Ohne Schläger ist Kroll ein fauler Hund

Der Horrheimer hat Probleme, sich für Sport zu motivieren, wenn er nicht auf dem Badmintonfeld steht. Fitnessstudios mag der 30-Jährige gar nicht. Und wenn es ums Laufen geht, gewinnt in der Regel der innere Schweinehund. Dennoch ist er erfolgreich.

Erstellt: 2. Juni 2021
Ohne Schläger ist Kroll ein fauler Hund Wenn Matthias Kroll eine Million Euro zur Verfügung hätte, würde er seinen Teams neue Trikots spendieren und sonstige Ausgaben wie Fahrt- oder Trainerkosten übernehmen. Foto: Archiv/privat

Vaihingen (nac). Die Sportler aus der Region stehen im öffentlichen Fokus und werden meist nach ihren Leistungen beurteilt. Doch wie ticken sie wirklich? In einer Interviewserie stellt die VKZ-Sportredaktion den Menschen hinter dem Sportler vor. Teil 28: Matthias Kroll (30). Der Badmintonspieler aus Horrheim kämpft zum einen in der Landesliga Neckar/Hohenlohe für den BV Mühlacker um Punkte und Siege. Zudem geht der 30-Jährige im Gehörlosensport für den GSV Freiburg an den Start – mit großem Erfolg. Bei der Gehörlosen-DM ist er Stammgast auf dem Podium. Im Jahr 2013 vertrat er sogar Deutschland bei den Deaflympics.

Wie geht es Ihnen?

Mir geht es sehr gut soweit, ich bin zum Glück bisher von einer Covid-19-Infektion verschont geblieben.

Jetzt in der trainings- und wettkampffreien Phase: Wie halten Sie sich fit?

Aktuell mit schnellem Gehen zwei bis drei Mal in der Woche. Ansonsten Dehnübungen und ein wenig Krafttraining zu Hause.

Und wie vertreiben Sie sich Ihre mehr-gewonnene Freizeit?

Mehr Freizeit habe ich gar nicht, da die sportlichen Aktivitäten den Umfang haben den sonst das Badminton-Training gehabt hat.

Was fehlt Ihnen aktuell am meisten?

Das Badmintonspielen – und damit verbunden die sozialen Kontakte, die man im Training, bei Mannschaftsspieltagen oder auf Turnieren hat. Dazu gehört neben dem reinen Spielen auch das gemeinsame Essengehen nach einem langen Spieltag.

Und auf was können Sie generell nicht verzichten?

Sich unbeschwert mit Menschen treffen zu können ohne die Fragen nach Impfung, Maske, Abstand oder Regelungen.

Blicken wir auf die bisherige Saison zurück: Wie lief es?

Die Badmintonrunde hat zwar den ersten Spieltag gehabt, jedoch hatte der BV Mühlacker an diesem spielfrei. Direkt danach wurde die Hinrunde wegen des Lockdowns unterbrochen. Auch die Rückrunde wurde schließlich Ende Januar abgesagt, so dass wir am Ende kein einziges Spiel hatten. Der Verband hat beschlossen die Liga im Herbst mit den Mannschaften und Ligen zu starten, wie sie im vergangenen Jahr gestartet sind – die Saison wurde also einfach nicht gewertet. Auch Turniere haben keine stattgefunden im vergangenen Jahr. Einzig ein Trainingslager für die deutsche Gehörlosen-Nationalmannschaft hatte ich im vergangenen Herbst, kurz bevor der zweite Lockdown begann.

Und mit was sind Sie zufrieden?

Es war schön, dass der Gehörlosen-Verband im Herbst ein Trainingslager organisiert hat. Ich hatte nach dem Saisonabbruch im ersten Lockdown im März 2020 keine Spiele oder Trainingseinheiten mehr auf Wettkampfniveau absolviert. Da war dies eine willkommene Abwechslung.

Wie sehen Sie die Entscheidung des Verbands, die Saison abzubrechen?

Es gab einfach keine andere Möglichkeit. Training ist nicht erlaubt, Veranstaltungen sind nicht erlaubt, und Indoor-Sport ist untersagt. Wenn alles gut läuft, fängt im Herbst einfach die neue Saison an – und wir können wieder Sport machen wie zuvor.

Und wenn Sie Ihre bisherige Laufbahn Revue passieren lassen: Was war Ihr schönstes Sport-Erlebnis?

Das war die Teilnahme an den Deaflympics 2013 im bulgarischen Sofia. Sportlich war für mich zwar in der Vorrunde schon Schluss. Aber allein dort hinzudürfen war ein Erfolg und die Zeit dort einfach unglaublich.

Und welches war das negative Highlight?

Das war in der Saison 2019/2020 der vorletzte Spieltag der Mannschaftsrunde in der Landesliga mit dem BV Mühlacker, der letzte bevor der Lockdown kam. Wir sind als Aufsteiger und Tabellenführer zum direkten Verfolger nach Fellbach gefahren und waren einfach chancenlos an diesem Tag – als gesamte Mannschaft. Dadurch haben wir die Tabellenführung verloren und wenige Tage später wurde die Runde dann wegen Covid-19 abgebrochen. Wir hatten nach dem Aufstieg in die Landesliga eine solche Euphorie, die uns getragen hatte. Und dann haben wir den nochmaligen Aufstieg so knapp verpasst.

Wer war der beste Konkurrent, gegen den Sie jemals haben antreten müssen?

Das dürfte Mikhail Efremov aus Russland sein, gegen den ich bei der Gehörlosen-EM 2014 in Genf in der Vorrunde gespielt habe. Er war einfach in allen Punkten überlegen – taktisch, Fitness, spielerisch. Es hat sogar richtig Spaß gemacht – so kurios das klingt –, gegen ihn zu spielen, obwohl ich chancenlos war. Man muss es einfach genießen, gegen solche Topspieler antreten zu dürfen, und sein bestes Spiel abliefern. Mehr kann man einfach nicht machen.

Es heißt: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau und hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein starker Mann. Wer ist bei Ihnen verantwortlich, dass Sie sportlich so erfolgreich sind?

Da wären zum einen meine Eltern, die mich schon in der Jugend unterstützt haben und mir die Möglichkeit gegeben haben, verschiedene Sportarten auszuprobieren, und die mich dann an den Wochenenden zu Turnieren begleitet haben. Dann habe ich noch großartige Trainingspartner, die mich zum Training antreiben und dann im Training fordern und mir so die Möglichkeit geben, gut zu trainieren. Und zu guter Letzt ist es auch wichtig, dass man selbst einen guten Ehrgeiz und Spaß am Sport hat: Ohne den Sportler selbst bringt das beste Umfeld wenig.

Welches ist Ihr sportliches Vorbild?

Der chinesische Badmintonspieler Lin Dan, weil er einfach über so viele Jahre so dominant gespielt hat – und vor allem, weil er eine fantastische Fußarbeit auf dem Feld und ein super Auge für den Gegner hat.

Wenn Sie nicht die Sportart treiben würden, für die Sie sich entschieden haben, welchem Hobby würden Sie nachgehen?

Motorsport – das habe ich in meiner Jugend schon gemacht, als ich im Kartsport aktiv war. Mit 18 Jahren waren dann aber die Altersklassen zu Ende. Und für weiteren Motorsport hatte ich wohl nicht das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, so dass es ohne Sponsoren nicht weiterging.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Ein Badmintonset, um am Strand ein wenig Badminton zu spielen. Ein Tablet, um mit Freunden und Familie Videotelefonie machen zu können. Und einen großen Sonnenschirm, damit ich nicht gleich Sonnenbrand bekomme.

Wie charakterisiert Sie Ihre Familie und Freunde?

Als ruhig, aber sehr konzentriert und zuverlässig. Als ehrgeizig und manchmal vielleicht auch als schlechten Verlierer, einfach weil ich so ungern verliere.

Und was ist Ihre größte Schwäche?

Dass ich abgesehen vom Badmintonfeld etwas zu faul bin, um Sport zu treiben. Fitnessstudios mag ich gar nicht. Und fürs Laufengehen muss ich meinen inneren Schweinehund überzeugen. Am liebsten stehe ich auf dem Feld und trainiere dort.

Wenn Sie eine Million Euro zur Verfügung hätten, was würden Sie damit machen?

Unser Haus klimaneutral ausrüsten durch Solardach und Erdwärmepumpe. Danach würde ich meine Sportvereine mit neuen Trikots ausrüsten und sonstige Ausgaben wie Bälle, Fahrtkosten oder Trainerkosten begleichen.

Welchen Prominenten würden Sie gerne einmal kennenlernen?

Leonardo di Caprio, weil er ein super Schauspieler ist, schon viel von der Welt gesehen hat und interessante Projekte unterstützt.

Welche Schlagzeile würden Sie über sich gerne einmal in der VKZ lesen?

„Sportler des Jahres“, nachdem ich im Jahr zuvor die Goldmedaille im Gehörlosen-Badminton gewonnen habe.

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