Im Pain-Cave mächtig in die Pedale getreten

Alexander Krieger nimmt erstmals an einem virtuellen Radrennen teil, der Frankreich-Rundfahrt. Im Zimmer im heimischen Elternhaus fährt der 28-Jährige zwei Etappen der Tour de France für sein Team Alpecin-Fenix und macht vor allem am ersten Tag auf sich aufmerksam.

Von Michael Nachreiner Erstellt: 18. Juli 2020
Im Pain-Cave mächtig in die Pedale getreten Im Pulk der Avatare versteckt sich auf der von Alexander Krieger (Mitte). Der Vaihinger macht aber auf sich aufmerksam, als er kurzzeitig das Bergtrikot übernimmt. Fotos: Nachreiner (3)/Rachow (1)

Vaihingen/Paris. Der Name spricht für sich: Tour de France. Doch bis die besten Straßenradprofis durch Frankreich rollen dürfen, dauert es in diesem Jahr noch ein bisschen. Erst von Ende August bis Mitte September findet wegen der Covid-19-Pandemie das wahrscheinlich bedeutendste Straßenradrennen der Welt in diesem Jahr statt. Die Straßen in Frankreich werden aber auch jetzt schon für die Radprofis gesperrt – wenn auch nur in der virtuellen Welt. Verschiedene Fahrer nehmen an der virtuellen Tour de France teil – darunter auch der Vaihinger Alexander Krieger vom Team Alpecin-Fenix.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

„Ein Rennen auf der Straße und einen virtuellen Wettbewerb auf der Rolle kann man aber nicht miteinander vergleichen“, berichtet der 28-Jährige. „Das sind zwei unterschiedliche Disziplinen.“ Während man sich auf der Straße auch mal ausruhen könne (Krieger: „Da kann ich auch mal fünf Sekunden aufstehen und muss nicht treten.“), gibt es auf der Rolle keine Erholungsphasen. „Hier muss ich die ganze Zeit Vollgas geben. Das ist brutal hart – und man schwitzt wie ein Iltis“, erzählt der 28-Jährige, der die Etappen auf einer Rolle, die mit dem Programm verbunden war, in seinem Zimmer im elterlichen Haus in Vaihingen in Angriff genommen hat. Außerdem könne man auf der Straße viel durch fahrerisches Können oder eine gute Taktik gutmachen. „Auf der Rolle ist es dagegen wie ein ungleichmäßiges Zeitfahren. Das ist die ganze Zeit ein richtig hohes Ekeltempo“, berichtet Krieger.

Virtuelles Rennen fängt anders als auf der Straße schon vor dem Start an

Und anders als auf der Straße fange das Rennen eigentlich auch schon vor dem Start an. „Würde man wie bei einem normalen Rennen erst am Start anfangen zu treten, wäre man gleich so abgeschlagen, dass man nie mehr zurückkommen würde. Man muss also schon vor dem Start in die Pedale treten – und das richtig heftig. Die letzten rund fünf Sekunden vor dem Start treten wir so neun Watt pro Kilogramm. Das sind insgesamt zwischen 500 und 600 Watt“, erzählt der 28-Jährige.

Doch taktisch agiert man auch bei einer virtuellen Etappe der Tour de France. Dazu hat sich Krieger Unterstützung durch einen E-Sports-Profi geholt, den der Vaihinger per Funk im Ohr hatte. „Er sagt zum Beispiel, an welcher Stelle man sich wie verhalten muss. Denn es wäre ein Fehler, alles gleich zu fahren. Man muss auch bei einem virtuellen Rennen zum Beispiel schnell in einen Berg reinfahren und es oben eher ausrollen lassen. Dazu muss man allerdings die Strecke kennen“, berichtet der 28-Jährige.

Das hat zumindest auf der dritten Etappe am vergangenen Samstag geholfen – Krieger ist nur diese und die folgende am Sonntag gefahren. „In meiner ersten Etappe bin ich wirklich gut gefahren. Ich hatte sogar kurzzeitig das Bergtrikot geholt und mich dadurch kurzzeitig in den Fokus geschoben“, berichtet der Vaihinger. Am Tag darauf „hätte es aber besser laufen können. Die Etappe war vom Profil allerdings auch etwas schwerer. Und die anderen Jungs trampeln auch ganz schön in die Pedale“, erklärt der 28-Jährige. „Aber zum einen bin ich auf einem richtig hohen Niveau in die Welt der virtuellen Rennen eingestiegen. Da sind viele gute Fahrer mitgefahren, die sowieso ein sehr gutes Niveau haben. Zum anderen war ich auch ein bisschen vorbelastet. Ich habe die beiden Etappen der virtuellen Tour de France direkt aus dem normalen Trainingsbetrieb heraus gefahren. Zwar habe ich das – wie bestimmt auch jeder andere – ernst genommen. Aber keiner ist ausgeruht in den Wettbewerb in der virtuellen Welt gegangen und hat aus dem Vollen schöpfen können. Denn richtig wichtig wird es in zwei Wochen, wenn im August wieder die ersten normalen Rennen stattfinden“, berichtet Krieger.

Dem fiebert der 28-Jährige entgegen. „Virtuelle Rennen sind eine gute Sache. Aber mir taugen sie nicht. Man muss der Fahrertyp dafür sein. Und das bin ich nicht wirklich. Man muss zum Beispiel eine hohe individuelle anaerobe Schwelle haben. Wenn man schnell übersäuert, ist das Rennen schnell gelaufen“, erklärt Krieger. „Außerdem muss man Bock haben, im sogenannten Pain-Cave, der in der Regel viel zu warm ist, sich selbst richtig in die Fresse zu schlagen. So etwas muss man geil finden.“

Krieger wird kein Freund von Rennen vor dem Computer auf der Rolle

Aber es sei ein gutes Training gewesen. „Und im Vergleich mit den anderen Fahrern habe ich mich gut aus der Affäre gezogen. Wenn es mal wieder kommt, ist es okay“, berichtet Krieger. Darum schlagen wird er sich aber nicht. „Warum fahre ich denn Straßenradrennen? Weil ich auch draußen sein will“, erklärt er. Und auf den Restart der Saison freut er sich wie ein Schneekönig. Am 1. August nimmt der Vaihinger an einem Ein-Tages-Rennen in Belgien teil. In der Woche drauf ist er bei einer Rundfahrt in Tschechien am Start. Und dann geht es für einige Rennen nach Italien. „Das Rennprogramm sieht gut aus. Ich hoffe nur, dass alles so klappt. Denn in der heutigen Zeit kann man sich ja nicht so sicher sein“, berichtet der Profi im Trikot des Teams Alpecin-Fenix.

Rückschlüsse, wie die Saison laufen könnte, kann man aber aus den virtuellen Rennen nicht ziehen. „Das Ergebnis auf der Rolle kann man nicht auf die Straße projezieren“, erzählt Krieger.

 

HINTERGRUND

Krieger überbrückt Corona-Lockdown vor allem im Heimtraining

Den Corona-Lockdown hat der Straßenradprofi Alexander Krieger gut überstanden. „Da eigentlich relativ schnell Licht am Ende des Tunnels zu erkennen war, also ein voraussichtliches Datum für den Restart der Saison, und man dadurch ein Ziel hatte, auf das man hinarbeiten konnte, habe ich mich gut mit der Situation abgefunden, dass ich nur trainieren, aber keine Rennen fahren kann“, berichtet der 28 Jahre alte Vaihinger im Trikot des Teams Alpecin-Fenix. „Und das gute Wetter macht es auch einfacher.“

In diesen Monaten war Krieger aber hauptsächlich auf sich alleine und seine Trainingskumpels in Vaihingen gestellt. „Vom Team haben wir ein kleines Trainingslager in Belgien gemacht, um die Strecken für die Kopfsteinpflaster-Klassiker schon einmal ein bisschen kennenzulernen. Ich selbst war dann noch einmal für zehn Tage zum Training in Italien“, erzählt der Vaihinger. „Ansonsten war ich in der Heimat. Aber hier haben wir es ja auch nicht so schlecht, was die Trainingsmöglichkeiten betrifft.“ (nac)

Weiterlesen

Auch Landesturnfest wird abgesagt

Drucken Ludwigsburg (red). Aufgrund der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus haben die Organisatoren des Schwäbischen Turner-Bunds (STB) und der Stadt Ludwigsburg entschieden, das Landesturnfest in Ludwigsburg abzusagen, bei dem im Zeitraum vom 21. bis 24. Mai 15 000 Teilnehmer... »