Beinahe wäre Kriegers Karriere beendet

Im Interview spricht der Straßenradprofi aus Vaihingen über seinen Trainingsunfall vor Weihnachten, als ihn ein Autofahrer übersehen hat, über die Folgen und die Reha. Der 29-Jährige hat aber ein ehrgeiziges Ziel: Er will Ende März schon wieder Rennen fahren.

Erstellt: 6. Februar 2021
Beinahe wäre Kriegers Karriere beendet Mit seinem Kampfgeist hat sich Alexander Krieger nach seinem Aufstieg ins zweitklassige Pro-Continental-Team Alpecin-Fenix nach der Saison 2019 ein gewisses Standing erarbeitet und gilt als einer der besten Neoprofis der Saison 2020. Foto: Roth

Vaihingen. Kurz vor Weihnachten hat Alexander Krieger einen schweren Trainingsunfall erlitten, als ihn ein entgegenkommender Autofahrer in Roßwag beim Abbiegen übersehen hat (wir berichteten). Im Interview mit Michael Nachreiner spricht der 29 Jahre alte Straßenradprofi des belgischen Pro-Continental-Teams Alpecin-Fenix nun über den Unfall, seine Verletzungen und den Rehaprozess.

Wie geht es Ihnen?

Es geht mir wieder recht gut. Bis zur kompletten Genesung oder hundertprozentigen Wiederherstellung dauert es aber noch etwas. Der Unfall war doch etwas heftiger. Aber als Sportler bringe ich wahrscheinlich ganz gute Heilungsvoraussetzungen mit. Und ich mache natürlich auch extrem viel – Physio- oder Ergotherapie und darüber hinaus auch selbstständig einiges. Mein Körper ist schließlich mein Kapital. Deshalb geht es aktuell auch überdurchschnittlich schnell voran. Für mich kann es aber nicht schnell gut vorangehen. Wie es genau steht, erfahre ich in der nächsten Woche. Dann gibt es den nächsten größeren Check-up.

Was dürfen Sie denn schon wieder machen? Und wo sagen die Ärzte, sollen Sie noch etwas kürzertreten?

Ich werde von dem Unfallchirurgen Dr. Matthias Baumann von der BG-Klinik in Tübingen betreut, der auch für die Nationalmannschaft zuständig ist und schon bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 dabei war. Er ist selbst extrem sportaffin, hat zum Beispiel schon den Iron Man auf Hawaii absolviert und auch verschiedene Berge bestiegen – auch 8000er. Ich habe gleich von Anfang an angefangen, an meiner Beweglichkeit zu arbeiten. In der Regel heißt es, sechs Wochen keine Belastung. Ich saß jedoch nach drei Wochen schon wieder auf der Rolle. Und vor etwas mehr als einer Woche bin ich auch schon wieder das erste Mal draußen gefahren. Man darf es aber nicht übertreiben.

Wie sieht die Prognose der Ärzte aus?

Das kann noch keiner wirklich sagen. Man hofft, dass die Beweglichkeit wieder hundertprozentig hergestellt wird. Ich hatte halt unter anderem einen Dehnungsschaden und den Radialis im rechten Arm ein bisschen beschädigt. Der hat sich zum Glück wieder erholt. Denn ohne Radialis kann man seinen Arm nicht mehr richtig bewegen und die Hand nicht richtig ansteuern. Wäre diese Verletzung etwas schlimmer gewesen, wäre meine Karriere vorbeigewesen. Nerven sind aber eine langwierige Angelegenheit. Auch an der Beweglichkeit muss ich noch etwas arbeiten. Ich gehe allerdings davon aus, dass ich auf mein normales Niveau zurückkomme. Jetzt stagnieren halt gerade die Fortschritte. Zuerst sind von Sitzung zu Sitzung beim Physiotherapeuten fünf Grad an Beweglichkeit hinzugekommen, jetzt sind es gerade mal nur noch ein Grad. Und mir kommt die Reha jetzt schon wie eine Ewigkeit vor, obwohl sie noch gar nicht so lange dauert.

Welche Erinnerung haben Sie denn noch an den Unfall oder zumindest an den Tag des Unfalls?

Ich kann mich im Großen und Ganzen noch an die Trainingsfahrt erinnern und weiß, was da so passiert ist. Erstaunlicherweise kann ich mich auch an die letzten zwei Meter erinnern. Ich wusste noch direkt nach dem Unfall, was das für ein Auto war und welche Farbe es hatte. Nach dem Aufprall fehlt aber alles, bis ich ins Krankenhaus in Ludwigsburg kam – was an der Unfallstelle abgelaufen ist, wie Leute mit mir gesprochen haben und wie ich in den Krankenwagen eingeladen wurde. Ich war aber ansprechbar. Dadurch, dass die Kopfverletzungen ziemlich schwerwiegend waren – ich hatte eine Gehirnerschütterung und ein offenes Schädel-Hirn-Trauma –, war ich am Anfang auch etwas vergesslich. Ich weiß nicht, ob da meine Leistungsfähigkeit schon wieder voll zurück ist. Aber ich fühle mich nicht eingeschränkt.

Was genau war denn überhaupt passiert?

Ich hatte eigentlich keine Eile. Es war ein lockeres Training. Und es war nass. Ich kam von Aurich nach Roßwag runter und wollte die leichte Linkskurve auf die Enzbrücke nehmen. Da kam mir ein Autofahrer entgegen, der in den Feldweg direkt an der Brücke einbog. Er hat mich einfach übersehen.

Geht einem kurz vor dem Aufprall noch irgendetwas durch den Kopf?

Es ist ein doofes Gefühl, wenn man weiß, dass man es nicht mehr retten kann. Diese letzte Sekunde kommt einem dann extrem lang vor. Ich habe einfach gemerkt, jetzt kracht es gleich, mehr weiß ich aber nicht mehr.

Hat der Unfall noch psychische Auswirkungen auf Ihr Leben, die sich bis jetzt bemerkbar machen?

Ganz einfach ist es noch nicht. Vor allem im Verkehr fahre ich noch etwas unsicher rum. Ich war auch an der Unfallstelle. Das hilft, auch wenn es sehr komisch war. Ich habe auch mehrmals mit dem Unfallgegner telefoniert. Das hat wahrscheinlich ebenfalls dazu beigetragen, dass ich das Erlebte gut verarbeitet habe.

Wie geht es jetzt weiter? Wie ist die weitere Planung der Reha?

Da muss man etwas von Tag zu Tag schauen. Ich trainiere ohne Trainingsplan. Ich mache halt, was möglich ist. Zum einen strengt der Heilungsprozess an sich an. Zum anderen nehmen die vielen Termine bei Ärzten, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten viel Zeit in Anspruch. Deshalb lasse ich das Training auch manchmal ausfallen, weil ich einfach keine Energie mehr habe. Ich habe allerdings ein ambitioniertes Ziel: Ich würde gerne Ende März wieder Rennen fahren. Manchmal muss man Ziele aber auch wieder zurückschrauben. Ich habe am Anfang zum Beispiel gedacht, die Beweglichkeit würde schneller zurückkommen. Wenn es deshalb April oder sogar erst Mai wird, bis ich wieder Rennen fahren kann, ist das kein Beinbruch. Physio- und Ergotherapie laufen dagegen bestimmt noch Monate weiter. Aber der erste Schritt, dass ich wieder auf dem Rad sitze, ist gemacht.

Wenn Sie Ende März schon wieder Rennen fahren möchten, wie viele Wochen vorher brauchen Sie normales Training?

Das ist eine schwierige Frage. Ich kann auch nicht genau sagen, wie mein Leistungsstand jetzt ist. Ich hatte mich nach dem letzten Rennen im Oktober 2020 mit Corona infiziert. Es war zwar kein schwerer Verlauf, aber ich hatte schon damit zu kämpfen. Dann war ich gerade wieder im Training, als der Unfall kam. Ich bin somit in den letzten drei Monaten nicht viel Fahrrad gefahren und habe etwas mehr Form abgebaut als normal. Und das Ziel März ist ein sehr vages, das ist mir bewusst. Vielleicht werde ich auch belehrt, dass dieser Zeitplan nicht möglich ist. Aber zurzeit erscheint mir dieses Ziel zwar optimistisch, aber realistisch. Und wenn ich mir das Ziel Mai als Wiedereinstieg gesetzt hätte, dann würde es auch Mai werden, selbst wenn die Reha positiv läuft. Ich muss halt jetzt wieder ein Grundlevel erarbeiten. Und dann muss man Anfang oder Mitte März die Situation beurteilen. Ich tue dem Team schließlich auch keinen Gefallen, nur als Statist am Start zu stehen.

Wie sieht das mit Unterstützung durch Ihr Team Alpecin-Fenix aus Belgien aus?

Ich habe da schon Rückhalt. Auch mit der Teamärztin stehe ich ständig in Kontakt. Das Team kümmert sich in gutem Maß. Ich brauche aber auch nicht jemanden, der mich jeden Tag fragt, wie es mir geht oder was man tun kann. Für mich ist es auch einfacher, hier an gute Leute ranzukommen, weil ich mir in der Zwischenzeit im Südwesten Deutschlands ein gutes Netzwerk aufgebaut habe, als für meine Teamärztin, die in Belgien sitzt und kein Deutsch spricht. Wenn ich aber Hilfe bräuchte, würden die Teamverantwortlichen schon was machen.

Die Teamverantwortlichen haben also nicht darauf bestanden, dass Sie nach Belgien kommen?

Heute ist es ja unproblematisch möglich, die Röntgen- oder MRT-Bilder sowie die Arztberichte von überall einzusehen. Außerdem wissen die Teamverantwortlichen, dass ich ambitioniert bin und möglichst schnell zurückkommen will. Und zu Dr. Baumann gehen viele Radsportler. Außerdem spielt auch die soziale Komponente mit rein. Wäre ich nach Belgien beordert worden, würde ich jetzt alleine in einem Hotelzimmer sitzen. Hier habe ich wenigstens noch mein Umfeld. Und mit zwei gebrochenen Armen war ich am Anfang auch ein Pflegefall. Hätte ich alleine gewohnt und mein Vater Hartmut hätte mich nicht unterstützt, hätte ich eine Pflegekraft einstellen müssen.

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