Heilbronn/Häfnerhaslach (red/lsw). Die Tat hat nicht nur in Häfnerhaslach für Entsetzen gesorgt: Ende Februar ist ein 58 Jahre alter Einwohner bei einem Streit so schwer verletzt worden, dass er noch am Tatort starb. Seit Freitag steht deswegen ein 45 Jahre alter Mann wegen Totschlags vor dem Landgericht Heilbronn.
Eine Hecke, die zu weit über den Zaun wuchert, laute Musik bis spät in die Nacht, überfüllte Mülltonnen, die im Weg stehen: Unter Nachbarn kann es schnell mal zu Konflikten kommen. Immer häufiger enden Streitigkeiten am Gartenzaun aber auch in Gewalt. Nach Angaben des baden-württembergischen Innenministeriums wurden im vergangenen Jahr bei Straftaten unter Nachbarn 4160 Menschen verletzt. Das waren gut fünf Prozent mehr als noch im Jahr zuvor und gut 13 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren.
Angeklagter: Ich habe mich immer nur verteidigt
Die große Mehrheit der Fälle endete mit leichten Verletzungen, 68 Menschen mussten aber mindestens eine Nacht stationär ins Krankenhaus. Zehn Menschen kamen ums Leben. Auch Bedrohungen erfasste die Polizei in den vergangenen fünf Jahren immer häufiger.
Im Sachsenheimer Stadtteil Häfnerhaslach endete im Februar ein Streit unter Nachbarn für einen der Beteiligten tödlich. Dafür muss sich ein 45-Jähriger vor dem Landgericht verantworten. Er soll seinen Nachbarn im Streit um eine Ruhestörung mit einer Art Mistgabel erschlagen haben. Der Angeklagte sitzt seit 25. Februar in Untersuchungshaft.
Das 58 Jahre alte Opfer sei gerade von einer Fahrradtour zurückgekehrt, als es zu einer verbalen Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn gekommen sei, der schräg gegenüber in einer städtischen Unterkunft lebte, sagt die Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklage. Daraufhin habe der Angeklagte mit einer Art Mistgabel auf Körper und Kopf des Opfers eingeschlagen. Offenbar mit großer Wucht: Sowohl Fahrradhelm als auch Mistgabel zerbarsten in mehrere Teile. Der 58-Jährige erlitt unter anderem schwere Kopfverletzungen und starb noch am Tatort.
Der Angeklagte sagt im Gericht, er habe sich immer nur verteidigt und sei zuvor von seinen Nachbarn geschlagen worden. Offiziell aussagen soll der Mann, der laut seinem Verteidiger möglicherweise psychisch krank ist, erst an einem späteren Verhandlungstermin. Bis Mitte Oktober soll der Fall vor der ersten Schwurgerichtskammer des Landgerichts verhandelt werden. Es sind insgesamt 23 Zeuginnen und Zeugen geladen sowie drei Sachverständige.
Schon vor dem tödlichen Streit im Februar hatte es laut Anklage immer wieder Polizeieinsätze wegen des „unflätigen Verhaltens“ des 45-Jährigen gegeben. Dieser soll seine Nachbarn immer wieder angepöbelt und beschimpft haben, zudem wirft ihm die Staatsanwaltschaft auch einen Angriff auf einen zweiten Nachbarn sowie mehrere Beleidigungen vor.
Psychologe: Solche Konflikte haben in der Regel eine längere Geschichte
Aus Sicht von Psychologen ist das eine typische Entwicklung bei der Eskalation von Nachbarschaftsstreit. „Konflikte mit solch dramatischen Ausgängen passieren nicht von jetzt auf gleich, sondern haben in der Regel eine längere Geschichte“, erklärt Psychologe Ulrich Wagner, der als Professor an der Universität Marburg lehrte.
Zur Eskalation könne es kommen, wenn es nicht gelinge, den Konflikt zum Thema zu machen. „Wir versuchen, uns unsere Welt zu erklären und suchen Gründe, warum der Nachbar uns mit seinem Lärm immer wieder aus dem Schlaf reißt“, erklärt Wagner. „Dadurch schreiben wir ihm schlechte Eigenschaften zu, werten ihn ab. Dasselbe passiert möglicherweise auf der anderen Seite, wo der Nachbar sich in seiner Freiheit eingeschränkt sieht.“ Schaukelten sich diese Bilder immer weiter hoch, genüge oft ein nichtiger Anlass, der zu einem völligen Ausbruch führen könne. Je früher man den Konflikt thematisiere, desto eher könne eine Eskalation verhindert werden. „Es kann sehr helfen, mit anderen Menschen, die einem wichtig sind, über den Konflikt zu reden. Manchmal neigt man dazu, sich in völlig nichtige Themen hineinzusteigern“, rät Wagner. Vertraute könnten bei der Einordnung helfen, ob ein Thema wirklich so groß sei, wie es empfunden werde.

