rasend schnelle Umschalt-Momente als Schlüssel für seine Erfolgsstrategie nach Ballgewinnen. Klopp bezeichnet sein berühmtes Gegenpressing gerne als seinen „besten Spielmacher“, da eine Balleroberung in der gegnerischen Hälfte schnell eigene Torchancen ermöglichen kann.

„Es ist eine Herausforderung, gar keine Frage“, sagt der Bundestrainer dazu: „Aber Fußballer sind Fußballer, und ballorientiertes Verteidigen ist nicht kompliziert. Bei meinen vorherigen Vereinen haben wir es organisiertes Chaos genannt. Für jeden sieht es chaotisch aus, für uns war es organisiert.“ Möglicherweise herrscht am Anfang an diesem Donnerstag in Amsterdam erst einmal nur Chaos mit wenig Organisation – nur zwei Trainingseinheiten hat es unter dem neuen Bundestrainer bisher gegeben. Aber Klopp will das anfängliche Chaos, das droht, für das große Ganze am Ende in Kauf nehmen.

Sein Credo auf Sicht: Das System soll Spielern, die im Eins-gegen-eins gegen schnelle Gegner keine Chance hätten, die Möglichkeit geben, sie zu verteidigen. Oder anders: Auf den ersten Blick nicht so hochveranlagte Spieler sollen im Verbund besser werden und individuelle Schwächen im Sinne der Gruppe kompensieren können. Man denke da etwa zurück an Klopps Zeit in Dortmund:  Profis wie Marcel Schmelzer oder Kevin Großkreutz entwickelten sich unter Klopp auf den Außenpositionen zu Nationalspielern. Sie rannten, rannten. Und rannten. Die These wird sich nie beweisen lassen – aber: Unter jedem anderen Coach wäre das den fußballerisch eher limitierten Klopp-Jüngern nicht vergönnt gewesen.

Schmelzer oder Großkreutz jedenfalls könnten sicher ausführlich über Klopps Fußballidee referieren: Die ballnahen Spieler attackieren den Gegner am Ball sofort, um ihn unter Stress zu setzen. Die restlichen Mannschaftsteile rücken eng zusammen und schließen das Zentrum, um Passwege des Gegners zuzustellen.

Nach vorne soll es dann im Eiltempo gehen – im 4-3-3-System mit echten Außenangreifern, die Klopp in Ballbesitz als Spielmacher sieht. Klar ist: Klopp steht auf schnelle Flügelstürmer wie Karim Adeyemi oder Kevin Schade. Auch VfB-Linksaußen Chris Führich passt in dieses Muster und kommt womöglich schon in Amsterdam zum Zug – wo Klopp am Mittwochabend auf der Pressekonferenz davon sprach, dass die Aufregung vor dem Spiel noch kommen werde: „Eine positive Anspannung ist da.“

Schon vorher hatte Klopp die Bande zwischen seinen Spielern und ihm beschrieben. Philipp Treu vom SC Freiburg hatte gesagt, der Coach sei „ein Megatyp, für den man durchs Feuer gehen würde“. Klopps Ansage darauf: „Ich gehe für die Jungs durchs Feuer. Wenn die Jungs alles geben, bin ich für die verantwortlich, ohne Wenn und Aber. Es sieht alles sehr gut aus, aber es ist mehr so ein Grillfeuer, mehr konnten wir bisher noch nicht entfachen. Aber wir werden dran arbeiten, dass es so aussieht, dass wir das füreinander machen.“

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