„Man hat jeden Tag die gleiche Routine“

Obwohl Cedrik-Marcel Stebe sich sportlich nicht für die Australian Open qualifiziert hat, ist er nach Melbourne geflogen und hat sich in zweiwöchige Quarantäne begeben. Über seinen Alltag im Hotelzimmer, Corona und die Saison spricht er im Interview.

Erstellt: 30. Januar 2021
„Man hat jeden Tag die gleiche Routine“ Cedrik-Marcel Stebe befindet sich bis heute Abend Ortszeit in Melbourne in der harten Quarantäne. Der Tennisprofi durfte zwei Wochen lang sein Hotelzimmer nicht verlassen. Einzige Möglichkeiten zur Kommunikation mit der Außenwelt: Telefongespräche und Videokonferenzen. Screenshot: Nachreiner

Melbourne/Enzweihingen. Cedrik-Marcel Stebe ist auf gut Glück nach Melbourne geflogen. Denn der Tennis-Weltranglisten-127. hatte die Qualifikation für die Australian Open eigentlich sportlich verpasst. Doch sein Mut und die Entbehrungen von zwei Wochen Quarantäne haben sich für den 30-Jährigen ausgezahlt. Er ist als Lucky Loser ins Hauptfeld des ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres gerutscht. Im Gespräch mit Redakteur Michael Nachreiner erklärt der Enzweihinger, dessen Wahlheimat in der Zwischenzeit Bregenz und München ist, über welche Entbehrungen die Quarantäne abverlangt hat, wie Corona ihn beschäftigt und welche Ziele er für die Saison hat.

Wie geht es Ihnen?

Es ist auf jeden Fall eine schwierige Zeit. Ich hätte gedacht, dass die Quarantäne hier in Melbourne schneller rumgeht. Aber es hat sich doch noch ganz schön gezogen, weil man jeden Tag die gleiche Routine hat und sich nicht auf etwas Neues freuen kann. Es ist alles recht stumpf. Ich muss aber auch sagen, dass ich auch etwas Glück hatte, dass sich Tennis Australia um alle, die im harten Lockdown sind, gekümmert haben. In der Zwischenzeit habe ich auch ein Laufband auf dem Zimmer, zunächst war es nur ein Fahrrad. Da hat einem dann auch mal der Allerwersteste wehgetan nach zwei, drei Trainingseinheiten. Das war nicht einfach, sich wieder zu motivieren, sich aufs Fahrrad zu setzen.

Die Quarantäne mussten Sie absitzen wegen den Einreisebestimmungen nach Australien oder weil im Flieger Personen positiv getestet waren?

Es wäre auf jeden Fall eine 14-tägige Quarantäne gewesen – egal, was auf dem Flug passiert ist. Der Unterschied wäre gewesen, dass wir fünf Stunden pro Tag hätten rausgehen dürfen und nur 19 Stunden auf dem Zimmer verbringen müssen. Das Ganze wurde überschattet mit den positiven Fällen, die sich auf den verschiedenen drei Flügen ereignet haben. Auf unserem Flug war es zum Glück nur eine Person. Wer es ist, weiß ich aber nicht. Das ist uns auch aus Datenschutzgründen nicht mitgeteilt worden. Und diese Person hat keine weitere Person angesteckt.

Am heutigen Samstag um Mitternacht Ortszeit haben Sie die zweiwöchige Quarantäne abgesessen. Was durften Sie in der Zeit überhaupt machen und was nicht?

Was ich machen durfte, ist eine ganz kurze Liste: gar nichts. Ich durfte nicht das Zimmer verlassen, nur das Fenster öffnen. Das geht aber nur rund fünf Zentimeter mit einer kleinen Kurbel nach unten auf. Es ist schwer, überhaupt frische Luft zu bekommen, obwohl ich mehrere Stunden am Fenster sitze. Einen Balkon gibt es nicht. Ursprünglich sollten wir wohl in ein anderes Hotel. Dort hätten die Zimmer wohl auch Balkone gehabt. Aber die Anwohner hatten sich beschwert. Und so kurzfristig gab es keine anderen Alternativen. So durfte ich nur meine Zimmertür öffnen, wenn jemand geklopft hat wegen Essen oder so.

Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben? Wie verhindert man einen Lagerkoller?

Lagerkoller haben ich keinen. Aber am Anfang war es nicht einfach, da ich auch noch Jetlag hatte nach dem Flug von Doha, wo das Qualifikationsturnier stattfand, nach Melbourne. Ich habe versucht, viel zu schlafen. So habe ich viel Zeit rumbekommen. Ansonsten habe ich mir bei allem, was ich gemacht habe, Zeit gelassen – beispielsweise beim Frühstückzubereiten. Da ich auch noch Veganer bin, war das nicht immer einfach. Ich hatte es den Verantwortlichen mitgeteilt, es wurde aber zunächst nicht berücksichtigt. Erst nach ein paar Tagen wurde es wenigstens auf vegetarische Kost umgestellt. Dennoch habe ich mir mein Frühstück immer selbst zubereitet – zum Beispiel Obst ins Müsli geschnitten. Ansonsten war ich viel auf den bekannten Streaming-Portalen unterwegs. Und ich habe versucht, ein bisschen was zu lesen. Highlights waren dann schon Videokonferenzen mit der Spielergewerkschaft ATP. Darüber hinaus habe ich viel Fitness gemacht. Aber es war kein Vergleich zum normalen Tennisspielen und zu normalen Fitnesseinheiten.

Wie sah das Fitnessprogramm genau aus?

Ich habe versucht, einen kleinen Plan aufzustellen. Einen Tag habe ich Kraft Beine und leichtere Laufeinheiten gemacht. Den anderen Tag gab es dafür eine ausführlichere Ausdauereinheit auf und Kraft Oberkörper mit Rumpfübungen. Am Anfang hatte nicht so viel Equipment. Da musste ich mir aushelfen. Zeitweise habe ich meinen großen Koffer geschnappt, der 25 Kilogramm wiegt, und ihn in die Höhe gestemmt oder meine Tennistasche als Rudergerät genommen. Mittlerweile habe ich aber Hanteln mit verschiedenen Gewichten. Alle vier, fünf Tage habe ich dann einen Tag Pause eingelegt, um auch den Kopf wieder freizubekommen.

Und wie sieht es mit Tennis aus? Haben Sie jetzt zwei Wochen keinen Schläger in der Hand gehabt?

Ich habe den Schläger auf jeden Fall in die Hand genommen und einige Schwünge gemacht, einfach um in der Bewegung zu bleiben – aber nicht jeden Tag. Was ich aber nicht gemacht habe, war, eine Matratze an die Wand zu stellen und dagegenzuklopfen wie einige Meiner Kollegen, zumal ich auch keine Tennisbälle auf dem Zimmer hatte.

Simuliert das wenigstens ein bisschen das Training auf dem Platz?

Das mit dem Simulieren ist nur bedingt möglich. Das Schwingen hilft. Aber der Einschlag vom Ball geht komplett verloren. Das ist ein Aspekt, den man nicht unterschätzen darf.

Wie schätzen Sie das ein: Können Sie die verlorene Zeit wieder aufholen?

Ich habe früher, als ich krank war, auch schon mal sieben, acht Tage am Stück nicht gespielt und mich dennoch okay gefühlt, als ich wieder auf dem Platz stand. Aber egal, was man im Zimmer gemacht hat, es ist für uns, die in der harten Quarantäne waren, ein Nachteil gegenüber den anderen, die bis zu fünf Stunden pro Tag normal trainieren durften. Das kann man in fünf, sechs, sieben Tagen nicht wieder aufholen.

Auf der einen Seite gibt es zwar auch die priviligierteren Spieler. Doch auf der anderen Seite haben sich auch einige Profis wie Bernard Tomic oder Roberto Bautista Agut über die harte Quarantäne beschwert. Es war von einem „Gefängnis – nur mit Wlan die Rede“. Können Sie den Ärger verstehen?

In gewisser Weise schon. Ich würde es aber definitiv nicht als Gefängnis bezeichnen. Wir wurden wirklich gut versorgt – mit gutem Essen oder Unterhaltungsangeboten von der ATP. Auch wurden uns Angebote gemacht, um uns mental zu unterstützen. Außerdem muss man das große Ganze im Blick behalten. Es geht um die Menschen in Australien, die monatelang unter harten Auflagen gelebt. Jetzt sind sie seit mehreren Wochen coronafrei. Deshalb muss man auch Rücksicht auf sie nehmen und vorsichtig sein, nicht dass wieder der Virus eingeschleppt wird, der zu einem Ausbruch führt.

Sie sind wie erwähnt als Lucky Loser nach Australien gefogen. Wann kam jetzt die Nachricht, dass Sie den Sprung ins Hauptfeld geschafft haben?

Die kam Anfang der Woche. Ich war aber schon davor immer in Kontakt mit der ATP. Denn ich wusste, dass ein paar Spieler nicht auf den vorgesehenen Flügen waren, die Mitte Januar abheben sollten. Es war aber lange nicht klar, was mit denen passiert. Darüber hinaus war die Möglichkeit groß, dass immer mal wieder einer positiv getestet wird. Damit konnte ich mir eigentlich ausrechnen, dass die Chance relativ groß ist, dass ich reinkomme. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich als die Nummer eins auf der Liste der Lucky Losers nach Down Under geflogen bin und mir die Quarantäne antue.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wen würden Sie sich als Gegner in der ersten Hauptrunde wünschen?

Am liebsten einen, der ebenfalls in der harten Quarantäne war. Das sorgt für Chandengleichheit. Aber man kann es nicht beeinflussen. Deshalb mache ich mir auch keine großen Gedanken.

Wie sieht die weitere Vorbereitung auf die Austrim Zimmer alian Open aus?

Ich werde in der nächsten Woche höchstwahrscheinlich die Chance wahrnehmen, im Melbourne Park noch ein Vorbereitungsturnier zu spielen – zumal ich im Zimmer doch einiges unter anderem auch ein paar Schnelligkeitssachen machen konnte. Aber man sollte von diesem Turnier nicht zu viel erwarten. Darauf liegt aber auch nicht die Priorität.

Überhaupt: Jetzt, wo die Corona-Zahlen noch mal in die Höhe geschossen sind, ist es anders, Turniere zu spielen als beispielsweise im vergangenen Sommer?

Ja, würde ich schon sagen. Zurzeit sind auch noch viele Turniere indoor. Da ist die Infektionsgefahr noch mal ein bisschen größer als im Freien, wo man ein bisschen mehr Platz hat, um sich auf der Anlage auszubreiten. Als die ATP-Tour im August wieder anlief war es auch einfacher, Turniere auf die Beine zu stellen. Vor allem auch, was das Reisen betrifft, ist es ein Problem: Viele Länder haben Einschränkungen oder Quarantänepflichten verhängt. Um da Ausnahmegenehmigungen zu bekommen ist nicht einfach. Da muss die ATP viel Zeit investieren, um es für uns Spieler möglich zu machen.

Und macht man sich persönlich auch mehr Gedanken oder können Sie das weitestgehend ausblenden und sich auf Ihren Job als Tennisspieler konzentrieren?

Es beeinflust natürlich die Turnierplanung. Ich muss mich immer wieder fragen, wie sind die Einreisebestimmungen und macht es Sinn, da hinzufliegen. Deshalb muss man immer im Hinterkopf haben, dass Turniere jederzeit kurzfristig abgesagt werden können.

Wie sieht Ihre weitere Saisonplanung aus? Kann man wegen der Corona-Pandemie überhaupt etwas Definitives sagen oder muss man noch mehr als in der vergangenen Saison von Woche zu Woche planen?

Es ist auf jeden Fall alles noch kurzfristiger. Die ATP versucht, einen Turnierkalender auf die Beine zu stellen. Aber innerhalb von ein, wezi Wochen kann sich so viel ändern, dass alles wieder über den haufen geworfen wird. Ich habe aktuell noch kaum eine Planung. Eins steht auf jeden Fall fest: Egal, wie ich bei den Australian Open spielen werde, werde ich in der zweiten Woche des Grand Slam kein Turnier spielen. Ich möchte noch ein paar Tage fürs Training nutzen, um wieder in die Form wie vor der Australian-Open-Qualifikation in Doha zu kommen. Dann habe ich die ATP-Turniere in der Woche vom 22. Februar gemeldet. Es steht aber noch nicht fest, ob ich die Spiele oder in Kasachstan, wo ebenfalls zwei turniere hintereinander stattfinden. Noch erschwert wird das Ganze dadurch, dass der Challenger-Kalender nur bis zum 1. März geht. Alles weitere steht noch in den Sternen.

Kann man sich bei solchen Rahmenbedingungen überhaupt Ziele setzen? Und welche sind es?

Oberstes Ziel ist, körperlich gesund zu bleiben und sich nicht wieder verletzen. Ich habe mir aber auch Rankingziele gesetzt: Bis Ende des Jahres will ich wieder in den Top 100 stehen. Das wird allerdings nicht einfach. Denn zurzeit ist noch das 24-Monats-Ranking aktiv. Aber ich bin guter Dinge. Wenn ich gut spiele, ist das Ziel zu erreichen. Es sind nur knapp 200 Punkte, die mir fehlen.

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