Der Paradiesvogel des Tennissports

Buchverlosung: Mit Löwenmähne und knallengen neonfarbenen Radlerhosen oder Jeansshort hat Andre Agassi zu Beginn seiner Karriere provoziert, stürzte wegen Crystal-Meth-Missbrauchs ab und steht doch mit mehreren Rekorden in den Geschichtsbüchern.

Von Michael Nachreiner Erstellt: 19. Dezember 2020
Der Paradiesvogel des Tennissports 1995 verabschiedet sich Andre Agassi von seiner Löwenmähne und damit auch von seinem Image als Lebemann. Es ist der Beginn seiner besten Phase als Tennisspieler. Foto: ddp

Las Vegas. Wer schon die 30 überschritten hat, der wird sich wahrscheinlich noch an das Halbfinale von Wimbledon 1995 erinnern. Boris Becker liegt in der Vorschlussrunde des Grand-Slam-Turniers gegen Andre Agassi bereits mit 2:6 und 1:4 zurück, dreht dann aber noch die Partie. Mit 2:6, 7:6, 6:4 und 7:6 erreicht der Leimener erneut das Endspiel in seinem „Wohnzimmer“, wie er es nennt, unterliegt dort aber Pete Sampras. Das Wimbledon-Halbfinale hätte die Blaupause für eine der größten Rivalitäten im Tenniszirkus sein können – auf der einen Seite Boris Beckers Serve-and-Volley-Spiel, auf der anderen Seite der vielleicht beste Returnspieler aller Zeiten.

Doch das passierte nicht wirklich. Denn obwohl Boris Becker nur zwei Jahre älter als Andre Agassi war, verliefen ihre Karrieren nicht parallel. Becker sicherte sich seinen ersten großen Titel 1985, bereits 1989 war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er zum dritten Mal in Wimbledon triumphierte, die US Open gewann und Deutschland zum Sieg im Davis-Cup führte. Andre Agassi musste auf seinen ersten Titel in einem Grand-Slam-Turnier bis 1992 warten und wurde erst 1995 die Nummer eins der Tenniswelt. Darüber hinaus war es kein Hin und Her. Boris Becker gewann die ersten drei Aufeinandertreffen, dann blieb Andre Agassi acht Mal in den direkten Duellen ungeschlagen – auch weil er Boris Beckers größte Stärke, seinen wuchtigen, unberechenbaren Aufschlag, entschlüsselt hatte. Wie der US-Amerikaner nach dem Ende seiner Karriere erklärte, zeigte Boris Beckers Zunge, die er vor jedem Aufschlag herausstreckte, in die Richtung, in die der Service ging.

Doch so wenig sich die beiden auf dem Platz begegneten, so groß war ihre Abneigung abseits des Platzes. Noch Jahre nach Ende seiner aktiven Laufbahn ließ Andre Agassi verlauten, wie unsympathisch ihm der Deutsche mit seinen Psycho-Tricks stets war. Boris Becker hielt Andre Agassi auf der anderen Seite für arrogant und nicht sonderlich beliebt auf der Tour. Außerdem unterstellte er dem US-Amerikaner, auf Kosten anderer Spieler gefördert worden zu sein.

Viel hing wahrscheinlich in der ersten Dekade seiner 21-jährigen Profikarriere von Andre Agassis Image ab – Paradiesvogel und Tennisrebell, der mit seiner Löwenmähne, seinen neonfarbenen Radlerhosen oder Jeansshorts immer wieder provozierte. Und vor allem während der Beziehung mit der Schauspielerin Brooke Shields, die er 1997 heiratete, fiel Andre Agassi vor allem mit Negativschlagzeilen auf. In dieser Zeit konsumierte er auch die Droge Crystal Meth, wie er in seiner Autobiografie beschreibt. Er rutschte 1997 vom achten Platz in der Weltrangliste aus den Top 100, musste sich sogar über die Challenger-Tour wieder Punkte holen, um auf der ATP-Tour starten zu dürfen. Nur ein Jahr später arbeitete sich Andre Agassi aber mit eiserner Disziplin zurück und kletterte wieder auf Platz sechs der Weltrangliste – der größte Satz, der je einem Spieler innerhalb eines Kalenderjahres gelang.

Nicht nur deshalb war er einer der erfolgreichsten Tennisprofis aller Zeiten. Schon zu Beginn seiner Karriere stellte der Sohn von Emmanuel „Mike“ Agassi, einem iranischen Boxer armenisch-assyrischer Herkunft, eine Bestmarke nach der anderen auf. Im Dezember 1988 – nur zwei Jahre nach seinem ersten Sieg auf der Profitour im Februar 1986 – hatte Andre Agassi bereits eine Million US-Dollar Preisgeld kassiert – schneller als jeder andere Spieler. Außerdem hielt der Sunnyboy bis 2005 den Rekord für die meisten Pro-Tour-Siege eines Teenagers in Serie.

1999 komplettierte er dann mit dem Sieg bei den French Open auch seinen Karriere-Grand-Slam. Als einer von lediglich acht Spielern gewann Andre Agassi alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens ein Mal, wobei er dabei der erste Spieler der Tennisgeschichte war, dem dies auf drei verschiedenen Belägen gelang. Den Titel bei seinem Lieblings-Grand-Slam, den Australien Open, sicherte er sich sogar vier Mal. Bei den US Open durfte er zwei Mal die Siegertrophäe in die Höhe stemmen. Und Wimbledon sowie die French Open gewann er jeweils ein Mal. 2001 stellte er einen weiteren Rekord auf: Er beendete das Jahr als Nummer drei der Tenniswelt und war damit der erste Spieler, dem dieses Kunststück in drei Dekaden gelang.

Ruhiger um den Paradiesvogel des Tennissports wurde es nach der Scheidung von Brooke Shields 1999 und mit Beginn der Beziehung zu Steffi Graf, die er 2001 heiratete und mit der er zwei in der Zwischenzeit erwachsene Kinder hat. 2006 beendete Andre Agassi bei den US Open seine Karriere mit einer Niederlage gegen Benjamin Becker – ein Name, der bei ihm immer noch alte Wunden aufriss.

Die Vaihinger Kreiszeitung verlost drei Mal eine Andre-Agassi-Autobiografie „Open – Das Selbstporträt“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen alle drei Fragen korrekt beantwortet werden – entweder im oben abgedruckten Coupon oder online. Die Antworten mit den persönlichen Angaben dann bis Dienstag, 22. Dezember, um 12 Uhr zurücksenden an die Vaihinger Kreiszeitung, Marktplatz 15, 71665 Vaihingen.

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