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Der Löwe und die letzten Kräfte

Der dramatische Gold-Coup von Leo Neugebauer war nichts für schwache Nerven. Auch beim VfB Stuttgart fieberte man mit dem Zehnkämpfer bei der Europameisterschaft in Birmingham mit.

  • Geschafft – und glücklich: Europameister Leo Neugebauer freut sich über Gold.Foto: AFP/Ben Stansall

    Geschafft – und glücklich: Europameister Leo Neugebauer freut sich über Gold.Foto: AFP/Ben Stansall

Stuttgart - Daheim vor dem Fernseher ist es manchmal am schlimmsten mit der Nervosität. Dieter Göggel, Leiter der Leichtathletikabteilung des VfB Stuttgart, weiß das spätestens seit dem dramatischen Gold-Coup von Leo Neugebauer in Birmingham. Der Zehnkämpfer ist auch Göggels Schützling, wenn man so will: Denn der Weltmeister, der sich nun auch Europameister nennen darf, startet ja für den VfB Stuttgart. Die Bande zur Heimat ist für den König der Athleten, der in Leinfelden-Echterdingen aufgewachsen ist, trotz jahrelangem Lebens- und Trainingsmittelpunkt in Austin/Texas noch immer eng.

Dieter Göggel also war am Donnerstagabend mit den Nerven am Ende, als der spektakuläre Zehnkampf zu Ende war. „Da hockst du vor dem Fernseher und kaust nur noch Fingernägel“, sagt er am Tag danach: „Zum Glück habe ich sie mir vorher vorsorglich geschnitten.“ Denn Göggel ahnte da wieder was – irgendwie liefert Leo, der Löwe, ja fast immer Drama. Bei der EM, im Alexander Stadium von Birmingham, trieb es Neugebauer allerdings auf die Spitze.

Rückblick: Die 1500 Meter und damit die letzte Disziplin stehen an, die Ausgangslage ist klar: Neugebauer führt umgerechnet mit 22 Sekunden vor Landsmann Niklas Kaul, der die 1500 Meter zu seinen Paradedisziplinen zählt. Der Weltmeister von 2019 und Europameister von 2022 rennt Neugebauer also wie erwartet davon – doch der hält den Rückstand in Grenzen. So, dass es am Ende reicht. Und wie!

Wie schon beim WM-Titel von Tokio im September 2025 wusste Neugebauer während des Rennens – wie auch immer – wie groß sein Rückstand auf den ungeliebten 1500 Metern auf seinen ärgsten Verfolger, in dem Fall Kaul, sein darf. In Tokio war er nach dem Zieleinlauf so kaputt gewesen, dass er erstmal kurz im Rollstuhl Platz nahm. Die Bilder sind längst Legende. Sie sind für die Ewigkeit.

Nun, in Birmingham, geriet zumindest auf der Bahn alles noch spektakulärer. Denn Neugebauer brachte kurz vor der Ziellinie kaum noch einen Fuß vor den anderen. So lief er am Ende nicht über den weißen Strich. Er fiel darüber, und dann lag er da. Wie ein Häufchen Elend, und doch erhaben und triumphierend: Neugebauer war am Boden und oben angekommen. Denn es reichte: zu Gold!

„Ich muss sagen, dieses Mal war echt ein bisschen dramatischer“, sagte der Champion hinterher: „Es war mir wichtig, einfach auch mir selbst zu zeigen, dass wenn es drauf ankommt, dass ich echt richtig durchbeißen kann.“ Dieter Göggel hat daheim vor dem Fernseher genau verfolgt, wie sich Neugebauer über die zwei Wettkampftage durchgebissen hat und damit den Widrigkeiten getrotzt hat. „Ich sage das immer wieder als Erklärung, es klingt immer so einfach“, sagt der Leichtathletik-Chef des VfB: „Leo ist einfach eine coole Socke.“ Verfeinert habe er sein gelassenes Wesen in den USA, sagt Göggel weiter – dort also, wo Neugebauer nach dem Studium noch immer lebt und trainiert: „Dort hat er diese amerikanische Lockerheit aufgesogen und noch weiter gelernt, wie man mit negativen Erlebnissen umgeht. Er schaut immer überall hin und sieht, von wem er noch etwas lernen kann.“

Sein geballtes Wissen auf der mentalen Ebene musste Neugebauer nun in Birmingham anwenden. Schon der erste Tag war voller Hindernisse: Ein Wackler bei den 100 Metern zu Beginn, das Diskuswerfen während der Sonnenfinsternis und dann die 400 Meter, bei denen Neugebauer scheinbar wie von Sinnen und völlig entkräftet ins Ziel plumpste. All das warf den späteren Sieger nicht aus der Bahn. Tag zwei war geprägt von der Farce beim Stabhochsprung, bei dem irrlichternde Kampfrichter die Latte auf die falsche Höhe legten und damit den Wettbewerb in sengender Mittagshitze verzerrten – weil, wie bei Neugebauer, Nachholsprünge nötig waren, lange Unsicherheit und Diskussionen vorher inklusive.

Doch der 26-Jährige blieb, wie von Dieter Göggel daheim erhofft, cool. Im Gegensatz zu Göggel selbst. „Der Stabhochsprung war ein schlechter Witz“, sagt der VfB-Funktionär: „Ich habe bei uns in die Vorstandsgruppe geschrieben, dass die Engländer Fußball können, Leichtathletik aber nicht.“

Dafür kann Leo „The German“ Leichtathletik. Der Deutsche mit kamerunischem Vater, der in Birmingham wie immer den sangesgewaltigen Fanclub auf der Tribüne anführte, verließ das Stadion einmal mehr mit der Gewissheit, „dass ich wirklich bis zum Ende kämpfen kann“. Nichts Anderes hat Neugebauer auf Sicht auch in zwei Jahren vor. Dann steigen die Olympischen Spiele in Los Angeles. Nach der Silbermedaille von Paris 2024 soll es da für den Welt- und Europameister die goldene werden.

Einer der größten Konkurrenten könnte dann wieder der Mainzer Niklas Kaul sein. Er wolle Neugebauer weiter ärgern, sagte der 28-Jährige: „Ich glaube, ich muss dafür in ein, zwei Disziplinen noch ein bisschen was drauflegen.“ Denn Leo, der Löwe, wird nicht schlafen.

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