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Das Champions-League-Halbfinale war mehr als ein Fußballspiel

Eigentlich gibt es Kollegen, die viel mehr Ahnung von Fußball haben als unser Autor. Dafür hat er eine ausgeprägte Ader fürs Drama – und was ihm das Champions-League-Halbfinale da geboten hat, lässt ihn bis jetzt nicht los. Eine etwas andere Spielanalyse.

  • Karim Benzema ist eigentlich Fußballspieler, im Halbfinale der Champions League war er aber auch der Protagonist einer epischen Schlacht zwischen Kämpfern mit Herz und einer nahezu perfekten Maschine aus Manchester.Foto: AFP/GABRIEL BOUYS

    Karim Benzema ist eigentlich Fußballspieler, im Halbfinale der Champions League war er aber auch der Protagonist einer epischen Schlacht zwischen Kämpfern mit Herz und einer nahezu perfekten Maschine aus Manchester.Foto: AFP/GABRIEL BOUYS

Der Autor dieser Zeilen schaut VfB-Spiele ja nur, wenn er muss, und das ist ausschließlich dienstlich an Wochenenden der Fall. Das liegt mitnichten daran, dass er keine Sympathien für den Verein aus Bad Cannstatt hegen würde, sondern ist eher dem Umstand geschuldet, dass er außer der Champions League, Europa- und Weltmeisterschaften kaum Fußball guckt. Und vor allem bei der Champions League ist man eben von einem anderen spielerischen Niveau verwöhnt. Und die Roten, mit Verlaub, bieten ästhetisch betrachtet halt nicht, was einem Real Madrid und Manchester City in den vergangenen zwei Wochen in den Champions-League-Halbfinals boten.

Dabei war es gar nicht die fußballerische Ästhetik, die die Begegnungen der beiden Clubs so bemerkenswert machte. Sondern die Dramaturgie. Die hätte man in keinem Drehbuch besser skripten können. Sportlich betrachtet wurde über die Spiele, aus denen Real Madrid knapp als Sieger hervorging, wahrscheinlich alles gesagt. Aber diese Spiele waren mehr als das, sie waren eine Heldengeschichte und ein Kommentar auf die moderne Welt zugleich.

„Show, don’t tell“ heißt einer der Grundsätze in Writing Rooms für Filmproduktion, sprich: Die Geschichte soll im besten Fall durch die Bilder selbst erzählt und nicht nur dadurch zusammengehalten werden, dass die Figuren berichten, was angeblich passiert sei. Hier hat der Fußball bereits den Vorteil, dass auf dem Platz wenig für die Zuschauer hörbar geredet wird. Das Gezeigte zählt. Mimik, Gestik, dramatische Sekunden – Phasen voller Hoffnung, Kampf, Drama waren hier so verdichtet, wie es seit Jahren nicht in einem Spiel in der Königsklasse der Fall gewesen war.

Manchester City als Antagonist

Doch erst mal zur Ausgangslage, bei der wir ohne ein bisschen romantische Verklärung nicht auskommen: Denn man mag zurecht angewidert sein von den Unsummen, die im Profifußball heute verschoben werden. Und hätte man vor fünf Jahren gesagt, dass Real Madrid mal als der sympathische Underdog auf einem Fußballfeld stehen würde, man wäre für verrückt erklärt worden.

Doch im Champions-League-Halbfinale 2022 war genau das der Fall. Stürmer-Legende Karim Benzema, die Heldenfigur in diesem Epos, der ehemalige Weltfußballer Luca Modric und der drittwertvollste Spieler der Welt, der junge Dribbler Vinicius Junior, sahen sich einer himmelblauen Übermacht gegenüber, gegen die nach allen Naturgesetzen eigentlich nicht anzukommen war: Keine gute Geschichte ohne einen guten Antagonisten – sorry, Manchester City, verzeihen Sie, Herr Guardiola.

Die Ausweglosigkeit, mit heiler Haut herauszukommen, zeigt sich bereits im ersten Akt, der ersten Halbzeit des Hinspiels in Manchester vergangene Wochen. Die „Skyblues“ schockten die Galaktischen, eine Altherrentruppe in ihrem sportlichen Lebensabend, die es noch mal wissen will, mit zwei frühen Treffern. Und so beeindruckend es ist, was Pep Guardiola da für einen disziplinierten Fußball-Kampfverband auf die Beine gestellt hat, bei dem jeder Spielzug auf den Zentimeter sitzt, mit robotischer Präzision und Effizienz – wäre Real Madrid Rocky Balboa, Manchester City wäre Ivan Drago.

Der unbeugsame Benzema

Das Hinspiel entwickelte sich aber zu einem Schlagabtausch, bei dem immer wieder Herz Hirn schlug, und diese Erzählung lieben die Leute schon immer. Am Ende verloren unsere Helden zwar mit 3:4, nicht aber, ohne moralisch als Sieger vom Platz zu gehen; nicht nur, weil auch ein 3:6 in Anbetracht der Chancen keineswegs unrealistisch gewesen wäre, sondern weil unser Protagonist, der unbeugsame Karim Benzema, der offenbar in einem gallischen Dorf zum Widerstandskämpfer ausgebildet worden sein muss, mit einem Elfmeter Fußballgeschichte schrieb.

Denn es ist Wahnsinn, was Actionhelden so machen, aber darum schätzen wir sie so. Wo sich James Bond, verkörpert durch wen auch immer, frontal in den Kampf wirft, obwohl schleichen klar die bessere Option gewesen wäre, entschied sich Karim Benzema vor dem Tor gegen Ederson, den Ball in die Mitte zu chippen, der Statistik nach wahrscheinlich eine der blödesten denkbaren Ideen. Aber der Ball war drin, der Gegner gedemütigt, Karim Benzema in den Annalen seines Vereins spätestens jetzt auf immer unsterblich.

Die Partie allgemein, aber diese Szene besonders, hat zwei grundsätzliche Lebensphilosophien gegenübergestellt: Die gegen den Ball faulen Madrilenen, die auf ihren genialen Funken warten und wenn es drauf ankommt, das Meisterstück auch noch mit so lächerlicher Lässigkeit veredeln. Auf der anderen Seite die ackernden Engländer, die vergleichsweise immer mit den gleichen Spielzügen langweilten, auch wenn es einen Kevin de Bruyne und sein Team ebenfalls zum Erfolg führte.

Benzema- und de Bruyne-Typen in jedem Büro

Aber mit wem sympathisiert der Zuschauer eher: Mit dem Kommissar mit dem Alkoholproblem, der immer zu spät zur Arbeit kommt und den Fall durch einen Geistesblitz löst? Oder seinem eifrigen Konkurrenten, der morgens joggt, kriminologisch in der Theorie und in Sachen Aufklärungsquote glänzt, aber den Oberbösen nie zu fassen kriegt? Eben.

Typen wie Benzema und Kevin de Bruyne sitzen in jedem Büro. Mit de Bruyne arbeitet man vielleicht sogar lieber zusammen, der schafft was weg. Ihre Mittagspause würden die meisten aber wahrscheinlich lieber mit Benzema-Typen verbringen, die eben diese außergewöhnlichen Geschichten zu erzählen haben wie diesen aberwitzigen Elfmeter, der gegen jede Regel gespielt war. Auch Führungsetagen müssen sich so was fragen: Wie viele Benzemas können wir uns leisten, wie viele de Bruynes brauchen wir?

„Das Imperium schlägt zurück“ wird von vielen Star-Wars-Fans als der beste Teil der Sternensaga gesehen. Grund dafür mag auch gewesen sein, dass unsere lichtschwertschwingenden Helden am Ende verloren haben und damit natürlich die Spannung steigt, wie es ihnen gelingt, Darth Vader und dem Imperator die Niederlage heimzuzahlen.

Der Fußballgott muss Regie geführt haben

Im Fußball kann es dafür keine bessere Kulisse geben als das Heimspiel im Bernabéu, wo der Champions-League-Rekordsieger das Märchen, wo Traditionsclubs Investorenvereine das Fürchten lehren, Wirklichkeit werden zu lassen. Und als hätte der Fußballgott beschlossen, dass es zu langweilig wäre, würde Real Madrid jetzt einfach gewinnen, ließ er Citys Mahrez in der 73. Minute ein Tor schießen, nur um einen Moment in das Spektakel zu zaubern, in dem jede Hoffnung für unsere Helden zerstob. Luke Skywalker verliert einen Arm, Han Solo wird in Carbonit eingefroren und dem Gangsterboss Jabba übergeben oder Vinicius Jr. ist am Ende seiner Kräfte und Toni Kroos bereits verbrannt ausgewechselt. Dann das Wunder, Real Madrid dreht die Partie, gleicht aus, geht in Führung, erzwingt die Verlängerung – und trifft wieder!

Und natürlich oblag die Krönung erneut Karim „Skywalker“ Benzema, der wieder vom Elfmeterpunkt antreten durfte, diesmal aber das Schicksal seiner ganzen Fußballergeneration auf dem Fuß hatte. Natürlich wäre ein erneuter Schlenzer aus Drehbuchautorensicht hier ganz klar das Mittel der Wahl gewesen. Das hätte Benzema außerdem einen Signature Move verliehen, der sogar Cristiano Ronaldos Freistoß-Gegockel überstrahlt hätte, aber Benzema überspannte den Bogen nicht und schoss den Elfer konventionell. Real Madrid steht jetzt gegen den FC Liverpool im Finale.

Und so sportlich hochwertig dieses Finale auch werden kann, kann es die Dramaturgie dieses Halbfinals wahrscheinlich nicht toppen, da dafür die Zutaten fehlen. Schließlich ist Jürgen Klopp ein Sympathieträger, Liverpool trotz Milliardeninvestor ein nicht minder spannender Traditionsclub und die Reds wirken auf dem Rasen auch nicht ganz so durchchoreografiert wie der Manchester-City-Drohnenschwarm. Für wen soll man hier überhaupt sein? Das weiß der Autor noch nicht. Anschauen wird er sich das Spiel natürlich trotzdem. Aber wahrscheinlich nicht darüber schreiben – das wird wieder ganz den Profis überlassen.

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