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Das Gegenteil einer Turniermannschaft

Mit dem WM-Aus zeigt sich, dass die Nationalelf in zwei Jahren keine Entwicklung genommen hat. Das bringt den Bundestrainer Julian Nagelsmann ins Wackeln.

Foxborough - Julian Nagelsmann hat versucht, Haltung zu bewahren. Aufrecht ist er über den Platz gegangen, um seine geknickten Spieler wieder aufzurichten. Mit wenigen Worten, vereinzelten Gesten oder einer kurzen Umarmung. Wie es ein Bundestrainer macht, der soeben einen WM-Schock erlebt hat und nun ein Turnier verarbeiten muss, das gut begonnen hatte (Curaçao), kämpferisch weiterging (Elfenbeinküste) und dann in einem Spiel (Ecuador) alle Schwächen offenbarte, die das deutsche Nationalteam in den vergangenen beiden Jahren immer wieder gezeigt hatte.

Aus dieser Abwärtsspirale ist die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht mehr herausgekommen. Vielmehr ist sie im Sechzehntelfinale gegen Paraguay weiter in die Tiefe gezogen worden – ohne die Energie aufbringen zu können, sie zu durchbrechen. Weshalb sich festhalten lässt: Die Nationalelf ist schon lange keine Turniermannschaft mehr. Sie hat sich im Verlauf ihrer Amerika-Tour nicht gesteigert, sondern immer schwächer präsentiert – mit dem Tiefpunkt beim 3:4 (1:1, 1:1) im Elfmeterschießen gegen leidenschaftliche, aber spielerisch sehr limitierte Südamerikaner.

Sportlich verantwortlich zeichnet für das Aus im Sechzehntelfinale der Bundestrainer. Nagelsmann hat es seit dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-EM 2024 nicht geschafft, das von ihm oft beschworene Potenzial aus der Mannschaft herauszuholen, die Klasse und Kräfte zu bündeln, um vorwärtszukommen. Zudem hat er mit seinen Personal- und Strategieentscheidungen selbst dazu beigetragen, das aufkommende Hoch nach elf Siegen in Serie während der Weltmeisterschaft zu brechen. Mit Aussagen, die im Spielerkreis irritierten, und mit Einwechslungen, die gegen Ecuador mehr der guten Laune dienten als dem sportlichen Wettbewerb.

Wie auch immer: Zumindest aus dem Führungszirkel der Mannschaft gab es Rückendeckung für den Coach. Auf den Bundestrainer wollte Kapitän Joshua Kimmich in der Ursachenforschung etwa nicht zeigen. Spielersache sei das Scheitern. „So eine Mannschaft sind wir nicht, die den Trainer als Ausrede nutzt.“ Ähnlich äußerte sich Abwehrmann Antonio Rüdiger über Nagelsmann: „Um es für alle klar zu sagen: Julian ist ein Toptrainer.“

Ob der Fußballfachmann mit den tausend Ideen und nahezu ebenso vielen Widersprüchen nun beim DFB nach etwas mehr als tausend Tagen im Amt weitermacht, bleibt dennoch die große Frage. Nagelsmann hat sie für sich noch im Stadion von Foxborough beantwortet. „Ich bin keiner, der wegläuft. Ich stehe bereit, wenn man das möchte. Und wenn man das nicht möchte, muss man das sagen“, erklärte der Bundestrainer. Sachlich, fast kühl schloss der 38-Jährige damit einen Rücktritt aus und spielte den Ball direkt an den DFB.

Beim Verband müssen sich der Präsident Bernd Neuendorf, der Geschäftsführer Andreas Rettig und der Sportdirektor Rudi Völler damit auseinandersetzen, ob der Vertrag bis 2028 (beim Vorrunden-Aus hätte der DFB eine Ausstiegsklausel ziehen können) erfüllt werden soll, ob sie Nagelsmann zutrauen, den Turnierzyklus bis zur nächsten Europameisterschaft anzugehen. Zunächst teilte der DFB am Dienstag mit, dass erst nach dem Heimflug die wichtigste und drängendste Personalfrage beantwortet wird. Doch Völler positionierte sich noch vor den Toren Bostons in Foxborough: „Ich bin immer noch überzeugt davon, dass er der Richtige ist. Er ist die richtige Person am richtigen Ort.“ Abwarten. Denn schon zu Beginn des Turniers in Nordamerika hat sich über Julian Nagelsmann ein großer Schatten gelegt. Mit lockeren Sprüchen und blendend weißen Zähnen: Jürgen Klopp.

Trotz seiner Entschuldigung an den Bundestrainer nach Aussagen, die Spekulationen über Nagelsmanns Ablösung bis September dieses Jahres eröffnet hatten, bleibt der 59-Jährige im Gespräch. Es ist sogar zu erwarten, dass die Debatte, ob Klopp der bessere Bundestrainer ist, wieder an Dynamik gewinnt. „Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen“, betonte die einstige Trainer-Ikone und aktuelle Fußballchef bei Red Bull.

Allerdings: wenig später wurde Klopp dann doch noch deutlich. Endlich mal runterzusteigen vom hohen Ross des viermaligen Weltmeisters, nach einem vergeudeten Jahrzehnt voller Enttäuschungen, das empfahl Klopp dem DFB. „Deutschland? Wir waren mal Deutschland“, sagte er. „Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir richtig rangehen!“

Dazu gehöre, das Selbstverständnis abzulegen und alles zu hinterfragen. „Wir müssen hundertprozentig ein paar Dinge verändern“, sagte Klopp weiter: „Da können wir bei der U 10 anfangen und ein paar Jahre warten, was oben rauskommt.“ Da schien sich am Ende also doch noch jemand in Position zu bringen.

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