Ohne Teamtraining wird Seidel kreativ

Torwart des SV Illingen II findet verschiedene Möglichkeiten, sich fit zu halten, und hat endlich Zeit, seinen Blog zu pflegen

Von Michael Nachreiner Erstellt: 27. März 2020
Ohne Teamtraining wird Seidel kreativ Die Not macht erfinderisch: Dustin Seidel, Torwart des Fußball-B-Ligisten SV Illingen II, funktioniert das Parkhaus am Mühlkanal zu seinem persönlichen Fitnessstudio um. Foto: Leitner

Dustin Seidel ist ein Bewegungs- und Fußballjunkie. Eigentlich trainiert er zwei Mal in der Woche beim Fußball-B-Ligisten SV Illingen II und hält sich darüber hinaus noch mit Einheiten im Fitnessstudio fit. Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens machen den 24-Jährigen nun kreativ. Außerdem findet der Vaihinger mal wieder Zeit, einem ganz anderem Hobby zu frönen.

Illingen/Vaihingen. Wer Sport in einem Verein ausübt – egal, ob Fußballer, Handballer, Basketballer, Hockeyspieler oder in einer anderen Sportart –, wird aktuell auf eine harte Probe gestellt. So geht es auch Dustin Seidel. Der Torwart des Fußball-B-Ligisten SV Illingen II vermisst das regelmäßige Training und den Zusammenhalt in der Mannschaft. „Wir haben aktuell keine Möglichkeiten, uns selbst fußballerisch zu betätigen. Direkt als der Spielbetrieb eingestellt wurde, wurde auch das Training bei uns abgesagt. Unser Cheftrainer Tobias Häfner war sehr sensibilisiert für die Sache. Er hat schon im Februar darauf hingewiesen, dass man aufs Händeschütteln beim Begrüßen verzichten sollte“, berichtet Dustin Seidel. „Und in der Wohnung den Ball ein bisschen hin- und herspielen, wird nach fünf Minuten langweilig.“

Deshalb versucht der 24-Jährige, der als Disponent im Lieferantenmanagement bei einem Autozulieferer in Mühlacker arbeitet, seinen Bewegungsdrang individuell zu befriedigen und sich alleine fit zu halten. „Ich habe in den letzten zwei Wochen versucht, eine Routine reinzubekommen“, berichtet Dustin Seidel. „Natürlich gehe ich auch so eine bis anderthalb Stunden joggen. Aber das ist nicht mein Lieblingssport. In der letzten Woche habe ich es aber fast genossen. Wenn man so ganz alleine die ganzen Dörfer abklappert, hat das auch seinen Charme.“ Um die Grundlagenausdauer darüber hinaus wenigstens zu konservieren, fährt er mit dem Fahrrad zur Arbeit nach Mühlacker, wenn das Wetter mitspielt.

Doch das reicht Dustin Seidel nicht. Fast alles kann von dem 24-Jährigen zum Sportstudio umfunktioniert werden – wie zum Beispiel auch ein Parkhaus. „Mit TRX-Bändern oder Expandern mache ich regelmäßig Übungen für die Kraft“, berichtet er. Außerdem nutzt er den Hobbyraum bei seinem Vater Marko Seidel, der aktiver Thai-Boxer ist, schon bei baden-württembergischen Meisterschaften auf dem Treppchen stand und auch eine Trainerlizenz hat. In seinem Hobbyraum hängen gleich mehrere Sandsäcke. „Boxtraining ist sehr vielschichtig. Es geht um Technik, Koordination und Athletik“, erklärt Dustin Seidel. Überhaupt haben es ihm die Mixed Martia -Arts angetan. „Ich schaue mir überhaupt gerne Sachen bei Kämpfern der Ultimate Fighting Championship (UFC) ab. Das ist relativ einfaches Training, aber sehr effektiv und vielseitig“, erzählt der 24-Jährige.

Das Training jetzt unter den Beschränkungen durch die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wegen der Corona-Pandemie deckten dabei fast mehr ab als die Vereins- und Fitnessstudio-Einheiten vorher. „Das Training jetzt ist vielseitiger. Der Körper muss sich erst mal dran gewöhnen. Das Torwarttraining im Verein ist nicht unbedingt so anstrengend“, erklärt Dustin Seidel. „Gegen den Ball im Verein zu kicken ersetzt es allerdings nicht.“ Es fehlt die Gemeinschaft mit den Mannschaftskameraden. „So ein individuelles Training kann die Gemeinschaft – und auch das manchmal blöde Gelabere der Teamkameraden – nicht auffangen“, sagt der Vaihinger.

Schlimmer als die Zeit zu Hause ohne soziale Kontakte verbringen zu müssen, „ist der Gedanke, dass das noch Monate so gehen könnte“, erklärt Dustin Seidel. „Man vermisst schon, dass man samstags zusammensitzt, das ,Sportstudio‘ im Fernsehen anschaut und über Fußball philosophiert.“ Doch der 24-Jährige muss noch auf mehr verzichten. „Wenn ich nicht selbst spiele oder als Coach der C-Junioren im Einsatz bin, bin ich das komplette Wochenende auf Fußballplätzen oder -stadien in ganz Europa unterwegs“, berichtet Dustin Seidel. Er schränkt aber gleich darauf ein: „Ganz so exzessiv betreibe ich das sogenannte Groundhopping auch nicht. Ich stehe lieber selbst auf dem Platz. Deshalb kommt es nicht so häufig vor, dass ich mir ein Wochenende freinehme. Meistens reise ich nur rum, wenn ich selbst nicht im Einsatz, also wenn der SV Illingen II spielfrei hat.“

Wenn Dustin Seidel dann aber unterwegs ist, wird es mitunter auch abenteuerlich. Ein Mal war er mit seinem Mannschafts- und C-Jugend-Trainerkollegen Michael Corrado an einem Tag zuerst bei einem A-Junioren-Bundesligaspiel der TSG Hoffenheim, dann bei einer Oberligapartie der TSG Backnang und zum Abschluss noch bei einer Oberligabegegnung der Neckarsulmer SU. Ein anderes Mal fuhr er ins Saarland zu einem Landesligaspiel von Borussia Neunkirchen. Wiederum ein anderes Mal düste er mit seinem Kumpel Dominik Deutschbein an einem Freitagabend nach Belgien, weil sich die beiden die Partie von KAA Gent gegen Standard Lüttich anschauen wollten. „Letztlich haben wir es wegen Staus aber nicht nach Gent geschafft, sondern sind zu einem Spiel des KVC Westerlo gefahren – 1000 Kilometer für ein belgisches Zweitligaspiel“, erzählt Dustin Seidel.

Seine Kriterien für das sogenannte Groundhopping: „Es muss ein richtig gutes altes Stadion wie zum Beispiel in Neunkirchen sein oder der Verein sollte eine geile Fanszene, also eine geile Kurve haben“, berichtet der 24-Jährige. Deshalb sei er beispielsweise schon zwei Mal in Neapel beim SSC oder auch schon des Öfteren in England bei West Ham United, Crytsal Palace oder Newcastle United gewesen.

Über seine Abenteuer auf den diversen Trips schreibt Dustin Seidel in seinem Blog „Buddy Travel and Sports“. „Ich hatte schon immer eine Leidenschaft fürs Schreiben. Da nehme ich mir gerne Zeit dafür und lasse die Eindrücke noch einmal Revue passieren“, berichtet der Vaihinger. In den vergangenen Wochen und Monaten litt das Engagement für den Blog allerdings etwas. „Im täglichen Leben hatte ich nicht so oft die Möglichkeit, Texte zu schreiben“, erklärt er. Das will er nun nachholen. Dabei ist es „mir egal, ob die Geschichten jemand liest. Sie sind sowieso vor allem für mich als eine Art Tagebuch gedacht“, sagt Dustin Seidel. „Von ein paar Leuten bekomme ich aber regelmäßig Rückmeldungen.“

Dustin Seidels Blog:
buddytravelandsports.wordpress.com

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