Stuttgart - Die Schritte sind raumgreifend, das Tempo ist hoch. Hochdynamisch sind die Aktionen des Johan Manzambi (20) auf dem Platz, oder besser: überall auf dem Platz. An jeder Ecke ist er zu finden – er beackert die Außenlinien und das Zentrum. Kaum zu fassen ist Manzambi für die Gegner – und, mit Blick auf die Leistungen in der abgelaufenen Saison beim SC Freiburg und die ersten drei WM-Spiele mit der Schweiz, ist der junge Mann: fast schon unfassbar gut.
Denn der Sohn togolesischer und angolanischer Eltern kann alles: dribbeln im höchsten Tempo, Traumpässe spielen, Traumtore erzielen, aggressiv verteidigen – und intelligent spielen, da er obendrein ein gutes Gefühl für das Erkennen und Besetzen der wichtigen Räume hat.
Wenn man so will, verkörpert Manzambi eine Art Idealtypus eines Schweizer Taschenmessers: Er ist für fast alles zu gebrauchen, immer scharf und stabil – und für die Schnittstellen geeignet. Manchmal gar schraubt Manzambi mit seinen schnellen Bewegungen den Gegner allein auseinander. Das Top-Talent mit der einschneidenden Wirkung sticht mit seinen speziellen Fähigkeiten heraus – jetzt auch bei der WM.
So kam Manzambi in drei Vorrundenspielen bereits auf drei Tore und eine Vorlage. Und das, obwohl Trainer Murat Yakin ihn in zwei von drei Gruppenspielen nur als Joker brachte. Beim 2:1 im Gruppenfinale gegen Co-Gastgeber Kanada, das den Schweizer Gruppensieg perfekt machte, war der Jungstar erstmals von Beginn an auf dem Rasen – und wurde wie gegen Bosnien-Herzegowina (zwei Tore beim 4:1) vorher zum Matchwinner. Mehr als wahrscheinlich ist es also, dass Manzambi im Sechzehntelfinale gegen Algerien an diesem Freitag (5 Uhr MESZ) wie zuletzt gegen Kanada wieder von Beginn an ran darf.
Die Bilanzen des Senkrechtstarters lesen sich übrigens auch beim SC Freiburg imposant. 55 Pflichtspiele hat der zentrale Mittelfeldmann, der auch weiter vorne agieren kann, in der abgelaufenen Saison für den Sportclub absolviert. Damit führt er die Pflichtspiel-Rangliste aller Schweizer WM-Nationalspieler knapp vor BVB-Keeper Gregor Kobel (54) an. Bei seinen insgesamt 38 Bundesliga- und 15 Europapokal-Partien für den Sport-Club kommt Manzambi auf 18 Scorerpunkte.
Wer also ist dieser Typ, der seit einem knappen Jahr durch die Decke geht und zuletzt maßgeblich am Freiburger Finaleinzug in der Europa League beteiligt war? Mit 17 Jahren wechselt Manzambi von seinem Heimatverein Servette Genf im Januar 2023 zum SC Freiburg. Nach einem halben Jahr in der Freiburger U 19 sammelt Manzambi in der Drittliga- und Regionalligamannschaft des Sport-Clubs die so wichtige Spielpraxis im Männerfußball.
In der Saison 2024/25 darf das Talent in der Bundesliga dann elf Partien unter Trainer Julian Schuster machen – unter jenem Mann also, der ihn in den Jahren zuvor als Verbindungstrainer des SC an den Schnittstellen Jugend/zweite Mannschaft/Profis eng begleitet hat. In der abgelaufenen Saison wird Manzambi zur Stammkraft. Er startet durch – auch, weil er sich einst in der Heimat in der Westschweiz früh gegen die Älteren behaupten musste: Auf dem Schulhof als kleiner Knirps gegen die Kumpels des sechs Jahre älteren Bruders. Das helfe ihm auch heute noch, sich durchzusetzen, sagt Manzambi dazu.
In diesen Wochen setzt der Jungstar auf der größten Fußballbühne namens WM seine Zeichen – inzwischen liegt sein Marktwert bei knapp 50 Millionen Euro, es ist der höchste im gesamten Schweizer Kader. Die Frage aller Fragen aus Freiburger Sicht: Wie lange kann man das Juwel noch halten? Und: Wo liegt die Schmerzgrenze bei der möglichen Ablöse? Manzambi hat einen Vertrag bis 2030 – und sagte vor der WM noch dies: „Die Fans müssen keine Angst haben, ich bleibe ein Spieler von Freiburg.“
Das freilich kann sich schnell ändern – wenn Manzambi bei der WM so weitermacht, die europäischen Top-Clubs dann mehr denn je Schlange stehen und die Angebote für ihn weiter erhöhen.
Jetzt aber konzentriert sich der Mittelfeldmann erstmal auf das große Turnier. „Ich habe keine Worte für das, was da gerade passiert“, sagt er nach seinem Traumstart in der Vorrunde: „Vor vier Jahren war ich noch zu Hause WM-Fan und habe gehofft, dass die Schweiz gewinnt.“ Damals war Manzambi 16 Jahre alt. Jetzt ist er 20. Und eine der heißesten Mittelfeldaktien im europäischen Fußball.

