Rassismus ist alltäglich

Auch afrodeutsche Athleten und Sportfunktionäre aus der Region erleben Pöbeleien, dumme Sprüche und verletzende Aussagen

Von Michael Nachreiner und Ralph Küppers Erstellt: 23. Juli 2020
Rassismus ist alltäglich Die Profis Robin Quaison (von links), Jeremiah St. Juste, Ridle Baku und Moussa Niakhate vom Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 jubeln nach einem Torerfolg mit der nach oben gereckten rechten Faust als Zeichen gegen Rassismus. Foto: ddp

Vaihingen. Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten in Minneapolis Ende Mai hat eine weltweite Protestwelle gegen Rassismus ausgelöst, mit der sich zahlreiche Profisportler solidarisieren. Doch wie stehen schwarze und afrodeutsche Sportler aus der Region Vaihingen dazu und welche Erfahrungen haben sie gemacht? Wir haben uns umgehört.

John-Henry Tate: Der ehemalige Spitzensprinter, 2005 jeweils Deutscher B-Jugend-Meister über 100 und 200 Meter, hat „dadurch, dass ich eine gewisse Pigmentierung habe, bereits als Kind erste Erfahrungen mit Rassismus gemacht“, erklärt der 32-Jährige. „Im Kindergarten ging es los, dass mal das N-Wort, also Neger, gefallen ist.“ Dennoch sagt der Sohn eines dunkelhäutigen US-Amerikaners und einer weißen Deutschen, dass er eigentlich Glück gehabt hat. „Auch in der Jugend gab es immer mal wieder Frotzeleien. Und auf Festen wurde ich auch mal dumm angemacht“, berichtet der Wirtschaftsingenieur mit der Spezialisierung auf Infrastrukturmanagement. „Aber dadurch, dass ich hier in Ensingen aufgewachsen bin und hier meine Kumpels habe, war ich immer gut integriert. Und auch durch den Sport hatte ich super Anknüpfungspunkte, um in eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden.“

Und in der Leichtathletik kam ihm seine Herkunft sogar etwas zugute. „Du bist schwarz, da kannst du doch bestimmt auch schnell wie alle Dunkelhäutigen sprinten“, war da das Credo. Doch auch sonst wurde er nicht mit Rassismus konfrontiert. „Die meisten Menschen, die Leichtathletik machen, kommen eher aus dem gehobenen Bildungsstand. Und das Verhalten von Menschen – also auch Rassismus – ist oft abhängig vom Bildungsstand“, berichtet Tate. „Daher habe ich mir auch angewöhnt, zuerst zu überlegen, in welchem Kontext oder in welcher Situation solche Kommentare fallen. Oft kann sich auf den ersten Blick etwas rassistisch anhören, das auf den zweiten Blick oder beim Sich-in-den-Gegenüber-hineinversetzen in einem ganz anderen Licht erscheint.“

Das musste er beim Einstieg ins Berufsleben erfahren. Nach seinem Bachelor-Abschluss arbeitete der Wahl-Stuttgarter als Ingenieur auf dem Bau. „Da kamen so dumme Sprüche wie: Dich sieht man hier im Tunnelbau ja nur, wenn du lachst. Und das waren zum Teil noch die harmloseren Kommentare“, erinnert sich Tate. Irgendwann haben ihm die „rauen Umgangsformen auf dem Bau“ (Tate) gereicht. Er ging wieder zurück an die Universität und sattelte noch einen Master oben drauf. „Ich wollte mich mit Leuten umgeben, die mir positiv begegnen“, sagt er in der Rückschau.

Als Fazit zieht der 32-Jährige aber: „Ich finde nach wie vor, dass die Universalsprache Sport die Menschen – egal, welcher Hautfarbe – durchaus zusammenführt und hierdurch aktiv etwas gegen rassistische Tendenzen unternommen werden kann.“

Abdullab Trawally: Seit der 24 Jahre alte Fußballer des A-Ligisten SV Riet vor fast fünf Jahren aus seiner Heimat Gambia über Italien nach Deutschland geflüchtet ist, ist Abdullab Trawally immer wieder Ziel rassistischer Attacken. „Die gegnerischen Spieler sind oft nicht nett. Da kommen hin und wieder dumme Sprüche“, berichtet der Maurer. Dabei gehe es ihm nur um den Sport. „Ich habe schon immer Fußball gespielt. Früher in Afrika habe ich mir auch einfach einen Ball geschnappt und habe auf der Straße gekickt“, berichtet Trawally. „Und wenn man spielt, dann will man eben auch immer gewinnen. Das ist Fußball, da geht man vielleicht auch mal etwas robuster in einen Zweikampf.“ Er versteht dann allerdings auch den Frust auf der anderen Seite. „Wenn jemand verloren hat, dann hat er keine gute Laune. Dann ist das wie bei Kindern: Die wissen auch nicht immer, was sie sagen“, erklärt er.

Doch nicht nur auf den Fußballplätzen der Region kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Auch im privaten Umfeld wird Trawally ein Stereotyp übergestülpt. „Dadurch, dass ich dunkler Hautfarbe bin und Dreadlocks habe, werde ich regelmäßig von der Polizei überprüft, wenn ich in Ludwigsburg oder Stuttgart unterwegs bin“, erzählt der Gambier. Dabei sollte es sogenanntes Racial Profiling bei der Polizei eigentlich gar nicht geben.

Trawally lässt allerdings alle rassistischen Attacken an sich abprallen. „Die Kommentare gehen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus“, berichtet der 24-Jährige. „Man muss locker bleiben. Wenn man weitermacht und irgendetwas entgegnet, eskaliert die Situation meistens nur. Denn man muss vor jedem Menschen Respekt haben – egal welcher Hautfarbe.“

Ein Glücksfall war für ihn, als er nach der Sammelaufnahmestelle in Mannheim und dem Wohnheim in Bietigheim-Bissingen in Riet eine eigene Wohnung gefunden hat. „Meine Vermieterin hat mich gleich gefragt, ob ich Fußball spiele. Als ich das bejaht habe, hat sie mich am Arm gepackt und mich auf den Sportplatz zum Training des SV Riet geführt“, erinnert sich Trawally. „Die Jungs hier sind sehr nett und haben mich super aufgenommen.“

James Knox: Für den begeisterten Basketballtrainer James Knox ist Rassismus seit Jahrzehnten geläufig, wenn auch längst nicht mehr so ausgeprägt wie in seiner Kindheit. „In Chicago habe ich in der Schule und auf der Straße viel mehr Diskriminierung erlebt als jetzt“, sagt er. „Hier in Europa ist es nicht so schlimm.“ Doch gerade bei Polizeikontrollen kann er bestätigen, dass er wesentlich öfter angehalten wird als seine Begleiter. „Es war aber auch in den USA schon so, dass ich mit mehreren Leuten unterwegs war, die durchgewunken wurden. Ich wurde als einziger kontrolliert, obwohl ich dort geboren bin“, berichtet er. Und wenn es um die Vergabe beispielsweise von Arbeitsplätzen geht, gelte immer noch, dass ein Schwarzer besser sein müsse als ein Weißer, wenn er bei der Bewerbung nicht leer ausgehen soll.

Beim Kampf gegen diese unfaire Behandlung zurückhaltend vorzugehen, ist eine Kunst, die auch Knox erst lernen musste. „Ich habe als junger Mensch nicht verstehen können, wenn Martin Luther King und Mahatma Gandhi dazu aufgerufen haben, sich diese Ungerechtigkeit gefallen zu lassen, ohne sich direkt dagegen zu wehren“, erinnert er sich. „Wenn du jung bist, dann willst du kämpfen, so wie wir damals mit der Straßengang. Erst später habe ich verstanden, dass dieses Kämpfen ein Zeichen von Schwäche ist. Man muss viel stärker sein, um es einfach auszuhalten.“ Und damit, ist Knox mittlerweile überzeugt, erreiche man auf Dauer mehr. „Es sind nicht alle Leute dumm. Die meisten von ihnen sind es nicht“, sagt er. Das gelte für die schweigende Mehrheit. Und das gelte insbesondere für Kinder. „Niemand kommt als Rassist auf die Welt“, sagt Knox. „Das Gift kommt von den Eltern und von anderen, aber die Kinder selbst sind nicht rassistisch und nicht voller Hass. Das sieht man auch im Kindergarten – da ist die Welt noch in Ordnung.“

Dem Basketballtrainer Knox, der aktuell die U 12 und die U 16 der BSG Vaihingen/Sachsenheim betreut, ist dieser Ansatz auch in seiner Jugendarbeit wichtig. „Aggressivität gibt es im Basketball sowieso weniger als in manchen anderen Sportarten“, sagt er. „In meinen Einheiten braucht man aber mit dummen Sprüchen oder Hass gar nicht zu kommen.“ Und auch er selbst wollte ein Zeichen setzen, war im Juni bei einer Anti-Rassismus-Demonstration in Stuttgart. „Jedes Mal da hinzugehen, dafür fehlt mir aber die Zeit“, sagt er.

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