Nur gut zwei Stunden Schlaf in drei Nächten

Jochen Böhringer vom Team Wittraining gewinnt die Hope 1000, einen Ultra-Mountainbike-Marathon von Romanshorn nach Montreux in neuer Rekordzeit von drei Tagen, 17 Stunden und 30 Minuten. Müdigkeit ist dabei die größte Herausforderung für Körper und Geist.

Von Michael Nachreiner Erstellt: 1. Juli 2020
Nur gut zwei Stunden Schlaf in drei Nächten Für die Schönheit der Landschaft hat Jochen Böhringer auf der Hope 1000 kaum Zeit gehabt (oben). Der 41-jährige Tammer gab auf den 1000 Kilometern und mehr als 31 000 Höhenmetern Gas. Manchmal musste er sein Mountainbike aber auch schieben oder tragen. Fotos: privat (2)/Klebe (1)

Nussdorf/Tamm. Als Extrem- oder Langstreckensportler ist man generell etwas verrückt. Doch Jochen Böhringer hat seine positive Verrücktheit jetzt auf die Spitze getrieben. Er hat zum wiederholten Mal an der Hope 1000 teilgenommen, einem Ultra-Mountainbike-Marathon in der Schweiz über 1000 Kilometer und mehr als 31 000 Höhenmeter von Romanshorn nach Montreux. Und in diesem Jahr war etwas anders. Die Topfahrer puschten sich gegenseitig zu Höchstleistungen. Letztlich verbesserte Böhringer in drei Tagen, 17 Stunden und 30 Minuten den alten Streckenrekord um rund elf Stunden und sicherte sich den Sieg vor dem Franzosen Sofiane Sehili (drei Tage 20 Stunden) und dem Deutschen Markus Hager (drei Tage, 21 Stunden und 32 Minuten) und siegte wie im vergangenen Jahr. „Da die Abstände zu den direkten Konkurrenten nie groß war, hat das jeden von uns drei gepuscht und jeden zu Bestleistungen getrieben. Wir haben darüber hinaus so wenige Pausen wie möglich gemacht und in der Regel im Sattel gegessen“, berichtet der 41 Jahre alte Tammer, der für das Team Witttraining aus Nussdorf startet. „Die Zeit war da fast zweitrangig, nachdem sich das Rennen so dynamisch entwickelt hat und wir alle so schnell unterwegs waren. Da war es am Ende wichtiger, die Platzierung ins Ziel zu retten.“

Dabei war eigentlich das Ankommen das Ziel. „Das Finishen von solchen Wettbewerben ist schon eine Leistung für sich. Denn es ist eine riesige Herausforderung, die Strecke überhaupt bewältigt zu haben. Solche Rennen sind auch eine Grenzerfahrung: Wie weit kann ich gehen? Und macht mein Körper und meine Psyche überhaupt so eine Belastung mit? Da ist eigentlich die Platzierung zweitrangig“, erzählt Böhringer. Dennoch hatte sich der Familienvater von zwei Söhnen im Grundschulalter ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. „Es gibt auf jeden Fall Teilnehmer, für die ist die Hope 1000 eine Touristenfahrt. Für mich ist das aber ein echter Wettkampf. Da ich aber nicht wusste, wer genau antritt, hatte ich mir aks Ziel gesetzt, zumindest schneller zu sein als im vergangenen Jahr und vielleicht am Streckenrekord vom Tschechen Stepan Stransky von vier Tagen, vier Stunden und 51 Minuten aus dem Jahr 2018“, berichtet der Tammer.

Dass Böhringer den Streckenrekord angriff, war bereits frühzeitig klar. „Ich wusste, dass Sofiane Sehili, der große Favorit auf den Sieg, weil er bereits mehrere internationale Rennen wie das Atlas-Mountain-Race in Marokko oder die Inca-Divide in Südamerika gewonnen hat, eine Taktik mit wenig Schlaf bevorzugt“, berichtet der 41-Jährige. „Daran habe ich meine Taktik angepasst. Ich wollte ihn gleich zu Beginn aus der Reserve locken, indem ich meine erste Pause so lange wie möglich hinausgezögert habe.“

Deshalb hielt Böhringer erst kurz nach Mitternacht in der zweiten Nacht vom Rad, um sich ein bisschen Schlaf zu gönnen. „Das war so nach 40 Stunden im Sattel“, berichtet der Tammer. Die Pause wurde dann aber länger als geplant. „Ich habe aus Versehen 1:15 Stunde geschlafen, weil ich den Wecker weggedrückt habe und wieder eingeschlafen bin“, erzählt der 41-Jährige.

Prompt zog der zu diesem Zeitpunkt Zweitplatzierte Markus Hager an Böhringer vorbei. „Man kann über das Live-Tracking seine, aber auch die Position der Konkurrenten sehen. Das ist hilfreich, um die Taktik zu wählen. Wenn man zum Beispiel vorne liegt wie ich zu Beginn, macht man erst eine Pause, wenn die Verfolger auch Pausen machen. Denn wenn man nicht eingeholt werden kann, ist das ein psychologischer Vorteil“, berichtet der Mountainbiker aus Tamm.

Der Verlust der Spitzenposition zeigte auch Wirkung. „So schnell habe ich selten zuvor meinen Schlafsack wieder zusammengepackt“, berichtet Böhringer. Und in den folgenden Tagen achtete er penibel darauf, dass er seine Powernaps nicht aus Versehen wieder in die Länge zog. „In der dritten Nacht habe ich drei Mal 15 Minuten geschlafen. Und am vierten Tag musste ich mich mittags noch ein Mal 15 Minuten auf eine Bank legen, weil ich so müde wurde“, erzählt der 41-Jähriger. Damit kam er in den drei Tagen und knapp 18 Stunden gerade einmal auf zwei Stunden und 15 Minuten Schlaf.

Die größte Herausforderung bei so einem Wettbewerb ist auch der Schlafentzug. „Über so lange Zeit mit so wenig Schlaf auszukommen, ist eine neue Erfahrung. Durch den Schlafentzug hatte ich zum Beispiel Probleme mit der Motivation. Ich hatte wie einen Grauschleier auf meinen Gedanken. Da muss man mehr Kraft aufwenden, um sich vorwärts zu puschen“, berichtet Böhringer. Außerdem käme es vor, dass man mentale Aussetzer habe. „In der dritten Nacht hatte ich eine richtige Sinnestäuschung. Mein Kopf hat mir gesagt, der Weg ist abfallend, ich müsste also rollen. Stattdessen musste ich aber stark in die Pedale treten, weil es in Wirklichkeit bergauf ging. Da habe ich mich sofort hingelegt und geschlafen“, erinnert sich der 41-Jährige und ergänzt: „Zum Glück ist so etwas nie auf schwierigen Passagen vorgekommen. Da war ich wohl so mit Adrenalin vollgepummt.“

Beinahe wäre sein Rennen aber doch vorzeitig beendet gewesen. Als er am letzten Tag rund 120 Kilometer vor dem Ziel in Montreux eine steile geteerte Straße runterfuhr, prallte er auf einen entgegenkommenden Pkw, weil dieser zwar bremste, aber nicht Platz machte und zur Seite fuhr. „Ich bin zwar gestürzt. Aber es ist nichts Schlimmes passiert außer ein paar Schürfwunden und Prellungen“, erzählt Böhringer. Auch das Fahrrad sah nach einer ersten Sichtprüfung unbeschädigt aus. Doch als er weiterfuhr, merkte er schnell, dass es sich „schwammig fuhr“, erklärt der 41-Jährige. „Bei einer zweiten Prüfung sah ich, dass der Rahmen gebrochen war.“

Der Tammer schiente den Bruch zwar mit einem Ast und Kabelbinder. „Doch es war klar, dass ich die letzten 120 Kilometer und 4000 Höhenmeter so nicht schaffen würde“, berichtet Böhringer. Seine Versuche, sich ein Ersatzrad zu besorgen, scheiterten zunächst. Bis er in einer Ortschaft eine Frau im mittleren Alter ansprach, die gerade auf ihrem Balkon war. Ihr fielen zwar zunächst auch keine praktikablen Lösungen ein, weil diese entweder zu weit weg oder mit einem großen Umweg verbunden waren. Doch dann bot sie Böhringer kurzerhand ihr altes Mountainbike an. „Es war zwar nicht das, was man sich auf Siegkurs bei einem Rennen wünscht. Denn es war nicht auf dem neuesten Stand und schlecht ausgestattet. Ich bin wie auf rohen Eiern gefahren. Aber es hat funktioniert. Und es war ein Riesenglück, dass die Dame so reagiert hat“, berichtet der Tammer. „Hinterher habe ich mich bei ihr auch mit einem Blumenstrauß und Pralinen bedankt. Denn sie war für mich die Rettung. Und das war keine Selbstverständlichkeit.“

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