Sport schwächt das Immunsystem kurzzeitig

Mit einer Erkältung ist im Training nicht zu spaßen – Leichte Erkrankungen sind aber unproblematisch

Von Michael Nachreiner Erstellt: 27. Oktober 2018
Sport schwächt  das Immunsystem kurzzeitig „An einer Türklinke findet man mehr Keime als auf einer Klobrille“, sagt Dr. Christoph Lukas. Statt in die Hand, sollte man in die Ellbogenbeuge niesen und husten. Foto: ddp

Die Tage werden kürzer, das Wetter schlechter. Damit steigt das Risiko, sich einen Infekt einzufangen. Dennoch wird weiter Sport getrieben – entweder an der frischen Luft oder in stickigen Turnhallen. Was man tun kann, um sich zu schützen, und was man machen sollte, wenn es einen erwischt hat, erklärt der Sportmediziner Dr. Christoph Lukas vom Reha-Zentrum Hess.

Vaihingen/Bietigheim-Bissingen. Die Grippesaison ist des Sportlers ärgster Feind. „Sportler sind prädestiniert, sich einen Infekt einzufangen. Beim Training oder beim Wettkampf verausgaben sie sich. Dadurch ist das Immunsystem kurzzeitig geschwächt“, erklärt Dr. Christoph Lukas. „Vor allem, wenn die Sportler dann noch verschwitzt in der Kälte rumstehen – zum Beispiel nach einem Fußballspiel oder einer Konditionseinheit im Wald – und sich nicht gleich warm anziehen, kann es kritisch werden.“ Doch auch der Kontakt zu anderen Personen ist in dieser Zeitspanne problematisch. „Für mich als Mannschaftsarzt der Handballer der SG BBM Bietigheim und der Basketballer der Crailsheim Merlins ist schon die Ehrenrunde nach einem Spiel mit Abklatschen der Fans der Horror. Da schauen wir, dass wir in der Umkleidekabine Desinfektionsmittel bereitstehen haben, damit nicht alle Viren mitgeschleppt werden“, fügt der Orthopäde und Sportmediziner vom Reha-Zentrum Hess hinzu. Die „Expositionsprophylaxe“, wie es Lukas nennt, gilt aber auch für Hobbysportler: „Das Händeschütteln oder Umarmen von Freunden sollte man in der Grippesaison einschränken.“

Die gute Nachricht ist aber: Nicht jeder, der sich etwas eingefangen hat, muss sofort das Bett hüten. „Mit leichtem Husten oder Schnupfen kann man durchaus weitertrainieren“, erklärt Lukas. „Gefährlich wird es, wenn Fieber dabei ist oder wenn man eine schwere Erkältung hat. Wenn sich die Symptome also nicht nur auf Hals- und Rachenraum beschränken, sondern man sich platt fühlt sowie Kopf- und Gliederschmerzen hat.“ Spätestens dann sollte man unbedingt mal eine Pause vom Trainings- und Wettkampfbetrieb einlegen. Wenn nicht, „kann es auf das Herz gehen“, erklärt der Sportmediziner weiter. „Es kann zu einer Herzmuskelentzündung kommen, oder die Herzklappen können angegriffen werden. Denn dort können sich Keime festsetzen, wenn sie über den Blutkreislauf dorthin transportiert wurden. Im schlimmsten Fall kann man dann sogar sterben.“

Das komme aber höchst selten vor. Lukas ist zumindest kein Fall bekannt. „Dass Leute aber mit einem Infekt trainieren, kommt häufig vor. Dass das Herz geschädigt wurde, merkt man aber erst Jahre später. So etwas passiert nicht von null auf hundert“, berichtet der Sportmediziner. Meist sei es dann die Summe von mehreren Infekten. „In der Regel kann die Herzschädigung nicht mehr nur einer Erkrankung zugewiesen werden“, fügt der 44-Jährige hinzu.

Hat es einen erwischt, ist Ruhe angesagt. „Man sollte nicht den Stress weiterleben“, berichtet der Sportmediziner. „Wärme und Entspannung sind immer gut. Außerdem sollte man vitaminreiche Nahrung zu sich nehmen. Und Zink kann zur Unterstützung helfen. Es soll Studien zufolge das Immunsystem kräftigen.“ Von weiterer Medikation hält Lukas nicht viel – mit einer Einschränkung. „Ob Vitamin C etwas bringt, ist nicht gesichert. Und ob die Zubereitungen aus dem Kraut und der Wurzel des Sonnenhuts, also Echinacea, oder der homöopathische Saft Meditonsin prophylaktisch oder bei der Behandlung helfen, ist auch nicht belegt“, erklärt der 44-Jährige. Dafür spricht sich der Orthopäde für Nasenspülungen aus, „um die Schleimhäute freizubekommen“, berichtet er. Auch ätherische Öle in Badezusätzen hätten zum Teil diese Wirkung. „Das hat nachweislich sowohl in der Prophylaxe als auch in der Behandlung einen Effekt gehabt“, ergänzt er.

Grippe-Impfungen hält der Sportmediziner für Athleten dagegen für Unfug. „Ich bin kein Freund davon. Sportler sind meist junge, gesunde Menschen. Die brauchen so etwas nicht“, erklärt der 44-Jährige. „Sinnvoll ist eine Impfung bei Menschen, die entweder besonders exponiert sind, also ein höheres Ansteckungspotenzial haben wie beispielsweise Ärzte, Arthelfer und Pflegekräfte, bei älteren Menschen oder bei immunsuppressiven Patienten, also HIV-infizierten Personen oder Menschen, die an Krebs erkrankt sind.“ Sollte man sich aber dennoch für eine Impfung entschließen, empfiehlt Lukas, sich die Spritze nicht in der Wettkampfphase setzen zu lassen. „Eine Grippe-Impfung kann erst einmal Grippesymptome hervorrufen.

 

ZUR PERSON

Dr. Christoph Lukas, ein sportverrückter Mediziner

Dr. Christoph Lukas ist seit Sommer 2013 Leitender Arzt für Orthopädie im Reha-Zentrum Hess in Bietigheim-Bissingen. Der Sportmediziner, der an der Universität Tübingen studiert hat, ist darüber hinaus seit vielen Jahren ehrenamtlich engagiert. Seit mehr als acht Jahren betreut er die Bundesliga-Handballer der SG BBM Bietigheim, vor vier Jahren kam noch ein Engagement als Mannschaftsarzt der Bundesliga-Basketballer der Crailsheim Merlins dazu. Außerdem ist der 44-Jährige Vorsitzender des Vereins Basket-Docs – deutsche Basketballärzte sowie stellvertretender Vorsitzendes Vereins Handballärzte Deutschland. Darin sind jeweils die Mannschaftsärzte der Basketball- und Handball-Bundesligisten organisiert. „Jeder hat mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Deshalb ist der Austausch gut“, berichtet Lukas. „Außerdem kenne ich über die Vereine die jeweiligen Teamärzte der anderen Mannschaften. Wenn sich nun ein Spieler bei einem Auswärtsspiel verletzt hat, zu dem ich nicht mitgefahren bin, kann ich einfach den Kollegen der jeweiligen Heimmannschaft kontaktieren, der ihn dann wahrscheinlich in der Halle behandelt hat.“ (nac)

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