Viel Anerkennung bei Grand-Tour-Debüt

Straßenradprofi Alexander Krieger erreicht bei der vielleicht härtesten, aber auch schönsten Rundfahrt der Welt, dem Giro d’Italia, nach 21 Etappen das Ziel in Mailand. Als Helfer ist er maßgeblich für den Sieg seines Teamkollegen Tim Merlier am zweiten Tag verantwortlich.

Von Michael Nachreiner Erstellt: 4. Juni 2021
Viel Anerkennung bei Grand-Tour-Debüt Von einer Prellung an der Kniescheibe und einem Hämatom in der Oberschenkelmuskulatur hat sich Alexander Krieger nicht seinen Traum nehmen lassen: die Ankunft in Mailand. Foto: Roth

Mailand/Turin/Vaihingen. Von einem Start bei einer der drei großen Radrundfahrten – der Tour de France, dem Giro d’Italia und der Vuelta de España – träumt jeder Straßenradprofi. Für Alexander Krieger ist dieser Traum jetzt in Erfüllung gegangen. Er feierte sein Grand-Tour-Debüt beim Giro d’Italia über 21 Etappen von Turin bis nach Mailand – der vielleicht härtesten, aber auch schönsten Rundfahrt der Welt. Als Sieger der Gesamtwertung der Europe Tour hat sich das Team des Vaihingers, Alpecin-Fenix, das Startrecht bei allen World-Tour-Rennen gesichert, obwohl die belgische Mannschaft lediglich eine Pro-Continental-Lizenz hat, also zweitklassig eingestuft ist. „Dass wir die Tour de France fahren, war von Anfang an sicher. Ich habe auch noch nie gehört, dass ein Team die Tour absagt hat. Lange war aber nicht sicher, ob wir den Giro oder die Vuelta oder beides fahren. Am Ende hat man sich für alle drei Grand Tours entschieden“, berichtet Krieger.

Alexander Krieger ist großer Italien-Fan

Und der Vaihinger ist froh, dass er den Giro d’Italia fahren durfte. „Jeder, darauf angesprochen, bei welcher Grand Tour er einmal starten möchte, wird sagen, er will die Tour fahren. Aber wenn man die Tour gefahren ist, sagt man auch, ich will auch den Giro fahren. Und Italien ist einfach megaschön. Außerdem gilt der Giro als die härteste Grand Tour – auch aufgrund des Wetters. Das hat sich auch bei uns bewahrheitet. Wir sind beispielsweise im Schneeregen gefahren. Darüber hinaus bin ich Italien-Fan. Deshalb wollte ich innerlich lieber den Giro als die Tour fahren“, erzählt der 29-Jährige.

Alpecin-Fenix und Krieger haben in den drei Wochen in Italien viel Anerkennung und Lob erhalten. „Auf so großer Bühne bin ich bisher noch nicht gefahren. Ich habe mir aber schon ein bisschen einen Namen gemacht. Das zählt für mich sogar mehr als mein bestes Etappenergebnis“, berichtet der Vaihinger. Am 13. Tag nach 198 Kilometern von Ravenna nach Verona wurde Krieger Elfter. „Das war aber nicht meine Ankunft – das Finale war nicht für mich gemacht“, rekapituliert der 29-jährige Vaihinger. „Dennoch war es okay. Und es war schön, dass ich ein Mal die Chance hatte, auf eigenes Ergebnis zu fahren.“

Viel mehr als die eigene Leistung – gemessen an Platzierungen – steht für Krieger das gute Teamergebnis im Fokus. Tim Merlier gewann die zweite Etappe von Stupinigi nach Novara. Fünf Tage später wurde der Belgier in Diensten des Teams Alpecin-Fenix nach 181 Kilometern von Notaresco nach Termoli noch einmal Dritter, bevor er am Ruhetag nach der zehnten Etappe ausstieg. „Noch am Tag vorher haben wir alles auf ihn gesetzt, haben am Berg noch auf ihn gewartet. Wir hatten gedacht, wir bringen ihn wieder zurück. Aber er ist dann doch langsamer hochgefahren, als wir und er selbst gedacht haben. Dazu war sein Magen etwas verstimmt. Deshalb die Entscheidung, nicht zu viel zu riskieren. Es bringt ja auch nichts, wenn er sich in den Keller fährt und die nächsten Monate nichts mehr machen kann“, erzählt Krieger. Darüber hinaus wurde Oscar Riesebeek auf der 15. Etappe von Grado nach Gorizia Zweiter. Außerdem sind Louis Vervaeke sowie Dries de Bondt jeweils zwei Mal in die Top sechs gefahren und Gianni Vermeersch wurde ein Mal Sechster. „Die leichten Übergangsetappen waren unsere Stärken. Das heißt, unser Team war aussichtsreicher unterwegs, wenn es zum Sprint kam oder wenn es leicht hügelig war“, erklärt Krieger.

Vor allem der Etappensieg von Tim Merlier ließ aufhorchen. „Das war der krasseste Tag in meiner Karriere“, sagt Krieger. Und der Vaihinger hatte einen maßgeblichen Anteil daran. „Ich war letzter Mann vor ihm. Meine Aufgabe war, Tim so gut und so kraftsparend wie möglich in die bestmögliche Position zu bringen, damit er den Sprint beginnen konnte. Im Idealfall musste er sich keine Gedanken machen. Er musste sich nur darauf konzentrieren, mir hinterherzufahren, also mir zu vertrauen. Das hat auf der Etappe gut geklappt“, erzählt der Vaihinger, fügt aber gleich hinzu: „An dem Tag waren aber schon die letzten 30 Kilometer sehr hektisch. Jedes Team wollte seine Sprinter in die beste Position bringen. Und auch die Mannschaften, die auf die Gesamtwertung fuhren, wollten ihre Kapitäne vorne dabei haben, damit es zum Beispiel bei einem Sturz mehr als drei Kilometer vor dem Ziel kein Chaos im Gesamtklassement gibt, weil es für die Gestürzten dann nicht die gleiche Zeit wie die des Siegers gibt. Jeder wollte also aus der Gefahrenzone sein. Und die Straße ist nur begrenzt breit. Da hat jeder in unserem Team seine Aufgabe gut gemacht. Wir hatten aber auch etwas Glück. Auf dem Niveau muss alles zusammenlaufen. Und das tat es an diesem Tag.“

Doch auch für sich persönlich zog Krieger ein positives Fazit. „Alles in allem war es eine sehr gute Erfahrung. Wir hatten aber auch eine gute Truppe, haben uns ein gewisses Standing erarbeitet und hatten richtig Spaß“, erzählt der 29-Jährige. Die Anstrengung, eine Rundfahrt mit 21 Etappen und durch die frühere Anreise vier Wochen mit komplett durchgetakteten Tagen, war etwas, was Krieger jedoch nicht einschätzen konnte, ob er sie durchstehen würde. „Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Deshalb hatte ich schon hin und wieder Zweifel, ob ich in Mailand ankomme“, berichtet er. Zumal seine Vorbereitung suboptimal verlaufen ist.

Zwar war der Sturz bei seinem Saisoneinstand in der Türkei auf den ersten Blick glimpflich verlaufen. Krieger hatte sich keine Knochen gebrochen. „Es wäre einfacher gewesen, wenn ich mir das Schlüsselbein gebrochen und nichts anderes gehabt hätte. Dann hätte ich eine Platte reinbekommen und wäre fünf Tage nach der OP wieder auf der Rolle gesessen“, erklärt er. „Doch mit der Prellung an der Kniescheibe und einem Hämatom im linken Oberschenkelmuskel hatte ich lange Maleur und habe schlecht trainiert. Ich kam letztlich von den Fahrern, die die Tour beendet haben, mit den wenigsten Rennkilometern im Jahr 2021 zum Start des Giro – nur mit 600 Kilometern. Andere Fahrer hatten in dieser Saison bereits 5000 Kilometer absolviert.“

Straßenradprofi aus Vaihingen geht beim Giro d’Italia an sein Limit

Ans Absteigen hat Krieger aber nur ein Mal gedacht – „mehr aus Selbstschutz: Mir war so kalt, dass ich fast nicht mehr den Lenker halten konnte“, berichtet der 29-Jährige. Zum Glück – nicht nur für den Vaihinger – war die Königsetappe am 16. Tag verkürzt worden. Der Passo Fedaia sowie der mit dem 2239 Meter hohen Passo Pordoi höchste Punkt der diesjährigen Rundfahrt waren aufgrund schlechten Wetters kurzfristig gestrichen worden. Dennoch ging es noch auf den Passo Glau mit 2225 Metern.

„Dadurch dass die Etappe verkürzt worden war, wurde sie am Anfang richtig schnell gefahren. Ich bin an dem Tag meinen 30-Minuten-, meinen 60-Minuten und meinen 90-Minuten-Bestwert 2021 in den ersten anderthalb Stunden der Etappe gefahren. Das macht man eigentlich nicht. Dann kam noch die Höhe – für mich wurde ohne Höhenanpassung die Luft dünn – und das Wetter – es hatte ein, zwei Grad Celsius, und wir sind durch Schneeregen gefahren – dazu“, berichtet Krieger. „Irgendwann gewöhnt man sich allerdings an alles. Es ist schon erstaunlich, wie der Körper mit dieser Anstrengung klarkommt.“

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