Sechs Mal sechs Minuten kratzen

Klaus Collmer und die Volunteers am Seilbahn-Sprung entschärfen die Schanze während des Abfahrtsrennens um bis zu 15 Zentimeter

Von Michael Nachreiner Erstellt: 9. Februar 2019
Sechs Mal sechs Minuten kratzen Ronald Adelberger, Abschnittsleiter am Seilbahn-Sprung, nimmt einmal Maß (rechts unten), bevor er überwacht, wie die kleine Schanze gekürzt und abgetragen wird (links). Zum Verdichten des Schnees bewässter Klaus Coller den Eishang genannten Abschnitt der Kandahar (rechts oben). Nach dem Rennen tauscht er sich mit der Abfahrtsdritten Kira Weidle aus (unten Mitte). Fotos: privat

Der Job als Volunteer bei einem Ski-Weltcup ist anstrengend. Das wusste Klaus Collmer aus der Vergangenheit. Doch so sehr geschufftet als Pistenhelfer wie in diesem Jahr hat der Horrheimer noch nicht.

Garmisch-Partenkirchen/Horrheim. Etwas ganz Besonderes wollten die Organisatoren des alpinen Ski-Weltcups in Garmisch-Partenkirchen den Frauen in diesem Jahr beim Abfahrtsrennen auf der Kandahar bieten. Eine Geländekante, der sogenannte Seilbahn-Sprung, zwischen dem Eishang und der Anfahrt zur Hölle wurde zu einem Sprung ausgebaut. „Was man so mitbekommen hat, hat es vorher Gespräche zwischen dem Weltverband FIS, dem Veranstalter und den Läuferinnen gegeben. Da kam wohl der Wunsch auf, dass man einen Sprung in den Lauf an der Stelle der Geländekante einbauen solle“, berichtet Klaus Collmer. Bei einer Geländekante gebe es mehr Gelände-Unebenheiten. „Da besteht die Gefahr, dass es die Beine der Läufer im Flug verhaut. Das sieht man oftmals auch im Fernsehen. Ein Fuß ist höher als das andere. Das erhöht das Risiko eines Sturzes“, weiß der Horrheimer.

Doch die Verantwortlichen für die Streckenführung meinten es zu gut mit den Skirennläuferinnen. Auf acht Meter Breite schütteten sie einen rund 50 Zentimeter hohen Sprung auf. „Als es nur die Geländekante gab, sind die Frauen vielleicht 20 bis 25 Meter weit geflogen. Jetzt mit dem aufgebauten Sprung war es im Training ein Flug von 40 bis 50 Meter. Das war einfach zu weit, auch wenn die Läuferinnen den Sprung schon etwas vorsichtiger angefahren sind. Und direkt danach mussten sie ein Tor erwischen“, erzählt Collmer. „Außerdem gilt: Je weiter der Sprung ist, desto anspruchsvoller ist er.“

Noch bevor das erste offizielle Training angesetzt war, fiel die Entscheidung, ihn zu kürzen und abzutragen. „Ein Nachwuchsfahrer des SC Garmisch hatte die Aufgabe, die Strecke zu testen. Schon er ist extrem weit geflogen. Und er ist ja nicht volle Pulle runtergefahren“, erinnert sich Collmer. Also rückten die Pistenhelfer dem Bauwerk mit Motorsägen, Kratzern und Schaufeln zu Leibe. Als dann zum ersten Mal die Weltcup-Starterinnen zum Training auf der Piste waren, flogen sie aber immer noch sehr weit. Wieder wurde Hand angelegt an den Sprung. „Wir haben ihn weiter abgetragen – dieses Mal sogar mit einer Pistenraupe“, berichtet der Horrheimer.

Vor dem Rennen war er nur noch 38 Zentimeter hoch. „Und da war schon einiges wieder weg“, erinnert sich Collmer. Doch schon nach den ersten drei Läuferinnen – der Italienerin Nicol Delago sowie den beiden Schweizerinnen Joana Haehlen und Corinne Suter – kam die Anweisung: Der Sprung muss noch weiter entschärft werden. „Dann hat man sechs Minuten Zeit, bis die nächste Starterin auf die Piste gelassen wird. Zu sechst haben wir uns drangemacht, die Höhe zu verringern – mit Kratzern und Schaufeln“, berichtet Collmer. „Das war sehr anstrengend. Pro Kratzen hat man vielleicht zwei bis drei Millimeter weggehobelt. Und dann musste man darauf achten, dass man nicht eine neue Kante reinmacht, sondern dass der Sprung weiterhin flach bleibt.“

Und es sollte nicht der einzige Einsatz während des Rennens für Collmer und seine Kollegen in diesem Abschnitt bleiben. Insgesamt sechs Mal hieß es: Der Sprung muss entschärft werden. „Danach waren wir durch. Jedes Mal mussten wir sechs Minuten lang volles Rohr kratzen“, erzählt der Horrheimer. „Am Ende hatten wir schätzungsweise zehn bis 15 Zentimeter vom Sprung während des Rennens runtergekratzt.“

Wie viel Respekt auch die Starterinnen vor dem Sprung hatten, erfuhr Collmer erst hinterher. „An uns wurde herangetragen, dass die Mädels richtig gebibbert haben“, berichtet der Horrheimer. „Zumal die Läuferinnen ja mitbekommen, weshalb es immer wieder einen Startstopp, also eine kleine Unterbrechung, gab.“

Entlohnt wurden Collmer und seine Volunteer-Kollegen am Nachmittag. „Wir haben eine kleine Abschlussfeier veranstaltet. Von dem haben wir ein Bild auf Facebook gepostet – mit einem Glückwunsch an Kira Weidle, die Dritte beim Abfahrtsrennen geworden war“, berichtet der Horrheimer. Eine halbe Stunde später stand die Starnbergerin im Lager der Volunteers. „Das war unheimlich toll. Sie kam ja aus freien Stücken“, berichtet Collmer. „Und sie war unheimlich relaxed, ganz natürlich.“ Rund eine Stunde ließ sich Weidle Zeit. Mal dort ein Pläuschen, mal hier ein paar Worte. Dazu viele Autogramm- und Fotowünsche. „Als ich sie nach einem Erinnungsbild gefragt habe, habe ich gleich gesagt, dass ich am Seilbahn-Sprung eingeteilt gewesen war. Sie hat nur mit der Gegenfrage geantwortet: ,Aufgebaut oder abgetragen?‘“, erzählt Collmer.

Doch nicht nur wegen des Entschärfens des Seilbahn-Sprungs war es ein anstrengender Einsatz. Auch der viele Neuschnee forderte seinen Tribut. Bei den nach den Frauenrennen stattfindenden Wettbewerben der Männer, die dann allerdings aufgrund der nicht zu bewältigenden Schneemassen abesagt wurde, waren die Pistenhelfer schon gegen 5 Uhr am Hang beim Arbeiten. „In solchen Situationen macht man eigentlich die Piste noch einmal für Hobby-Skiläufer auf. Die Masse an Menschen fährt den Schnee dann ab und festigt ihn schon einmal“, berichtet Collmer. „Aber bei den Herren waren 30 Zentimeter Neuschnee angekündigt. Das schafft man nicht mehr.“

Selbst mit Verdichten und Bewässern nicht. „Die Pisten werden grundsätzlich bewässert, damit die obersten 20 bis 30 Zentimeter durchfrieren. Das ist wichtig, sonst besteht die Gefahr, dass sie an Stellen brechen, an denen mehr Druck draufkommt. Und wir müssen uns nicht darüber unterhalten, was passiert, wenn Läufer bei Geschwindigkeiten von 120 bis 130 Kilometer pro Stunde plötzlich in einem Loch stehen“, erklärt der Horrheimer. Doch dieses Jahr war es noch einmal etwas Besonders, wie viel bewässert wurde. „Wir haben stundenlang das Wasser laufen lassen“, erzählt Collmer. „Als Beispiel: In Garmisch gibt es das mit 92 Prozent Gefälle steilste Teilstück einer Strecke, den sogenannten Freien Fall kurz vor dem Zielbereich. In den sind innerhalb eines Tages 1,2 Millionen Liter Wasser reingeflossen.“

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