„Der innere Schweinehund ist der härteste Gegner“

Der Ruderer Florian Roller wird nervös, wenn er nicht täglich trainieren kann. Seinen letzten Wettkampf bestritt der dreimalige Weltmeister aber coronabedingt im Dezember 2019. Trotz all der Erfolge prangert er die Bootbesetzungen beim DRV an – zu viel Vetternwirtschaft, seiner Meinung nach.

Erstellt: 2. Dezember 2020
„Der innere Schweinehund ist der härteste Gegner“ Der Ruderer Florian Roller aus Markgröningen wird hibbelig, sobald er nicht täglich trainieren kann. Foto: privat

Markgröningen (nac). Die Sportler aus der Region stehen im öffentlichen Fokus und werden meist nach ihren Leistungen beurteilt. Doch wie ticken sie wirklich? In einer neuen Interviewserie stellt die VKZ-Sportredaktion den Menschen hinter dem Sportler vor. Teil 2: Leichtgewichts-Ruderer Florian Roller (28) aus Markgröningen.

Wie geht es Ihnen?

Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich schreibe gerade meine Masterarbeit und muss (noch) nicht ins reine Homeoffice. Sport treiben darf ich auch. Somit habe ich fast alles, was ich brauche.

Hat sich das Training aber im Vergleich zur Vor-Pandemiezeit verändert?

Ja, das Training hat sich sehr verändert. Im ersten Lockdown durften wir das Vereinsgelände gar nicht betreten. Es war für mich die Hölle, zehn Wochen nicht rudern zu dürfen. Mittlerweile darf ich wieder trainieren. Allerdings muss ich mir online einen Zeitslot reservieren. Da immer nur zwei Personen gleichzeitig auf dem Vereinsgelände sein dürfen, kann es passieren, dass kein Zeitslot mehr übrig ist. Allerdings hatte ich bis jetzt immer Glück und konnte rudern gehen, wann ich wollte. Krafttraining ist zur Zeit leider nicht möglich. Dementsprechend hat sich dieses Jahr sehr viel Trainingszeit auf das Rennrad oder das Ruderergometer verlagert. Auch für uns Leistungssportler gelten viele Beschränkungen.

Was fehlt Ihnen aktuell am meisten?

Aktuell fehlt mir am meisten, dass ich nicht schwimmen gehen kann und dass ich nicht einfach zum Essen und auf ein Bier in ein Restaurant gehen darf.

Und auf was können Sie generell nicht verzichten?

Generell kann ich nicht auf Sport und gutes Essen verzichten.

Blicken wir auf die bisher in dieser Saison absolvierten Wettkämpfe/auf die bisherige Saison zurück: Wie lief es?

Es gab keine Saison. Das letzte Rennen war eine Leistungsüberprüfung im Dezember 2019. Die habe ich damals gewonnen, so dass ich eigentlich mit großen Hoffnungen auf die Saison geblickt hatte.

Was lief nicht so gut?

Dadurch, dass der Deutsche Ruder-Verband nie wirklich Stellung dazu bezogen hat, wie die weitere Saisonplanung aussieht, und die Kommunikation über Wettkämpfe sowie Wettkampfabsagen grundsätzlich nicht mehr als zehn Tage vorher erfolgte, war es sehr schwer, die Belastungsplanung so zu steuern, dass die Höchstleistung zu einem gewissen Zeitpunkt abrufbar ist.

Und mit was sind Sie zufrieden?

Zufrieden bin ich damit, dass ich meine Grundlagenausdauer sehr stark verbessern konnte. Wären im Sommer Wettkämpfe gewesen, hätte ich diese Grundlagenausdauer zugunsten von Wettkampfhärte umwandeln müssen. Diese Grundlagenausdauer ist eine sehr gute Basis für die nächsten Jahre.

Haben Sie noch die Hoffnung, dass die Saison zu Ende gebracht wird?

Nein. Die Saison ist vorbei. Die Hoffnung ruht nun darauf, dass wir 2021 eine Saison haben werden.

Wie sieht für Sie ein optimales Szenario aus, um die Spielzeit zu Ende zu bringen?

Ungestörtes und konzentriertes Training auf die nächste Saison.

Und wenn Sie Ihre bisherige Laufbahn Revue passieren lassen: Was war Ihr schönstes Sport-Erlebnis?

Die drei Weltmeistertitel waren alle Highlights meiner sportlichen Karriere. Einen davon hervorzuheben, ist nicht möglich. 2015 sind wir als klarer Favorit ins Rennen gegangen. Dementsprechend wurde der Titel fast schon erwartet. Dennoch war es mein erster Weltmeistertitel und ein wahnsinnig schönes Gefühl. Die beiden anderen Weltmeistertitel sind so besonders, da sie nicht erwartet wurden. 2016 waren wir aufgrund der Ergebnisse der Vorläufe nur im Mittelfeld einzuordnen. 2018 waren wir Mitfavorit. Die Italiener waren aber klarer Favorit, da sie in der bisherigen Saison alles in Grund und Boden gefahren hatten. Mit einer sehr intelligenten und für die Italiener zermürbenden Renntaktik gewannen wir das Rennen aber deutlich. Deshalb waren alle drei Titel etwas ganz Besonderes.

Und welches war das negative Highlight?

Negatives Highlight war definitiv zu erkennen, dass die Bootsbesetzung für Weltmeisterschaften und World Cups nicht unbedingt nach Leistung erfolgt, sondern zu einem großen Teil aus Politik und sogenannten Freundschaftsdiensten besteht. Dem wollte und konnte ich mich nicht anschließen, so dass ich Weltmeisterschaften und dem Kreis der Anwärter für Olympia 2016 abgesagt habe. Das ist mir jedes Mal sehr schwergefallen. Im Endeffekt muss man sehen, dass der Rudersport nur ein Hobby ist, bei dem ich auch noch viel Zeit und Geld investieren muss. Es gibt auch noch Wichtigeres im Leben, als sich auf der Nase herumtanzen zu lassen.

Wer war der beste Konkurrent, gegen den Sie jemals haben antreten müssen?

Gute Konkurrenten gibt es immer. In einem hochdynamischen Sport ändert sich das von Jahr zu Jahr. Im Endeffekt ist jeder Gegner irgendwie zu schlagen, wenn man nur hart genug an sich arbeitet. Deshalb würde ich sagen, der härteste Gegner ist der innere Schweinehund, den es zu bezwingen gilt. Wenn man den jeden Tag aufs Neue schlägt, ist jeder physische Konkurrent zu bezwingen.

Es heißt: Hinter jedem erfolgreichem Mann steht eine starke Frau und hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein starker Mann. Wer ist bei Ihnen verantwortlich, dass Sie sportlich so erfolgreich sind?

Meine Eltern, da sie mir immer sowohl finanziell als auch in allen anderen Belangen den Rücken freigehalten haben und mich immer unterstützt haben. Hätten meine Eltern mich in der Juniorenzeit nicht immer ins Training oder zu Wettkämpfen gefahren, wäre meine Ruderkarriere schnell vorbei gewesen. Außerdem noch meine Trainer und der Verein, die alles Organisatorische und Finanzielle gestemmt haben.

Und welches ist Ihr sportliches Vorbild?

Das sind die Klitschko-Brüder. Boxen ist zwar keine Sportart, die ich jemals selber betreiben werde, aber ich finde die Klitschkos einfach faszinierend. Sportlich gesehen haben sie es immer geschafft, sich weiterzuentwickeln. Selbst wenn ein Kampf verloren gegangen ist, haben sie diese Tatsache genutzt, um daran zu wachsen. Jede Niederlage hat sie zu besseren und reiferen Sportlern werden lassen. Auf der anderen Seite haben beide neben dem Sport die individuelle Karriere vorangetrieben und setzen sich für ihre Ideale ein. Es gibt nicht viele Sportler auf einem solchen Niveau, die promoviert haben und ihre gesammelten Erfahrungen weitergeben können. Wladimir Klitschko ist Dozent an der Universität St. Gallen. Und Vitali Klitschko hat eine Karriere als Politiker eingeschlagen und ist unter anderem Bürgermeister von Kiew. Die beiden verkörpern genau das, was ich als essenziell für jeden Sportler erachte: duale Karriere und das Einstehen für Ideale. Denn, wie die alten Griechen schon sagten: Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper.

Wenn Sie nicht die Sportart treiben würden, für die Sie sich entschieden haben, welchem Hobby würden Sie nachgehen?

Ich würde eine andere Sportart machen. Biathlon, Radfahren oder Schwimmen sind Sportarten, die ich mir vorstellen könnte. Ein Leben ohne Sport ist absolut undenkbar. Ich werde schon nervös, wenn ich nicht zwei Mal am Tag trainieren kann. Wahrscheinlich würde ich auch viel mehr kochen, da ich es liebe, zu essen und neue Gerichte auszuprobieren. Ohne den Sport würde ich dabei aber ganz schön dick werden.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Ein Ruderboot, viel zu Essen und Plastikfolie, um Wasser aufzubereiten. Damit würde ich ans Festland zurückrudern. Es sei denn die Insel gefällt mir so gut, dass ich bleiben möchte. Dann nehme ich einen Liegestuhl, einen Sonnenschirm und ein Buch mit.

Wie charakterisiert Sie Ihre Familie oder Freunde?

Ich schätze oder – besser gesagt – ich hoffe: sportlich, zielstrebig und hilfsbereit.

Und was ist Ihre größte Schwäche?

Ich kann sehr nachtragend sein.

Wenn Sie eine Million Euro zur Verfügung hätten, was würden Sie damit machen?

Anlegen und mir davon ein schönes Haus am See mit eigenem Ruderboot und zwei Hunden kaufen.

Unabhängig von Geld: Welchen Wunsch würden Sie sich gerne einmal erfüllen?

Ich würde gerne einen Ironman absolvieren. Diese Triathlon-Distanz ist einfach das Höchste, was man sich als Ausdauersportler vorstellen kann. Das wäre eine Leistung, die wirklich beweist, dass man seinen Körper und Geist über jegliche Grenzen hinaus belasten kann.

Welchen Prominenten würden Sie gerne einmal kennenlernen?

Auch wenn das leider nicht mehr möglich ist, wäre das Steve Jobs gewesen. Der Mitgründer von Apple war ein Mann, der immer nach Innovation und klaren Strukturen gestrebt hat. Und mit Pixar oder Apple hat er es geschafft, durch seinen Innovationsdrang die jeweilige Branche zu revolutionieren.

Welche Schlagzeile würden Sie über sich gerne einmal in der VKZ lesen?

Florian Roller findet Lottoschein und gewinnt Jackpot. Er bleibt aber bescheiden und möchte trotzdem als Vorstandsvorsitzender eines Weltkonzerns weiterarbeiten.

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